Fußball

Wenn alles plötzlich falsch ist Der zermürbte Lucien Favre hat verloren

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Er hat vorerst nichts weiter zu sagen: Lucien Favre.

(Foto: dpa)

Wenn man eigentlich nichts mehr richtig machen kann, dann ist es vorbei. Und so wird die Zeit von Trainer Lucien Favre bei Borussia Dortmund wohl nach dieser Saison zu Ende gehen - die nervige Titelfrage hat den Schweizer mürbe gemacht.

Der FC Bayern war am Dienstagabend in Dortmund halt die bessere Mannschaft. Und weil das so war, weil das Spiel mit 1:0 für die Münchner endete, ist die Deutsche Meisterschaft eben entschieden. Wenn nicht noch etwas passiert, das sie sich selbst in München nicht erklären könnten, dann steht am Ende dieser kuriosen Saison die achte Meisterschaft in Serie. Es wäre eine, die ganz eng mit Hansi Flick verknüpft ist, dem Mann, der sich vom Mini-Interim über den Medium-Interim zum Maxi-Interim und nun womöglich zum Ära-prägenden Trainer des Rekordmeisters geschlichen hat. Niemand in München wird bestreiten, dass der kommende Titel des Trainers Titel ist.

Lucien Favre würde in Dortmund so etwas sicher auch gerne lesen. Wenn auch nicht in der Zeitung, die liest er nämlich nicht. Aus Gründen des Selbstschutzes. Denn was er in den Zeitungen (und auch den Onlineportalen) zu lesen bekommt, hat selten etwas Schmeichelhaftes. Wenn der BVB gewinnt, dann liegt das an der Klasse des Kaders. Wenn der BVB begeistert, dann wegen der phänomenalen Wucht von Erling Haaland oder der spektakulären Kunst von Jadon Sancho. Zuletzt taugten auch das außergewöhnliche Talent von Julian Brandt oder die Formstärke des gewitzten Raphael Guerreiro als Erklärungsansätze für Dortmunder Erfolge.

Borussia Dortmund - Bayern München 0:1 (0:1)

Tor: 0:1 Kimmich (43.)
Dortmund:
Bürki - Piszczek (80. Mario Götze), Hummels, Akanji - Hakimi, Delaney (46. Can), Dahoud (85. Witsel), Guerreiro - Hazard, Haaland (72. Reyna), Brandt (46. Sancho); Trainer: Favre.
München: Neuer - Pavard, Boateng (85. Hernandez), Alaba, Davies - Kimmich, Goretzka - Coman (73. Perisic), Thomas Müller, Gnabry (87. Martinez) - Lewandowski; Trainer: Flick.
Schiedsrichter: Stieler (Hamburg)

Und Favre? Nun, der ist halt da. Das größte Lob für seine Arbeit, so scheint es mittlerweile, ist der Verzicht auf Kritik. Die gab es zuletzt kaum, nun aber wieder umso heftiger. Nach der Niederlage gegen den FC Bayern, der halt die bessere Mannschaft in einem ausgeglichenen Spiel war, ist die Meisterschaft nun zum zweiten Mal in Folge zu Ungunsten der Borussia entschieden. Während die Mannschaft in der Vorsaison einen Neun-Punkte-Vorsprung dramatisch verspielt hatte, verpatzte der BVB seine Titel-Chancen in dieser Spielzeit bereits vor der Winterpause, als es regelmäßig fatale Blackouts gab: die Peinlichkeiten gegen die Aufsteiger Union Berlin und den SC Paderborn, das Debakel von München und die Unerklärlichkeit von Hoffenheim.

Ein unauthentischer Jubel-Wahn

In einer Hinrunde, als die Bayern stolperten und stotterten, stolperte und stotterte auch der BVB. Begleitet von eskalierenden Mentalitätsdebatten und einer intensiven und berechtigten Trainerdiskussion. Das verwob sich dann aber auf so aberwitzige Weise, dass der so besonnene Favre plötzlich in einen völlig unauthentischen Jubel- und Anfeuerungswahn verfiel, um seine Leidenschaft ansehnlich nachzuweisen. Zum Beweis dieser skurrilen Realität gab's dann Bilder eines schmerzverzerrt blickenden Trainers, der im überraschenden "Rausch" eine Oberschenkelverletzung vergessen hatte. Der Schweizer an sich, der taugt eben nur sehr bedingt zum Ausrasten. Fortan reduzierte er die Eskalation wieder.

Aber weder die gelebte Leidenschaft noch das vertrautere introvertierte Coaching haben den Blick auf den rätselhaften Favre verändert. Er blieb kritisch. Eine stabile Rückrunde - auch dank einer offenbar aus der Führungsetage und der Mannschaft erzwungene Systemumstellung - mit bisweilen herausragend guten Spielen wurde eingetrübt durch die Pokal-Sensation von Bremen (Werder gewann tatsächlich!) und den Kontrollverlust in der Liga bei Bayer Leverkusen. Beides ging, na klar, wieder auf Favres Konto. In Bremen wurde ihm der Startelf-Verzicht von Stürmer Erling Haaland vorgeworfen, in Leverkusen war dann eine erneute Systemumstellung schuld an der spektakulären 3:4-Pleite.

Was wäre denn richtig gewesen?

Und nun gegen die Bayern, da war es eben auch wieder Favre, der es vergeigt haben soll. Zwar gibt's dieses Mal öffentlich kaum einen konkreten Vorwurf, aber eben die zermürbende Frage, ob er nicht in der Lage ist, den BVB zum Titel zu coachen. Er höre das seit Monaten, sagte der Schweizer bei Sky und kündigte dann überraschend an, "in ein paar Wochen darüber zu sprechen". Was er damit meint - reine Interpretationssache. Die verbreitetste Variante: Favre hört nach der Saison als Trainer von Borussia Dortmund auf. Möglich, klar. Wahrscheinlich, auch.

Es gäbe dafür vor allem einen guten Grund: Favre kann eigentlich nichts mehr richtig machen. Wenn nun darüber diskutiert wird, dass er gegen München den fahrigen Brandt - trotz guter Momente in der Anfangsphase - und den defensiven Thomas Delaney zur Halbzeit auswechselte, um mit Sancho und Emre Can auf mehr Power und Risiko zu setzen, um die Titelchance zu erhalten, dann ist das aberwitzig. Hätte er es nicht getan, wäre ihm nämlich genau das vorgeworfen worden.

Wenn ihm nun auch vorgeworfen wird, dass er seine gut funktionierende Startelf nach zwei Erfolgen, einem gefeierten gegen Schalke und einem souveränen gegen Wolfsburg, nicht änderte, dann hat er endgültig verloren. Dann geht es ihm wie einst Niko Kovac in München (ohne internes Mobbing indes), der, was für eine Ironie, womöglich sein Nachfolger werden könnte.

Der Kroate gewann zwar Titel, es waren aber niemals seine. Meister und Pokalsieger wurde das Team nicht wegen Kovac - sondern trotz Kovac. Dieser Eindruck hat sich sehr festgesetzt, ganz egal, ob er einer Wahrheitsprüfung standhalten würde. Über dessen Nachfolger Flick werden sie so etwas nicht sagen. Zumindest mal auf absehbare Zeit nicht. Die Meisterschaft, sie wird seine werden. Weil er die Mannschaft eben gut ein- und aufstellt, weil er Spieler wie Thomas Müller und Jérôme Boateng aus ihrer fußballerischen Wertlosigkeit befreit hat, weil er Spiele gewinnt. Mal spektakulär, mal nüchtern. So wie am Dienstagabend, als seine Mannschaft einfach die etwas bessere von zwei guten war.

Aber das hatte vermutlich nichts mit Favre zu tun.

Quelle: ntv.de

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