Fußball

Marseillaise aus 90.000 Kehlen Der Fußball stemmt sich gegen den Terror

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In London erstrahlt das Wembley-Stadion in den französischen Nationalfarben. Außerdem stehen dort die Werte der französischen Revolution: "Liberté, Egalité, Fraternité!"

(Foto: AP)

Rausgehen und spielen? So einfach wird es nicht für Frankreichs Nationalmannschaft. Der Schock von den Attentaten in Paris ist nicht verarbeitet. Englands Fußballer wollen den Franzosen helfen. Auch der DFB plant ein Zeichen der Solidarität.

Es ist ganz sicher eines der spannendsten und stimmungsvollsten Duelle, das der europäische Fußball zu bieten hat: England gegen Frankreich. Seit 92 Jahren spielen beide Nationen gegeneinander Fußball. 29 Duelle gab's bislang. Geprägt waren die Spiele zumeist von einer erbitterten Rivalität - mit historischen Wurzeln. Diese haben ihren Ursprung im 14. Jahrhundert: Damals fielen englische Truppen in Frankreich ein - der Hundertjährige Krieg begann. Am Dienstagabend treffen die beiden mit internationalen Topstars gespickten Teams im Londoner Wembley-Stadion ab 21 Uhr in einem lange verabredeten Testspiel aufeinander.

Die Marseillaise zum Mitsingen

Allons enfants de la Patrie,

Le jour de gloire est arrivé!

Contre nous de la tyrannie,

L’étendard sanglant est levé. (2×)

Entendez-vous dans les campagnes

Mugir ces féroces soldats?

Ils viennent jusque dans vos bras

Égorger vos fils, vos compagnes.

 

Refrain:

Aux armes, citoyens,

Formez vos bataillons,

Marchons, marchons!

Qu’un sang impur

Abreuve nos sillons!

Den ganzen Text finden Sie hier oder als Video hier.

Doch der sportliche Wert dieses Kräftemessens ist so egal, wie er nur egal sein kann. Die französische Nation steht nach den fürchterlichen Terroranschlägen von Paris am Freitagabend unter Schock. Die internationale Solidarität ist groß. Die westliche Welt erhebt sich gegen den Terror. Doch das stärkste Zeichen sendet die erschütterte Nation selbst. Die Fußballer der "Équipe Tricolore" treten in London an. Die Botschaft ist klar: "Wir stehen zusammen, wir knicken nicht ein."

Was Brüderlichkeit bedeutet

"Aufrecht und stolz" werde sie die Farben Frankreichs tragen, schrieb die französische Nationalmannschaft am Sonntag auf ihrer Facebook-Seite. Einen Tag später machte sich das Team von Nationaltrainer Didier Deschamps dann auf den Weg nach London und dort soll ihnen, anders als sonst, ein herzlicher, ja fast brüderlicher Empfang bereitet werden. Englands ehemaliger Nationalmannschaftskapitän Rio Ferdinand fordert seine Landsleute in einer emotionalen Botschaft auf, sich mit der Mannschaft und den Fans des Erzrivalen zu solidarisieren: "Lasst uns Dienstag unsere französischen Brüder und Schwestern unterstützen, indem wir mit ihnen die Marseillaise singen", twitterte der mittlerweile 37-Jährige. Der britische TV-Reporter Mark Pougatch fordert: "Wenn du ein Ticket für das Spiel hast, ist es jetzt an der Zeit, die Marseillaise zu lernen. Es ist Zeit, der Welt zu zeigen, was Brüderlichkeit bedeutet." Aus 90.000 Kehlen soll vor dem Spiel die berühmte Nationalhymne erklingen. Jene Hymne, die wegen ihrer geschilderten Gewalttaten häufig in der Kritik steht.

*Datenschutz

Der englische Fußball-Verband hat erklärt, dass der Text der Marseillaise auf den Anzeigetafeln zu lesen sein wird. Denn nicht nur die Fans sollen und wollen mitsingen, auch die englischen Nationalspieler haben erklärt, die landesfremde Hymne anstimmen zu wollen. Wie der britische "Telegraph" berichtet, planen die Spieler zudem eine gemeinsame Aktion für ihre Kollegen aus Frankreich. Details dazu wurden nicht genannt. Als weiteres Zeichen der englischen Solidarität mit der Grande Nation wird das Wembley-Stadion seit Samstag in den französischen Nationalfarben angestrahlt. Die Schlagworte der Französischen Revolution "Liberté, Égalité, Fraternité" (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) prangen über dem Eingang. So soll es auch am Länderspielabend sein.

Derweil bemühen sich die französischen Nationalspieler darum, das Erlebte so gut es geht zu verarbeiten. Besonders im Fokus steht dabei natürlich Lassana Diarra. Für den 30-Jährigen von Olympique Marseille wird die Partie gegen England ganz besonders emotional: Er trauert um seine Cousine, die bei der Anschlagsserie ums Leben kam. Dennoch will er auflaufen und damit ein Zeichen setzen, wie er sagt: "In Zeiten des Terrors müssen alle, die ihr Land und dessen Vielfältigkeit repräsentieren, zusammenzustehen gegen den Horror, der keine Farbe und keine Religion hat."

"Sind gefordert, ein Signal zu setzen"

Auch die deutsche Nationalmannschaft will sich am Dienstagabend mit dem Testspiel gegen die Niederlande gegen den Terror stellen. "Jetzt sind wir gefordert, ein Signal zu setzen", sagte DFB-Interimspräsident Rainer Koch der ARD mit Blick auf die Partie in Hannover. Angesichts der Ereignisse in Frankreich sei allerdings klar: "Die Sicherheit hat Prio 1", betonte Koch. Teammanager Oliver Bierhoff erhofft sich vom letzten Länderspiel des Jahres "ein ganz klares Zeichen für unsere Werte, unsere Kultur und unsere Freiheit" und kündigte besondere Aktionen an. Einzelheiten konnte er allerdings noch nicht verraten.

Es würden verschiedene Szenarien besprochen, die möglicherweise in der Arena verwirklicht werden könnten, erklärte Bierhoff. Zur Debatte steht, ob man gemeinsam mit den Niederländern und dem Publikum vor Anpfiff die französische Nationalhymne singt. Das hatte Vize-Kanzler Sigmar Gabriel angeregt. Auch über ein spezielles Trikot beziehungsweise eine besondere Botschaft auf den Hemden wird diskutiert.

Quelle: ntv.de