Fußball

Unsägliche Gier in Kriegszeiten Die Perversität der Fußball-Millionen

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(Foto: IMAGO/Xinhua)

Während in der Ukraine Putins Angriffskrieg wütet und unzählige Menschen flüchten, überbieten sich Scheich-Klubs mit verkommenen Transfersummen und Gehältern. Wie soll man diese Gier nach Geld und Macht noch verstehen? Auch das Champions-League-Finale steht im Fokus.

"Ich zähle kein Geld auf meinem Konto. Das ist mir egal." Diese Sätze spricht Kylian Mbappé in einem Interview mit der britischen Zeitung "The Telegraph" nach seiner Vertragsverlängerung bei Paris Saint-Germain. Das neue Arbeitspapier soll den französischen Weltmeister mit einem Jahresgehalt von 50 bis 60 Millionen Euro ausstatten, dazu erhält er angeblich einen Unterschriftsbonus von unglaublichen 300 Millionen Euro. Boni für Tore, den Ballon d'Or oder den Gewinn der Champions League nicht einberechnet, versteht sich.

Lange sind sich Mbappé und die Fußball-Welt sicher: Der Ausnahmestürmer wechselt zu Real Madrid. Doch auf einmal, so seine eigenen Aussagen im Interview, wird sich der Franzose seinen Wurzeln bewusst, findet bei sich "eine sentimentale Seite" und glaubt, sein Kapitel in Paris sei noch nicht abgeschlossen. Mit den Millionen hat die Entscheidung für PSG also rein gar nichts zu tun. Ein Schelm, wer dem 23-Jährigen Kalkül unterstellt. Wer ihm andichtet, den Real-Poker genutzt zu haben, um noch mehr Geld bei PSG herauszuschlagen und den nächsten Wechsel schon zu planen. Schließlich datiert der neue Vertrag nur bis 2025.

Das soll kein billiger Angriff auf Kylian Mbappé sein, der ein marodes System lediglich clever ausnutzt und seine Strahlkraft meistbietend verkauft. Wer würde nicht das Beste aus der eigenen Situation herausholen wollen? Auch Serge Gnabry zögert angeblich bei einem Angebot von 19 Millionen Euro Jahresgehalt des FC Bayern. Ehrlich und wertebasiert geht das Ganze aber nicht zu. Verkommen trifft es eher.

"Das Geld war nicht das Wichtigste für Kylian"

"Ich bin überzeugt, dass ich mich hier in einem Verein weiterentwickeln kann, der mir alles bietet, was ich brauche, um auf höchstem Niveau zu spielen", sagt Mbappé. "Ich freue mich auch, weiterhin in Frankreich zu spielen, dem Land, in dem ich geboren wurde, in dem ich aufgewachsen bin und in dem ich mir einen Namen gemacht habe." Nun, im gesamten vergangenen Jahr schien ihm diese "sentimentale Seite" nicht sonderlich bedeutend. Und angeblich seien ihm bei Real Gehalt und Handgeld einfach zu mickrig ausgefallen. "Das Geld war nicht das Wichtigste für Kylian, es war der Sport", beteuert jedoch auch PSG-Klubchef Nasser Al-Khelaifi über seinen Schützling, der nun in einer sportlich mittelmäßigen Liga bleibt.

Anders macht es Erling Haaland, der einen Schritt nach vorne geht und aus der Bundesliga von Borussia Dortmund in die stärkste Liga der Welt wechselt, in die Premier League zu Meister Manchester City. Sein 350 Millionen Euro schwerer Mega-Deal soll ihn zum Topverdiener in England machen. 40 Millionen Euro gibt es angeblich pro Jahr für den Norweger, 30 Millionen hat Vater Alf-Inge und 50 Millionen die Agentur des verstorbenen Beraters Mino Raiola für die Verhandlungen kassiert. Selbst der FC Liverpool, der zu den 0,1 Prozent der Superreichen des Weltfußballs gehört, musste sich eingestehen, dass ein Haaland-Transfer nicht zu stemmen ist.

Millionengehälter und -transfers sind natürlich nichts Neues im durchkommerzialisierten Fußball-Business. Aber mal wieder setzen die Klubs einen drauf auf die ehemaligen Geld-Rekorde. Mbappé und Haaland, das sind nicht nur die begehrtesten Fußballer der Welt - ihre neuen Verträge sind auch ein neues Ausmaß an Kommerz. Ein Ausmaß, das langsam aber sicher nur noch Scheich-und-Öl-Klubs (Katar und PSG, Vereinigte Arabischen Emirate und Man City) stemmen können. Ein Ausmaß, das immer perversere Formen annimmt. Besonders in den heutigen Zeiten.

Geld, Macht und Verkommenheit

Denn bei all den zurecht kritisch beäugten Rekordtransfersummen der Vergangenheit tobte kein Krieg in Europa. Tobte nicht der Tod durch die Straßen von Butscha und die Häuser von Mariupol. Tobte vorher nicht eine Pandemie über mehr als zwei Jahre. Natürlich ist das sehr einfach und plakativ, aber es muss trotzdem daran erinnert werden: Täglich sterben in der Ukraine Kinder, Frauen und Männer, kämpfen ums Überleben und ihre Heimat, sind vielleicht für immer traumatisiert, während hier und dort derart saftige Summen rausgehauen werden, dass kein Mensch sie mehr nachvollziehen oder greifen kann.

Wieder einmal wird Fußballfans vor Augen geführt, dass ihre Leidenschaft längst kein Volkssport mehr ist. Dass der Fußball zwischen Millionen-Gier, NFTs und Sportswashing von Unrechtsstaaten seine gesellschaftliche Relevanz verloren hat. Werte wie Solidarität, Aufrichtigkeit, Sportsgeist oder Menschenrechte verkommen zu hohlen Parolen. Geld, Macht und Verkommenheit regieren. Das ist zwar (fast) allen Beobachtern bewusst, es muss dennoch immer wieder betont werden, weil die Mächtigen des Fußballs den Werteverlust gekonnt kaschieren.

Vielmehr gelingt es Staaten mit schweren Menschenrechtsverletzungen, die Verfehlungen des WM-Gastgebers Katars und der Vereinigten Arabischen Emirate sind hinlänglich bekannt, ihre Vergehen zu verbergen und mit Sport reinzuwaschen. "Wir schreiben Weltfußball-Geschichte", darf deshalb PSG-Boss Al-Khelaifi jubeln. Für Katars Staatsunternehmen, das die Geschicke bei PSG leitet, ist die Vertragsverlängerung Mbappés nichts weiter als günstige Werbung, um das Land ins positive Licht zu rücken.

"Spielen Finale für die Menschen der Ukraine"

Und zeitgleich versuchen Fans und Beobachter irgendwie zu begreifen, was diese absurden Fußball-Millionen bedeuten, während ein historischer Zeitenwechsel stattfindet. Während der Kreml die Ukraine dem Erdboden gleichmachen will und der Fokus in Europa auf demokratische und humanistische Werte so wichtig ist wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Zwar greifen am Abend weder Paris noch City nach dem Henkelpott, sondern Real Madrid und der FC Liverpool. Doch auch das Finale der UEFA Champions League findet seinen Platz in der Spirale des Werteabsturzes. Ursprünglich sollte das Endspiel in St. Petersburg stattfinden. Trotz Russlands Annektierung der Krim, trotz verschiedenen Menschenrechtsverletzungen im Land, trotz Kämpfen im Donbass seit 2014, trotz Drohgebärden bezüglich eines Einmarsches in die Ukraine. Das alles kümmerte die UEFA wenig, auch Gazprom war viele Jahre ihr Sponsor. Erst nach dem Beginn von Moskaus Angriffskrieg Ende Februar entschied sie, das Finale nach Paris zu verlegen.

"Wir spielen dieses Finale auch für die Menschen in der Ukraine", sagt Liverpools Trainer Jürgen Klopp in Paris zu der Materie. "Die Tatsache, dass dieses Spiel stattfindet und zwar hier und nicht in St. Petersburg, ist genau die richtige Botschaft, die Russland erhalten sollte. Das Leben geht weiter, selbst wenn du versuchst, es zu zerstören."

Wie soll man das noch verstehen?

Solche deutlichen Statements sind Real Madrids Präsident Florentino Pérez, der am Abend auf der Tribüne Platz nimmt, nicht zu hören. Er passt gut in diese Geschichte über Geld, Macht und Verkommenheit. Der 75-Jährige ist noch immer von der Super League überzeugt, die so etwas wie die sinnbildliche Liga der Mbappé- und Haaland-Summen wäre. Es muss etwas heißen, wenn ausgerechnet PSG-Boss Al-Khelaifi nach einem Treffen mit Pérez im März während des Achtelfinals in der Königsklasse zwischen Madrid und Paris gegenüber der BBC fragt: "Menschen sterben in der Ukraine und haben keinen Platz zum Schlafen, und wir kämpfen für die Super League?"

Der Franzose und der Norweger, Kylian Mbappé und Erling Haaland, sie beide werden den Fußball und wohl auch manches Champions-League-Finale der Zukunft prägen. Das neue, perverse Ausmaß des durchkommerzialisierten Fußballs machen die mit Millionen Überschütteten schon jetzt aus. Während woanders in Europa seit der russischen Invasion in der Ukraine mehr als acht Millionen Menschen aus ihrem Zuhause flüchten mussten und weitere Millionen um ihre Leben fürchten.

Das alles darf nicht vergessen werden, wenn am Abend in Paris andere als Mbappé und Haaland um die europäische Fußballkrone kämpfen. Das alles überhaupt zu verstehen, fällt nicht leicht.

Quelle: ntv.de

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