Fußball

Empörung über Watzke-Aussagen Der geschichtsvergessene BVB-Boss

imago46362182h.jpg

Hans-Joachim Watzke hat sich mit seiner unsolidarischen Aussage keine Freunde gemacht.

(Foto: imago images/Jörg Schüler)

Hans-Joachim Watzke schimpft schon einsam über die Absage des 26. Bundesliga-Spieltags, nun sorgt der Geschäftsführer von Borussia Dortmund mit klaren Ansagen zum Verhältnis der Profiklubs für Ärger. Und vergisst dabei die jüngere Geschichte seines Vereins.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Uli Hoeneß, die ewige "Abteilung Attacke", im großen Bundesliga-Drama mit dem griffigen Titel "Die größte Krise des Profifußballs", als "Stimme der Vernunft" auftritt? Der immer streitbare Bayern-Macher a.D. hatte im "Doppelpass" von Sport1 angerufen und eine unmissverständliche Forderung an die Großklubs gerichtet: "Die Großen müssen den Kleinen helfen", sagte der Ehrenpräsident des Rekordmeisters. "Es ist die einmalige Chance, Solidarität zu zeigen. Das ist eine große Chance für die Bundesliga und ganz Europa." Hoeneß hatte den Planeten Bundesliga, der sich - das zeigte der lange Widerstand gegen konsequente Entscheidungen in der Corona-Krise - so ausdauernd und konsequent alleine um sich selbst dreht, in die irdische Umlaufbahn geholt.

Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke dagegen entkoppelte die Bundesliga dann am Abend in der "Sportschau" aber gleich wieder von der gesellschaftlichen Realität: "Irgendwann müssen wir ja auch mal zur Normalität zurückkehren. Wir sollten es auch nicht übertreiben." Außerdem überraschte der Diplom-Kaufmann in Zeiten, in denen Schulen geschlossen und das öffentliche Leben nach und nach zum Erliegen gebracht wird, mit dieser Aussage: "Die aktuelle Gesundheitsgefahr für eine Mannschaft, die aus kompletten Athleten besteht und auf dem Rasen trainiert, die würde ich, auch ohne Virologe zu sein, als nicht so gravierend einstufen. Wir sollten jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten."

"Hätte Liga um 75 Millionen entlastet"

Diese Einschätzung ist natürlich getrieben von wirtschaftlichen Erwägungen: Würde die Bundesliga-Saison aufgrund der Coronavirus-Pandemie abgebrochen werden, droht der Liga ein finanzieller Schaden in Höhe von rund 750 Millionen Euro. Eintrittsgelder brechen weg, vor allem aber würde die letzte Tranche der Fernsehgelder für diese Saison zahlreiche Klubs in Schwierigkeiten bringen - die ist nämlich noch nicht ausbezahlt, würde aber fließen, wenn sich die DFL-Klubs auf die Fortsetzung des Spielbetriebs mit Geisterspielen einigen. "Wenn wir jetzt das Derby gespielt hätten - ohne Journalisten, die hätten wir ja auch noch rauslassen können - dann wären noch 80 Leute im Stadion gewesen. Ich glaube, dass das ein vertretbares Szenario gewesen wäre. Es hätte aber gleichzeitig die Liga wirtschaftlich um 75 Millionen entlastet, die wir möglicherweise sonst zurückzahlen müssten", hatte der 60-Jährige schon nach der Absage des 26. Spieltages geschimpft - und stand mit dieser Einschätzung inmitten seiner Kollegen in den Führungsetagen ziemlich einsam da.

7910297edbcb9d5f501704816a82d331.jpg

Für Christian Seifert sind Geisterspiele die einzige Chance zum Überleben.

(Foto: dpa)

Aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist eine Fortführung des Spielbetriebs mit Geisterspielen aber wohl alternativlos: "Es geht nicht mehr darum, wer in der Öffentlichkeit am besten dasteht. Sondern es geht für die Klubs der Bundesliga und der 2. Liga ums Überleben", betonte DFL-Chef Christian Seifert. Kommt Fußball im TV, fließen TV-Gelder - auch, wenn vor leeren Rängen gespielt wird. Für Seifert sind Geisterspiele die "einzige Überlebenschance". Die Fanvereinigung "Unsere Kurve" widersprach der Idee einer schnellen Wiederaufnahme der Saison vehement: "Die Saison muss so lange unterbrochen werden, wie es gesamtgesellschaftlich notwendig ist. Es darf nicht sein, dass das öffentliche Leben stillgelegt wird, der Profifußball aber weiterhin mit allen Mitteln versucht, eine Scheinrealität aufrechtzuerhalten", hieß es in einer Mitteilung am Montag.

"Wirtschaftsunternehmen" und "Konkurrenten"

Für den großen Ärger und auch Verwunderung sorgten aber diese Aussagen des BVB-Bosses: "Wir haben auch ein Wirtschaftsunternehmen. Und ehrlicherweise sind wir auch Konkurrenten. Und da muss man das sehr genau miteinander austarieren, was noch Wettbewerb ist und was kein Wettbewerb mehr ist." Am Ende könnten "nicht die Klubs, die ein bisschen Polster angesetzt haben in den letzten Jahren, dann im Prinzip die Klubs, die das wiederum nicht gemacht haben, dafür auch noch belohnen. Das ist eine sehr diffizile Aufgabe", sagte Watzke, wollte aber immerhin "vernünftige" und "solidarische" Lösungen nicht ausschließen. "Verantwortungslos, sprachlos, weltfremd, realitätsfern, arrogant" waren noch die harmloseren Attribute, die Watzke nach diesen Aussagen vorgehalten wurden.

imago47069600h.jpg

Ausgerechnet der FC Bayern rettete wohl den BVB.

(Foto: imago images/Sven Simon)

"Ich weiß nicht, was ihn dazu getrieben hat. Ich halte das für absolut unsolidarisch", sagte Fortuna Düsseldorfs Vorstandschef Thomas Röttgermann der "Rheinischen Post": "Es war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Inhalt." Röttgermann werde aber den Dialog suchen: "Wir NRW-Klubs werden uns ja ohnehin zusammenschalten, um mit der Politik zu sprechen, dann habe ich die Gelegenheit, ihn darauf anzusprechen." Helge Leonhardt, Präsident des Zweitligisten Erzgebirge Aue, äußerte sich ebenfalls scharf: "Ich denke da völlig anders, weil ich anders erzogen wurde und schon in den letzten 20 Jahren drei große Krisen erlebt und soziale Verantwortung für viele Menschen habe. Und da ging es nicht um Fußballer, die Multimillionäre sind", sagte Leonhardt der "Leipziger Volkszeitung".

Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp hat sich ebenfalls für Solidarität unter den Fußballklubs ausgesprochen. "Es schlägt die Stunde der Solidarität. Der Starke hilft dem Schwachen. Ich würde mir wünschen, dass dieser sehr naheliegende Solidaritätsgedanke bei allen Protagonisten der Bundesliga Konsens ist", sagte Hopp in einem Interview auf der Homepage des Klubs. Für die Idee eines Solidarfonds hege der 79-Jährige "durchaus Sympathie". Und weiter: "Da darf es keine Denkverbote geben. Wir bei der TSG werden ganz sicher eine Idee ausarbeiten, wie wir als Klub der Region unseren Beitrag in dieser Notsituation leisten können."

Auch Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Filbry widersprach Watzke: Man habe es "«mit Dimensionen zu tun, die selbst große Vereine nicht lange durchhalten können", wird der 53-Jährige im "Weser-Kurier" zitiert. "Was uns als Branche jetzt trifft, war nicht vorhersehbar, nicht planbar und nicht versicherbar", betont Filbry. "Da hätten auch keine Rücklagen geholfen. Dafür sind die Beträge, um die es jetzt geht, einfach zu hoch."

2005 selbst vom Konkurrenten unterstützt

Ob Watzke geschichtsvergessen ist? 2005 stand Borussia Dortmund, ein Großklub, der sich finanziell vollkommen übernommen hatte, kurz vor der Insolvenz - und wurde von einem unmittelbaren Wettbewerber um die Titel finanziell unterstützt: "Als sie (die Dortmunder, Anm. d. Red.) mal gar nicht mehr weiter wussten und Gehälter nicht mehr zahlen konnten, haben wir ihnen ohne Sicherheiten zwei Millionen gegeben für einige Monate", erzählte der damalige Bayern-Präsident Hoeneß vor einigen Jahren mal, Watzke bestätigte die Anekdote später.

Laut Geschäftsführer Christian Seifert von der Deutschen Fußball Liga (DFL) wurden Hilfen der Großklubs für kleinere Vereine bei der Mitgliederversammlung der 36 Klubs der 1. und 2. Liga am Montag "nicht thematisiert". Die meisten Teilnehmer der Zusammenkunft hatten hinterher die große Solidarität unter den Klubs gelobt - und sich mit den getroffenen Maßnahmen bis hin zu den Absagen der kompletten Spieltage 26 und 27 voll einverstanden erklärt: "Wir alle kennen unsere Verantwortung, in erster Linie unser aller Gesundheit gegenüber, aber auch darüber hinaus. Wir als Bayer 04 Leverkusen müssen und werden uns nun weiter vorrangig um die Gesundheit unserer Spieler und Mitarbeiter sowie die notwendige Aufrechterhaltung unseres Geschäftsbetriebs kümmern, das hat Vorrang", sagte Fernando Carro, Geschäftsführer von Bayer Leverkusen.

Quelle: ntv.de