Fußball

Nagelsmann-Bilanz beim Meister Der "Glücksfall" und die zwei Bayern-Gesichter

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Befreiter Nagelsmann-Jubel nach dem K.o.-Schlag gegen Borussia Dortmund.

(Foto: imago images/ActionPictures)

Nach turbulenten Wochen ist beim FC Bayern München wieder Ruhe eingekehrt. Das liegt auch an Julian Nagelsmann, der mit positiven Gefühlen auf sein erstes halbes Jahr an der Säbener Straße zurückblicken kann. Doch ein Superstar könnte zum Problem werden und die echten Herausforderungen kommen noch.

Wie gut oder schlecht es beim FC Bayern gerade läuft, lässt sich häufig auch daran erkennen, ob die Verantwortlichen des Klubs sich in der Öffentlichkeit gelassen oder angespannt präsentieren. Auf die laute Kritik rund um die Jahreshauptversammlung reagierte Präsident Herbert Hainer beispielsweise noch recht dünnhäutig. Am vergangenen Sonntag wiederum präsentierte er sich im Sport1-Doppelpass locker und gut gelaunt.

Wie er da auf seinem Stuhl saß, die Beine übereinandergeschlagen, den Arm auf die Rückenlehne gelegt - das sagte schon auch viel über die jüngsten Entwicklungen aus. Eine echte sportliche Krise gab es unter dem neuen Trainer Julian Nagelsmann noch nicht, obwohl es durchaus auch heikle Momente gab.

Neben dem Platz häuften sich die Themen: Justizärger um Lucas Hernández, die Coronadebatte rund um fünf ungeimpfte Spieler, damit zusammenhängende Ausfälle und eine weitere Niederlage in Augsburg verschärften die Situation. Und so wurde das Topspiel in Dortmund Anfang Dezember zum ersten großen Schlüsselspiel dieser Saison. Die Bayern hätten im Westfalenstadion die Tabellenspitze herschenken können, taten sie jedoch nicht. Stattdessen aber geht der Rekordmeister jetzt, rund zwei Wochen später, mit neun Punkten Vorsprung in die Winterpause.

Ein Topstart mit einem Makel

Womöglich ist das der Hauptgrund dafür, dass Hainer derzeit so entspannt über alles reden kann. Besonders anzumerken ist ihm diese Leichtigkeit aber, wenn Nagelsmann thematisiert wird. Im Doppelpass bezeichnete er den Trainer als "einen absoluten Glücksfall. Wir sind sportlich sehr gut drauf. Und Julian Nagelsmann ist ein hervorragender Repräsentant für den FC Bayern. Wir sind froh, dass wir ihn haben."

Ein Blick auf die Ergebnisse der Hinrunde genügt, um ihm ein gutes Zeugnis für den sportlichen Bereich auszustellen. Wenn da nicht eben jene 0:5-Niederlage in Gladbach gewesen wäre. Eine Ausnahme? In der Form wohl schon. Und doch ist es damit nicht getan, wie die Wochen danach zeigten. Denn sportlich betrachtet präsentierte sich der Herbstmeister mit zwei unterschiedlichen Gesichtern. Eines zeigten sie bis zum Ausscheiden im DFB-Pokal und eines danach.

Das Bayern-Gesicht vor dem 0:5 in Gladbach

Angesichts der erneut schwierigen Sommervorbereitung war nicht unbedingt damit zu rechnen, dass Nagelsmann sofort durchstarten würde. Die meisten EM-Teilnehmer kehrten erst kurz vor dem Bundesliga-Start zurück. Nagelsmann hatte sich dennoch ambitionierte Ziele gesetzt. Er betonte stets, wie gut das Fundament sei, das sein Vorgänger Hansi Flick in München hinterlassen hatte. Große Änderungen solle man also nicht erwarten.

Zugleich aber wollte er die Defensivschwäche beheben. Wo Nagelsmann die Ursache für die 44 Gegentreffer der Vorsaison sieht, lässt sich nur anhand seiner taktischen Veränderungen ablesen. Sein Ansatz für eine stabile Defensive liegt im Positionsspiel seines Teams - und zwar in eigenen Ballbesitzphasen. Statt das Spiel in nahezu allen Bereichen des Spielfelds in die Breite zu ziehen, wie es unter Flick noch der Fall war, fordert Nagelsmann von seinen Spielern, dass sie sich enger positionieren.

Unschlagbare Bayern zu Saisonbeginn?

Die Flügel sind jeweils durch nur einen Spieler besetzt, wenn der Ball im Zentrum ist - manchmal ist sogar nur ein Flügel besetzt und der andere nicht. Durch die vielen roten Trikots in der Mitte, so die Idee dahinter, müssen sich die Gegenspieler ebenfalls darauf konzentrieren, das Zentrum zu verteidigen. Das wiederum führt zu Raum auf den Flügeln, der im letzten Drittel genutzt werden kann.

Es hat nicht lange gedauert, bis die Bayern sich an diesen neuen Ansatz gewöhnten. Nach einem holprigen Start in Gladbach (1:1) gewannen sie neun Pflichtspiele in Serie - und auch die darauffolgende 1:2-Heimniederlage gegen Frankfurt war eher einem unglücklichen Spielverlauf geschuldet. Bayern beeindruckte nach wie vor mit einer unglaublichen Offensivpower, verteidigte aber gleichzeitig Kontersituationen der Gegner häufiger schon im Ansatz. Neun Gegentore in den ersten 14 Pflichtspielen waren ein klarer Fortschritt zur Flick-Zeit - und selbst die 60 Treffer waren eine nicht für möglich gehaltene Verbesserung. Unschlagbar also?

Das Bayern-Gesicht nach dem 0:5 in Gladbach

Das 0:5 in Gladbach holte alle wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Ab da lief es schleppender für den Rekordmeister. Zumindest etwas. Denn 33 Tore in den vergangenen elf Pflichtspielen sind nach wie vor ein eindrucksvoller Wert. Allerdings gab es eben auch wieder elf Gegentore in dieser Phase.

Und die Gegentore fielen in der gesamten Hinrunde nach einem ähnlichen Muster. Wenn das Pressing der Bayern in Ballnähe nicht greift, ergeben sich ballfern Räume, in denen Gegner schnell in Gleich- oder Überzahlsituationen kommen können. Nagelsmann merkte immer wieder an, dass es um die Bereitschaft der Spieler gehe, die entscheidenden Meter nach hinten zu machen. Zu oft verließen sich Mittelfeldspieler oder Angreifer auf die Restverteidigung.

Wird Lewandowski noch zum Problem?

Das neu eingeführte, viel engere Positionsspiel zeigte in der zweiten Hälfte der Hinrunde die eine oder andere Schwachstelle. Gegen tief verteidigende Gegner taten sich die Bayern beispielsweise schwer, Robert Lewandowski optimal in das Angriffsspiel einzubinden.

Obwohl der Pole erneut 30 Tore in 25 Pflichtspielen erzielt hat, wirkte er in einigen Phasen der bisherigen Saison unzufrieden - was zum Problem werden könnte. Mitunter standen selbst die Spieler, die sonst auf den Außenbahnen für Furore sorgten, zu zentral, weshalb es den Bayern nicht mehr möglich war, eine befreiende Verlagerung zu spielen. Lewandowski hatte es so noch schwerer, Räume für sich zu finden und gefährliche Konter der Gegner häuften sich wieder - besonders über die offenen Flügel.

Nagelsmann glänzt als Moderator

Doch zur Wahrheit gehört eben auch, dass die Bayern trotz dieser kleinen Probleme alle sechs Gruppenspiele in der Champions League gewannen und mit 43 Punkten ein herausragendes Zwischenergebnis in der Bundesliga erreicht haben. Zumal sie sich in nahezu allen relevanten Statistiken verbessert haben - beispielsweise erzielen sie mehr Tore pro Spiel, kassieren aber auch weniger. Letztendlich ist es also Kritik auf sehr hohem Niveau.

Dass das alles zuletzt nicht großartig thematisiert wurde, liegt auch am zweiten von Hainer thematisierten Aspekt beim Trainer: Nagelsmann ist neben den sportlichen Erfolgen auch ein guter Repräsentant des Klubs. Nagelsmann hat einen großen Anteil daran, dass der Gegenwind, der durch die vielen außersportlichen Themen entstand, keinen Schaden angerichtet hat. Mit Witz, Charme, in den richtigen Momenten aber auch mit Ernsthaftigkeit gelang es ihm, all das gekonnt zu moderieren.

Sicher halfen ihm dabei auch die positiven Ergebnisse. Aber allein in den vergangenen acht Pflichtspielen waren diese kein Selbstläufer. Er musste nicht nur komplett auf Joshua Kimmich verzichten, sondern teilweise auch auf Leon Goretzka, der zudem nicht gut in Form war. Auch die Ersatzspieler Corentin Tolisso und Marcel Sabitzer fielen zum Teil aus oder taten sich schwer, in das Team reinzufinden.

Nagelsmann hatte damit ausgerechnet in der Schaltzentrale ein großes Problem. Eine Situation, die viele andere Bayern-Trainer in den vergangenen Jahren zumindest kurzweilig in eine Krise stürzte. Doch er schaffte es, das Team zu stabilisieren. Vielleicht ist das auch die größte Qualität des jungen Trainers: die ständige Anpassungs- und Entwicklungsfähigkeit. Leroy Sanés hervorragende Leistungen in neuer zentraler Rolle und die zuletzt starken Leistungen von Marc Roca sind nur zwei gute Beispiele, die untermalen, dass Nagelsmann ein gutes Händchen für das Teammanagement hat.

Zum Autor
  • Justin Kraft ist freier Autor und Blogger bei miasanrot.de.
  • Als Jahrgang 1993 durch die "Generation Kahn" mit dem FC Bayern in Kontakt gekommen.
  • Fußball-sozialisiert mit der "Generation Lahmsteiger", der er 2019 sogar ein nach ihr benanntes Buch widmete.
Wie geht es weiter?

Und doch wird die Rückrunde äußerst spannend. In der Bundesliga gibt es mit neun Punkten Vorsprung eigentlich nichts mehr zu gewinnen. Im Pokal sind die Bayern raus. Und in der Champions League? Zwar müssen sich die Münchner dort keinesfalls verstecken, aber gerade gegen Ende der Hinrunde hat sich doch mal wieder gezeigt, was ein paar Ausfälle oder Formschwächen anrichten können. Um diesen Wettbewerb zu gewinnen, braucht es auch eine Menge Glück.

Misst man Nagelsmann also ausschließlich an Titeln, kann er ab jetzt eigentlich nur noch verlieren. An der Säbener Straße wird man schlau genug sein, um das nicht zu tun. Aber klar ist auch, dass das Abschneiden in der Champions League großen Einfluss darauf haben wird, ob Hainer und die anderen Verantwortlichen am Ende der Saison wieder so entspannt auf ihren Stühlen sitzen.

Quelle: ntv.de

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