Fußball

Abschied von Bayern und Liga? Der einsame Moment des Robert Lewandowski

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Robert Lewandowski ist mal wieder deutscher Meister. Zum vielleicht letzten Mal.

(Foto: IMAGO/RHR-Foto)

Robert Lewandowski ist der beste Bundesliga-Stürmer der Neuzeit. In zwölf Jahren in Deutschlands Top-Liga holt er zehn Meistertitel, erzielt mehr Tore als alle anderen Spieler, außer Gerd Müller, und doch kommt er nie richtig an. Nach dem 3:1 der Bayern gegen Dortmund flirtet er mit dem Abschied.

Bier um Bier wurde von Frauen in Trachten auf das Spielfeld des Münchener Stadions getragen. 3:1 gegen Borussia Dortmund. Mal wieder beging der FC Bayern München eine Deutsche Meisterschaft weit vor Ende der Saison. Die Feierlichkeiten waren routiniert, angemessen fröhlich und kamen natürlich nicht ohne die obligatorischen Bierduschen aus. Als sich die Spieler über das Feld jagten, Thomas Müller seinen alten Kollegen Bastian Schweinsteiger überschüttete und aus den Lautsprechern nach kurzen Momenten die Partybeschallung den historischen Abend der Zehnsation, des zehnten Titels in Folge, untermalte, stand einer etwas abseits in seiner natürlichen Umgebung. So als wolle er das alles noch einmal in sich aufsaugen.

Der Starstürmer Robert Lewandowski hatte sich den Feierlichkeiten entzogen und verbrachte den Moment nun mit sich. Wieder einmal hatte er gegen seinen ehemaligen Verein getroffen. 23 Treffer in nur 16 Ligaspielen seit seinem Wechsel im Jahre 2014, drei davon allein in den beiden Duellen in dieser Spielzeit. Lewandowski trifft, wie er will und das nicht nur gegen den BVB. Er trifft immer. Doch das könnte sich bald ändern. Nur Minuten nach seinem Solo vor der Südkurve gab er bei Sky ein bemerkenswertes Interview. Es zeugte von einem durchaus gekränkten Ego und einer Unsicherheit über seine eigene Zukunft, womöglich nicht mehr in der Liga. Sein Abschied wäre ein riesiger Verlust für die Liga. Der FC Barcelona soll anklopfen. Auch andere Vereine haben ihn auf dem Schirm.

Unruhe und Ungewissheit

Seit Monaten schon gibt es Geraune um seinen nächsten Vertrag beim FC Bayern München. Sein aktueller läuft im Jahr 2023 aus und bislang ist nichts passiert. Auf dem Platz liefert Lewandowski seine gewohnte Qualitätsware, doch abseits davon herrscht Unruhe und Ungewissheit über das, was kommen wird. All das verströmt den Geruch eines Abschieds, der ein wenig an seinen damaligen Weg in die Allianz-Arena erinnert. Damals hatte es eine regelrechte Auseinandersetzung zwischen dem BVB und seinen damaligen Beratern gegeben.

Es ging auch um die Wertschätzung seiner Leistung auf dem Platz, es ging auch um ein gekränktes Ego, letztendlich jedoch auch darum, dass der BVB zu klein für ihn geworden war. So zog er weiter. Wurde eine Bayern-Legende und kam doch nie so in den Herzen an wie der Ur-Bayer Thomas Müller oder der längst zum Bayern mutierte Ruhrpottjunge Manuel Neuer. Beide stehen exemplarisch für den FC Bayern München, der sich immer auch als FC Deutschland definiert, und die beide wohl ihre Karriere in München austrudeln lassen. Ihre Verträge laufen ebenfalls bis 2023. Sie stehen kurz vor einer Verlängerung.

Lewandowski nicht. Ganz im Gegenteil. Und das kränkt die Tormaschine in ihrem Ego. "Das Einzige, was ich weiß, dass bald ein Treffen kommt", sagte Lewandowski in seinem Interview bei Sky. "Aber was passiert, weiß ich selber nicht. Ich habe gesagt, über meinen Vertrag oder meine Zukunft wurde noch kein Wort gesprochen." Er könne nicht sagen, ob er bleiben wolle, denn das "müssen beide Seiten wissen" und das Gefühl, dass ihn der Verein halten wolle, habe man ihm auch nicht vermittelt. "Das muss man den Verein fragen", sagte er und verschwand nach seiner zehnten Meisterschaft in zwölf Jahren Bundesliga.

Ein möglicher Abgang hatte sich bereits im späten November abgezeichnet. Damals hatte Lionel Messi - und nicht Lewandowski - den Ballon d'Or gewonnen. Trotz zweier unglaublicher Spielzeiten in Folge, trotz seines Torrekords in der Bundesliga, die sich an diesem Abend in Paris ihrem Stellenwert in der internationalen Wahrnehmung bewusst geworden war. Aus dem Meister-Abo war ein klassisches Dilemma erwachsen. Das garantierte über Jahre Bayerns Angriffe in der Champions League, schwächte sie jedoch durch die fehlende nationale Konkurrenz. Über all die Zeit der Bayern-Titel hat die Bundesliga viel von ihrer Strahlkraft verloren. Sie ist eine Liga, in der Bayern die Titel holt, Dortmund die Spieler ausbildet und mit RB Leipzig ein interessantes Projekt erwachsen ist. Mehr nicht. Für das Streben nach Weltruhm sollte man seine Karriere jedoch nicht in der Liga verbringen. Dafür ist sie zu klein. Jeder Rekord wird relativiert.

Der große Fußball findet nicht in der Bundesliga statt

Mit Lewandowski würde die Liga einen ihrer ganz großen Stars verlieren. Wie kaum ein anderer prägte er das Bild der Liga in den vergangenen zwölf Jahren. Erst als Talent aus Polen, das sich mit viel Willen und Leidenschaft in die große Mannschaft der Dortmunder Anfang der 2010er-Jahre spielt und sie mit seinem Viererpack gegen Real Madrid im Frühjahr 2013 auch auf die Landkarte des internationalen Fußballs setzt, und dann beim FC Bayern München, bei dem er Rekord um Rekord erringt. Einmal, im September 2015, erzielt er innerhalb von nur 8:59 Minuten fünf Tore. Es ist die große Gala des Polen. Eine, die für lange Zeit in den Geschichtsbüchern der Liga verankert sein wird. Wie auch seine 41 Tore in der vergangenen Saison und seine nunmehr bereits 310 Liga-Treffer in 381 Spielen.

Doch all seine Dominanz auf dem Platz hat ihm abseits davon nie die Anerkennung gebracht, die solche Leistungen mithin mit sich bringen. Zwar stieg Lewandowski nach seiner letzten Vertragsverlängerung zum Bestverdiener in der Bundesliga auf, doch das fiel bereits in den Niedergang der Liga im internationalen Vergleich. Die großen Stars des Weltfußballs, für lange Zeit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, kickten immer in Spanien und zogen mit ihrem Dualismus um den Ballon d'Or die Aufmerksamkeit auf sich. Der große Fußball wurde spätestens mit der Ankunft der ehemaligen Lewandowski-Trainer Pep Guardiola und Jürgen Klopp in England gespielt.

In Deutschland reihten die Bayern Titel um Titel auf und Lewandowski eben Rekord für Rekord. Doch nie kam er richtig an. Trotz nur zweier Klubs in zwölf Jahren haftete an ihm auch das Klischee eines Söldners, nie wirklich Teil der großen Erzählung. Zu kühl blieb sein Image, obwohl er sich um Anerkennung bemühte. Ihm fehlte das schelmenhafte eines Thomas Müller und ihm fehlten auch die Brüche, die einen Charakter größer werden lassen. Der Erzählung vom konstanten Aufstieg beim ohnehin mit Abstand besten Team des Landes ging jede Leidenschaft ab. Leidenschaft, die sein Spiel ohnehin selten ausstrahlte. Anders als sein Gegenüber an diesem Samstag: Der Noch-Dortmunder Erling Haaland, dem es innerhalb weniger Jahre gelungen ist, ein überlebensgroßes Bild von sich zu zeichnen und zu einem der attraktivsten Spieler auf dem Markt zu werden. Auch für den FC Bayern.

"Haaland ist nicht mein Spieler"

Ob der Dortmunder nicht einer für den FC Bayern wäre, fragte ein norwegischer Journalist Julian Nagelsmann auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. "Es ist besser für mich, über meine Spieler zu sprechen. Aber Erling Haaland ist nicht mein Spieler", sagte er. Noch ist Robert Lewandowski sein Spieler und über den, sagte der 34-jährige Trainer, "müsse man nicht viele Worte verlieren". Ein Blick auf die Statistik genüge: "Es ist selbstredend, was er für eine Bedeutung für uns hat." Mindestens noch für drei Spiele, mit dem Abschluss in Wolfsburg. Dort treten die Bayern am 14. Mai zu ihrem letzten Saisonspiel an.

Am Tag der zehnten Meisterschaft in Folge ist die Aussicht auf eine weitere Saison mit Lewandowski nicht entscheidend höher geworden. Zwischen 40 und 60 Millionen Euro soll der FC Bayern für Lewandowski fordern. In der Bundesliga wird es Zeit für neue Meister und neue Stars, aber einen wie den 33-Jährigen wird es nicht mehr geben und eine derartige Dominanz einer Mannschaft hoffentlich auch nicht mehr.

Quelle: ntv.de

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