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Die Lehren des 33. Spieltags Die Bundesliga braucht die ulibrierte Linie

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"Siehste Kalle, da ist sie gut zu sehen: die ulibrierte Linie!"

(Foto: imago images / Christian Schroedter)

Der DFB braucht dringend Hilfe von Uli Hoeneß und der Klimawandel hat die Bundesliga erreicht: Der 34. Spieltag bringt das heißeste Bundesliga-Finale seit Schalkes "Meisterschaft", seit Jörg Berger die Titanic rettete, seit Michael Ballacks Grätsche ins Verderben.

1. Ulibrierte Linie fehlt - Titelduell bleibt spannend

Sie erinnern sich an das Pokalspiel kürzlich in Bremen? Als Kingsley Coman kurz vor Ende eines wilden Duells spielentscheidend zu Fall kam? Schiedsrichter Daniel Siebert gab Elfmeter, Robert Lewandwoski schoss den FC Bayern ins Finale und Präsident Uli Hoeneß dekretierte hinterher: "Ein hundertprozentig berechtigter Elfmeter." Der DFB erklärte am nächsten Tag ungewöhnlich transparent: Kein Elfmeter, alles Quatsch.

Am Samstag nun wollte der FC Bayern mal wieder Deutscher Meister werden. Er war in Leipzig auch kurz auf einem sehr guten Weg, denn Leon Goretzka hatte sehr sehenswert zur Meisterschaft getroffen, ehe sich der Kölner Keller meldete und dem Rekordmeister an diesem 33. Spieltag der Fußball-Bundesliga vorerst den 29. Titel wieder aberkannte. Lewandowski, von dem der Ball über Umwege zum Torschützen gelangt war, stand - das verriet die kalibrierte Linie, die in solchen Fällen angelegt wird - um eine Schuhgröße im Abseits. Wirklich. Wirklich? "Das sogenannte Abseits", wie es Uli Hoeneß nannte, "ist ja der Witz des Jahres. Das war keine klare Fehlentscheidung. Der Videobeweis ist dafür da, klare Fehlentscheidungen zu korrigieren. Es war gleiche Höhe." War es nicht, wie auch Collinas Erben bestätigen. Nun, Uli Hoeneß ist das vermutlich egal. Wie lässt sich dieses Dilemma nun lösen? Ein Vorschlag von n-tv.de zur Güte: statt kallebrierter (kleiner Scherz) Linie eine ulibrierte Linie einführen - dann gibt es zumindest aus dem Süden keinen Ärger mehr.

2. Abstiege taugen als Erlösung

Das Ende brachte den Schrecken, aber auch die Erlösung: Der 1. FC Nürnberg und Hannover 96 trabten derartig einmütig und frei von jeder Dramatik und Gegenwehr in Richtung Zweitklassigkeit, dass es zum Schluss - so scheint es hier wie dort - eine reine Erleichterung war, als es dann auch rechnerisch "geschafft" war. In Hannover brachte die Mannschaft beim 3:0 über den SC Freiburg die beste Saisonleistung auf den Platz, in Nürnberg schwor man sich gemeinsam mit den Fans auf die "Mission Wiederaufstieg" ein. "Hannover ist eine Fußballstadt, die Fans haben uns über weite Strecken super unterstützt. Das war jetzt nochmal Gänsehaut", staunte 96-Kapitän Marvin Bakalorz.

"Wir haben immer unser letztes Hemd auf dem Platz gegeben, von der Mentalität kann man uns in keinem Spiel etwas vorwerfen. Das ist eine gute Basis für den Abstiegskampf, aber in der Bundesliga gehört mehr dazu. Es ist auch nicht normal, wie die Fans mit uns umgegangen sind, ein großes Danke an alle", sagte Nürnbergs Torwart Christian Mathenia. Und sein Sportvorstand Robert Palikuca richtete schon direkt nach dem Spiel den Blick nach vorne: "In der zweiten Liga kann man auf die Jungs bauen. Sie sind schon einmal aufgestiegen, viele haben  eine hohe Qualität für die zweite Liga. Dieses Grundgerüst werden  wir verwenden und uns drumherum verstärken." Ob man dann das Jahr im Unterhaus zur vielbeschworenen #comebackstronger-Konsolidierung nutzt oder doch zur Selbstauflösung, das bleibt dann ja jedem selbst überlassen.

3. Der Bayern-Dusel geht fremd

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Der Bayern-Dusel (nicht im Bild) in Aktion.

(Foto: imago images / Nordphoto)

Der nicht greifbare Bayern-Dusel kassiert nach der Halbzeit von einem sehr manifestierten Video-Schiedsrichter einen Platzverweis und wandert daraufhin aus Leipzig beleidigt 412 Kilometer gen Westen. Im Westfalen-Stadion angekommen, zieht er sich geschwind ein schwarz-gelbes Jersey über und ist fortan für den BVB tätig. Gerade noch rechtzeitig wird er fertig, um Dodi Lukebakio einen Elfmeter vereiern zu lassen, André Hoffmann wiederum bringt der gern gesehene Geist dazu, den Ball tief in der Nachspielzeit auf eine derart unwahrscheinliche Route durch Manuel Akanjis Arme und touchierend an dessen Rücken zu schicken, dass die Meisterschaft bis zum letzten Spieltag offen bleibt. Inzwischen soll der Bayern-Dusel jedoch schon wieder auf der A9 Richtung Süden gesehen worden sein - in einer Fahrgemeinschaft mit dem Druck, den Dortmunds Geschäftsführer Aki Watzke schon direkt nach dem Spiel auf die Reise nach München geschickt hatte.

4. Der Klimawandel hat die Bundesliga erreicht

Der 34. Spieltag wird so heiß wie schon lange nicht mehr - und das, obwohl ausnahmsweise im Abstiegskampf tatsächlich alle Entscheidungen bereits gefallen sind. Besonders hitzig wird es tatsächlich in den Spielen der beiden Titelkandidaten zugehen. Wenn Borussia Dortmund in Mönchengladbach antritt und der FC Bayern München Eintracht Frankfurt empfängt, geht es für alle vier Klubs tatsächlich um alles, nicht nur um die - gähn - Ehre. Während sich Bayern und Dortmund um die Meisterschaft zanken, spielen Frankfurt und Mönchengladbach im Fernduell mit Bayer Leverkusen um den vierten Champions-League-Platz - und damit um viele, viele Millionen. Und wenn es ganz doof liefe, könnte Eintracht Frankfurt nach einer berauschenden Saison im Endspurt noch ganz aus den Europa-Rängen fliegen. Abschenken is' nich'! Und dahinter balgen sich mit Wolfsburg, Bremen und Hoffenheim noch drei Vereine um Europa-League-Rang sieben. Die Bundesliga lebt. Da wird Fußballfans warm ums Herz.

5. Es ist Zeit für strahlende Helden und bittere Pillen

Der Abstiegskampf war in der Saison 2018/2019 so harmlos wie seit dem Schneckenrennen Hamburg-Braunschweig-Nürnberg nicht mehr, als alle drei Klubs 2013/14 jeweils ihre letzten sechs (!) Spiele verloren. Helden, wie sie weiland der irre Abstiegskrimi 1999 hervorbrachte, als Jan-Aage Fjörtoft seine Frankfurter in letzter Minute völlig verrückt noch über den Strich übersteigerte, gab es dieses Jahr nicht zu bestaunen. Mit der Sang- und Klanglosigkeit, mit der sich Nürnberg und Hannover verabschiedeten, könnte man ganze Schweigeklöster beschallen, ohne für Ärger zu sorgen.

Wer übernimmt also die Verantwortung, uns die großen Momente und die Gänsehaut am letzten Spieltag zu bescheren? Grätscht Mats Hummels wie seinerzeit Michael Ballack die eigenen Farben per Eigentor höchst dramatisch um den Titel? Sichert Christoph Kramer in der Nachspielzeit der einen Borussia die Champions League und vermiest der anderen den Titel? Welche Geschichte wird geschrieben, "die nur der Fußball schreibt"? Welchem Kicker wird am Samstag ein "ausgerechnet" vorangestellt, weil er den Ex-Klub ärgert oder den künftigen in Ekstase versetzt? Der 33. Spieltag hat die Vorlage dafür geliefert, dass das Saisonfinale wieder liefern kann: die Momente, an die sich alle erinnern werden.

6. Die "Generation Laptop-Trainer" muss sich anstrengen

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Julian Nagelsmann (vorne) folgt auf Ralf Rangnick - und muss liefern.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Lucien Favre: 61 Jahre! Ralf Rangnick: 60 Jahre! Dieter Hecking: 54 Jahre! Drei der vier Champions-League-Plätze werden nach dem 33. Spieltag von Teams besetzt, die einem Trainer mit dem Prädikat "routiniert" anvertraut wurden. Alleine die Bayern setzen auf - nunja - die Kraft der Jugend, sind mit ihrem 47-jährigen Niko Kovac aber auch nicht so recht glücklich. Nun wird in Gladbach (es übernimmt der 42-jährige Marco Rose) und in Leipzig (Julian Nagelsmann, 31) zur kommenden Saison der Umbruch auf der Cheftrainer-Position vollzogen, man verspricht sich neue Impulse und Methoden. Die zu Ende gehende Runde bringt das große Aufbäumen einer - bei allem Respekt - alten Garde, die den jungen Nachfolgern neben hochkarätigen Kadern eine undankbare Aufgabe hinterlässt: Jetzt zeigt mal, ob ihr es besser könnt!

Quelle: n-tv.de

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