Fußball

Schmadtke sorgt sich um die Liga "Der Fußball hat ein Nachwuchsproblem"

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Schmadtke warnt davor, den guten Saisonstart seines VfL Wolfsburg überzubewerten.

(Foto: imago/regios24)

Jörg Schmadtke hat mit dem VfL Wolfsburg einen starken Saisonstart hingelegt. Im Gespräch mit n-tv.de blickt der Geschäftsführer auch über den eigenen Klub hinaus, spricht über die Wettbewerbsverhältnisse in der Fußball-Bundesliga, die Jagd auf den FC Bayern München und die Probleme im deutschen Nachwuchs.

n-tv.de: Herr Schmadtke, der VfL Wolfsburg hatte sich in den Jahren 2015 und 2016 innerhalb von 13 Monaten vom Champions-League-Viertelfinalisten zum Abstiegskandidaten und Relegationsteilnehmer entwickelt. Gelingt nun fast genauso schnell der Turnaround?

Schmadtke: Davon gehe ich nicht aus. Die damalige Entwicklung war nicht normal. Und genauso wenig wäre es normal, wenn wir nun im kommenden Jahr international spielen.

Warum funktioniert die Mannschaft nun besser als in der vergangenen Saison?

Das hängt mit vielen Dingen zusammen. Wir haben den Kader etwas verändert. Die Neuzugänge haben gut eingeschlagen. Zudem haben die hiergebliebenen Spieler selber ihre Schlüsse daraus gezogen, dass die letzten beiden Spielzeiten mit zwei Relegationsteilnahmen sehr unbefriedigend verliefen. Auch die Vorbereitung war sehr intensiv und hat dazu geführt, dass die Mannschaft körperlich stabiler ist. Und schlussendlich hat unser Trainer Bruno Labbadia in den ersten Saisonspielen den richtigen Matchplan gewählt.

Im Sportstudio haben Sie vor einer Woche gesagt: "Wir hatten heute 25.000 Zuschauer in der Arena - das ist deutlich zu wenig." Wie möchten Sie in der Stadt Wolfsburg, die mit rund 123.000 Einwohnern nicht mit Köln, Hamburg oder München zu vergleichen ist, mehr Menschen für den VfL begeistern?

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Schmadtke will die Menschen in Wolfsburg wieder besser emotionalisieren.

(Foto: imago/regios24)

Menschen interessieren sich für Vereine, weil sie auf irgendeine Art und Weise emotionalisiert wurden. Meist geschieht das schon in der Kindheit: Durch ein tolles Erlebnis im Stadion, das man mit dem Klub in Verbindung bringt. Unsere Aufgabe ist es also, die Menschen zu emotionalisieren und zudem das Misstrauen, das aus den letzten beiden Spielzeiten resultierte, zu beseitigen. Dazu brauchen wir weiter gute Ergebnisse.

Was ist das größere Problem für den deutschen Fußball: Dass wir im internationalen Vergleich zu England oder Spanien aus finanziellen Gründen den Anschluss verlieren könnten? Oder dass wir in Deutschland keinen Meisterschaftskampf mehr haben, weil Bayern München die Liga dominiert?

Wir sollten über beides nicht jammern. Wenn es uns gelingt, den Wettbewerb in der Bundesliga hochzuhalten, werden wir auch international wieder besser abschneiden. Natürlich ist es schwierig, die Bayern aufzuhalten. Sie haben eine Vormachtstellung im deutschen Fußball. Aber jeder Bundesligist sollte alles daran setzen, dass die Bayern die Liga nicht dauerhaft dominieren. Ansonsten wird es auch schwierig, die Bundesliga für den ausländischen Markt attraktiv zu machen. Andere Ligen, wie zum Beispiel England und Spanien, bieten einen spannenden Meisterschaftskampf. In Deutschland war das zuletzt leider nicht der Fall.

Müssten Vereine wie RB Leipzig, Bayer Leverkusen oder eben der VfL Wolfsburg, die große Konzerne im Rücken haben, nicht am ehesten dazu in der Lage sein, den Bayern Paroli zu bieten?

Ich verstehe zwar den Gedankengang, aber ganz richtig ist er nicht. Zum einen sind die wirtschaftlichen Bedingungen beim FC Bayern immer noch ungleich höher. Und zum anderen ist es ja nicht so, dass wir hier in Wolfsburg alles machen können und VW bezahlt. Wir müssen hier genauso wirtschaftlich sinnvoll agieren. Und genauso tun das übrigens auch Bayer Leverkusen und RB Leipzig. Und ernstzunehmender Verfolger der Bayern war zuletzt ja eher Dortmund.

Wie kann die Bundesliga wieder spannender werden? Vielleicht durch Playoffs oder eine Gehaltsobergrenze?

Von Playoffs halte ich nichts. Das würde dem Wettbewerb nur eine künstliche Spannung verleihen. Wir sind eher dazu aufgerufen, eine wirkliche Spannung innerhalb der Bundesliga zu erzeugen. Und eine Gehaltsobergrenze würde nur Sinn machen, wenn diese für alle Fußballvereine der Welt gilt.

Das dürfte schwer umsetzbar sein. Sollte dann vielleicht die 50+1-Regelung fallen, damit Investoren in die Bundesliga investieren können und so mehr Wettbewerb entsteht?

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Zahlreiche Fans wollen nicht, dass an der 50+1-Regel geschraubt wird - auch Schmadtke glaubt nicht, dass das der Bundesliga weiterhilft.

(Foto: imago/Hettrich)

Glauben Sie, die Bundesliga wäre sofort wettbewerbsfähiger, wenn 50+1 kippt? Ich glaube nicht, dass das so einfach ist. Genügend Beispiele aus dem Fußball haben bewiesen, dass man mit viel Geld auch viel Unsinn machen kann. Als Fußballmanager hat man die Aufgabe, aus dem vorhandenen Geld den maximalen sportlichen Gewinn zu erzielen. Das gelang uns zuletzt nicht immer. Als der deutsche Fußball in den Jahren 2000 und 2001 Probleme hatte, haben wir mit der Errichtung der Nachwuchsleistungszentren die richtigen Schlüsse gezogen. Daraus resultierten besserer Fußball und internationale Erfolge. Leider waren wir in Deutschland dann etwas selbstgefällig und haben uns darauf ausgeruht.

Bleiben wir beim Thema Nachwuchs: Die deutsche U 17-Nationalmannschaft scheiterte bei der EM in der Vorrunde, die U 19 verpasste gegen Norwegen die EM-Qualifikation, die U 20 unterlag bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr gegen Sambia. Auch die deutschen U 19-Vereinsmannschaften schnitten in der Uefa Youth League fast durchgängig schlecht ab. Was sagt das über die Qualität des deutschen Fußballs?

Wir haben ein Nachwuchsproblem. Wir haben die positiven Dinge, die wir Anfang 2000 begonnen haben, nicht mehr gänzlich überprüft. Umso wichtiger ist, dass wir das Ausbildungskonzept an die heutige Zeit anpassen. Wir haben noch immer einige Talente in Deutschland. Aber in Gänze müssen wir nachjustieren. Uns sind die Kernkompetenzen des deutschen Fußballs ein wenig verloren gegangen.

Zum Beispiel?

Wir haben Probleme in der Defensive. Wir verschieben zwar ordentlich, machen also taktisch vieles richtig, aber die Eins-gegen-Eins-Zweikämpfe beherrschen wir längst nicht mehr so gut wie früher.

In England ist es üblich, viel Geld für Nachwuchstalente auszugeben, die dann in der U 19 ausgebildet werden. Vereine wie Bayern München oder FC Schalke 04 gehen langsam einen ähnlichen Weg und befüllen ihre A-Jugendmannschaft mit internationalen Talenten. Wird auch der VfL Wolfsburg diesen Weg gehen?

Momentan sind wir gut aufgestellt. Dauerhaft werden wir aber nicht drum herum kommen, das eine oder andere internationale Talent zu verpflichten. Aber das muss man im Einzelfall betrachten und entscheiden. Es ist nicht jedermanns Sache, das Heimatland, sein zu Hause, zu verlassen und in ein Fußball-Internat zu ziehen. Man muss sehr genau hinschauen, wann ein Spieler zu diesem Schritt bereit ist. Zudem gilt: Je jünger ein Spieler ist, desto schwieriger ist es vorauszusehen, ob er am Ende wirklich das Zeug zum Profi hat.

Das Gespräch mit Jörg Schmadtke führte Oliver Jensen

Quelle: n-tv.de

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