Fußball

Für Favre bleibt's ungemütlich BVB droht ein gefährliches Krisen-Déjà-vu

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In den vergangenen Wochen begeisterte der BVB mit seiner furiosen Offensive - doch eine Niederlage im Pokal reißt die Stimmung direkt wieder in den Keller.

(Foto: imago images/Moritz Müller)

Die Fußball-Bundesliga hat Borussia Dortmund in den vergangenen Wochen beeindruckend aufgemischt. Vor allem dank Erling Haaland. Der sitzt bei der Pokal-Pleite in Bremen zunächst nur auf Bank. Dem Trainer bringt das Kritik ein. Es droht ein Krisen-Déjà-vu.

Lucien Favre hat ja recht. Natürlich weiß er über den körperlichen Zustand von Erling Braut Haaland besser Bescheid als jene Leute, die ihn nun kritisieren. Sie kritisieren ihn, den Trainer, dafür, dass er den Stürmer beim vergeigten Pokalspiel in Bremen nicht von Beginn an hat spielen lassen. Laut Favre lag das daran, dass Haaland noch nicht hundertprozentig fit sei und vorsichtig eingesetzt werden müssen. Dem halten freilich Favres Kritiker entgegen, dass der Zustand von Erling Braut Haaland gegen Bremen nicht sonderlich alarmierend wirkte. Eher das Gegenteil machten sie aus.

Mit der Einwechslung des Norwegers bekam das zuvor lethargische Spiel von Borussia Dortmund direkt Zug und Torgefahr. Ein Tor gab's vom 19-Jährigen auch - verhindern konnte er die Niederlage aber nicht, auch weil er in der Nachspielzeit noch eine ziemlich gute Gelegenheit liegen ließ. So ist der erste von drei noch möglichen Titeln für die Fußballer des BVB futsch.

Das Blöde an der ganzen Sache: Der Pokalsieg wäre in dieser Saison vermutlich der am einfachsten zu erspielende Titel gewesen. In der Liga sind den Dortmundern mit dem FC Bayern und RB Leipzig zwei starke Gegner etwas voraus, auch wenn diese sich an diesem 21. Spieltag (am Sonntag ab 18 Uhr im ntv.de-Liveticker) im direkten Duell auf jeden Fall Punkte wegnehmen. Und die Champions League ist halt die Champions League. Dort wartet im Achtelfinale mit dem ziemlich unwuchtigen Paris St. Germain zwar nominell eine Millionen-Startruppe. Allerdings wegen mangelnder Kader-Balance eine aus der Kategorie: "Kannste schaffen, kannste aber auch sehr gut rausfliegen." Ergibt in der Summe eine plötzliche Titel-Ungewissheit beim BVB, zumal man mit einem Weiterkommen gegen PSG auch erst im Viertelfinale wäre.

Ganz so nonchalant gehen sie in Dortmund mit dem Pokal-Knockout nicht um - "weil es ein Wettbewerb weniger ist, in dem wir vertreten sind", sagt BVB-Sportdirektor Michael Zorc: "Das tut weh." Und das erhöht auch den Druck in der Meisterschaft noch weiter. Denn mindestens diesen Titel hatten sie ja vor der Saison als Ziel ausgerufen.

Die zehrende Mentatlitäts(debatten)scheiße

Bremen - Dortmund 3:2 (2:0)

Bremen: Pavlenka - Veljkovic, Vogt, Moisander - Bittencourt, Maximilian Eggestein, Klaassen, Friedl - Osako (89. Bartels), Selke (50. Sargent), Rashica (90.+5 Toprak). - Trainer: Kohfeldt
Dortmund: Hitz - Akanji, Hummels, Zagadou (66. Reyna) - Hakimi, Brandt, Witsel, Schulz - Sancho, Reus (89. Can), Hazard (46. Haaland). - Trainer: Favre
Schiedsrichter: Guido Winkmann (Kerken)
Tore: 1:0 Selke (16.), 2:0 Bittencourt (30.), 2:1 Haaland (67.), 3:1 Rashica (70.), 3:2 Reyna (78.)
Zuschauer: 41.616
Gelbe Karten: Bittencourt, Moisander - Schulz (2), Reus, Reyna

Es war ein Ausruf, der offenbar nicht einstimmig beschlossen worden war, denn Favre tut sich mit den Ambitionen seither schwer. Und das, obwohl sein hochtalentierter Luxuskader zunächst im Sommer und nun auch nochmal im Winter schwer aufgemöbelt worden war. Und es ist ja auch nicht so, dass seine Fußballer nicht schon mehrfach gezeigt hätten, was sie können. Wenn sie denn - ja, was eigentlich? Wenn sie motiviert sind? Wenn sie den Gegner ernst nehmen? Wenn sie wollen? Nun, diese Frage sorgte im vergangenen Herbst für mehrere Verbal-Explosionen beim BVB. Vor allem Marco Reus wollte sich die "Mentatlitäts(debatten)scheiße" nicht gefallen lassen. Und irgendwie hatten sie es ja dann auch geschafft, die Diskussion zu beenden - und den angezählten Favre im Amt zu halten.

Allerdings wirkte der Deckel auf dieses Fass nicht souverän fixiert. Spätestens als die Dortmunder kurz vor Weihnachten bei der TSG Hoffenheim eine 1:0-Führung trotz erdrückender Dominanz noch herschenkten (1:2), bekam die Debatte über Mentalitätsmängel wieder Luft. Favre ärgerte sich gar über die "Dummheit" seiner Spieler. Wieder waren reihenweise Chancen vergeben worden. Wieder hatte die Defensive sich eigenartige Aussetzer und mentale Abwesenheiten erlaubt. Erklären konnte Favre das alles aber nicht.

Ein Spiel, alles Mist

In der Winterpause nahm sich der BVB des Themas Leidenschaft an. Mit Haaland kam nicht nur Stürmer, der sensationell viele Tore schießt, sondern einer, der die Themen Einsatz und Wille via Körpersprache und Mimik ausdrückt. Und mit Emre Can wechselte ja schließlich auf den letzten Transferdrücker auch noch ein Mann, der die Hülse Mentalität seit jeher mit reichlich Inhalt füllt. Mehr geht nicht. Und auch wenn Can bislang nur einen Minimaleinsatz im DFB-Pokal hat und Haaland mehr jokert als startet, so lief es ja mit Anpfiff des Pflichtspieljahrs ergebnistechnisch direkt prächtig. Drei Ligaspiele, 15 Tore, Feuer, Freude und Obachtsgefühle bei durchaus beeindruckten Konkurrenten. Nur: Mit der Nachhaltigkeit scheint es (immer noch) nicht allzuweit her beim BVB. Denn die unerwartete Pleite im Achtelfinale des DFB-Pokals bei den formschwachen Bremern hat aus der wohligen Gefühligkeit direkt wieder ein gefährliches Stimmungstief gemacht.

In Bremen wurden die Dortmunder nämlich von jenem fatalen Gift gelähmt, für das sie doch eigentlich das Gegenmittel eingekauft hatten - von toxischen Mentalitätsmängeln. So gestand Nationalspieler Julian Brandt, der als einer der wenigen Dortmunder nach dem Spiel öffentlich redete, dass die "Gier gefehlt" (so ähnlich sprach er in der Hinrunde bereits einmal) habe, "die Tore zu schießen". Favre attestierte seiner Mannschaft derweil Lethargie und haderte mit der körperlosen Spielweise. "Ich war enttäuscht, dass wir fast alle Zweikämpfe verloren haben." Das klingt wie ein fatales Déjà-vu.

Einmal mehr nicht überzeugen konnte Marco Reus. Zwar verteidigen die Bosse, allen voran Zorc, den 30-Jährigen vehement gegen zunehmende Kritik. Allerdings spielt der Nationalspieler trotz sehr starker Werte (elf Tore, sechs Vorlagen in 19 Spielen) und allein zehn Scorerpunkten in seinen sechs letzten Ligaspielen keine konstante Saison. Vor allem in der Herbstkrise war er fußballerisch kaum präsent. Weder als Scorer noch als Kapitän.

Über Reus und seine schwankende Form muss sich Favre vor dem Bundesliga-Spiel gegen Bayer Leverkusen am Samstag (ab 18.30 Uhr im ntv.de-Liveticker) indes keine Gedanken machen. Er hat im Pokal eine Muskelverletzung erlitten und fällt mehr als einen Monat aus. Wer ihn in der Startelf ersetzt? Top-Talent Giovanni Reyna, der in Bremen mit einem phänomenalen Treffer auffällig wurde? Oder doch Haaland? Favre sagt viel, verrät nichts. Aber immerhin hat er nach seinem Aufstellungspoker in dieser Woche gestanden: "Nach dem Spiel ist man natürlich immer schlauer." Eine wichtige Erkenntnis für ein erfolgreiches Krisenpräventionsprogramm. Schnell muss es gehen, sonst wird's für Favre wieder richtig ungemütlich. Und gefährlich.

 

Apropos Bundesliga: Der FC Bayern will im Spitzenspiel gegen Leipzig die Tabellenführung ausbauen, während Borussia Dortmund nach dem Pokal-Aus auf Haaland und Wiedergutmachung hofft. Ein Orkan bedroht das Rheinderby, und Bremen und Union Berlin versuchen die höchste Euphoriewelle zu surfen. Unsere Vorschau auf den 21. Spieltag gibt's hier!

Quelle: ntv.de