Fußball

"Sie haben es auch uns angetan" Diese Nacht wird Guardiola für immer verfolgen

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Pep Guardiola umarmt nach dem Spiel Toni Kroos, seinen alten Spieler bei Bayern München.

(Foto: IMAGO/ZUMA Wire)

Mit dem FC Barcelona gewinnt Pep Guardiola zwei Titel in der Champions League. Dann wendet sich das Blatt. Schon mit Bayern München kann er nicht daran anknüpfen. Mit Manchester City ebenfalls nicht. Das dramatische Aus gegen Real Madrid ist der bisherige Höhepunkt seines Scheiterns.

Am Ende eines der größten Comebacks in der Geschichte der Champions League umarmte Pep Guardiola sein Gegenüber Carlo Ancelotti und verließ den Ort seiner Albträume. Es waren keine 60 Sekunden der regulären Spielzeit mehr zu spielen, alle Spielberichte schon geschrieben, da drehten die alten Helden von Real Madrid das Halbfinale gegen Manchester City wie einst Manchester United das Finale gegen Bayern München. Zwei Rodrygo-Treffer und ein Elfmeter von Karim Benzema in der Verlängerung beschworen die Geister des Bernabeu. Pep Guardiola werden sie für immer verfolgen.

Einst war er der Trainer, der den Gewinn der Champions League garantieren konnte. Dieser Ruf eilte ihm voraus. Erst bei Bayern München und dann bei Manchester City. Längst aber ist er ein Symbolbild für dramatisches Scheitern geworden. Auch im sechsten Anlauf wird er dem Klub aus der englischen Premier League nicht den Henkelpott bringen. Lange schon hängt ihm der Ruf nach, in den entscheidenden Momenten zu versagen, seine Mannschaft zu überfrachten. Nicht in diesem Spiel, in dem City für so lange Zeit das bessere Team war und dann so dramatisch versagte. Wie es dazu kam, lesen Sie beim Kollegen Tobias Nordmann in seiner Geschichte "Schreibe Real NIEMALS ab!: City begeht den größten Fehler im Weltfußball". Was die Kapitulation bedeuten wird, das notierten die englischen Medien.

"Fußball ist unberechenbar"

"Das ist die Nacht, die Pep Guardiola für den Rest seines Lebens verfolgen wird", schrieb der "Telegraph": "Man kann ihm 19 Millionen Pfund zahlen, man kann ihm etliche brillante Spieler auf allen Positionen zur Verfügung stellen, aber niemand kann den Schmerz lindern, den er nach diesen zwei Gegentoren in den letzten Minuten vor dem Einzug in ein Finale der Champions League empfinden wird." Das Aus, schrieb der "Telegraph", werde eine "klaffende psychologische Wunde" hinterlassen. Noch in der Nacht stellten englische Zeitungen Guardiolas Zukunft bei City infrage.

Manchester City, die Meister der Spielkontrolle, haben wieder einmal ein Spiel aus der Hand gegeben. Gute Nachrichten für den Fußball, der erneut beweisen konnte, dass er in seinen besten Momenten weiter magisch, voller Kraft und voller Geschichten ist. Real Madrid und Carlo Ancelotti erzählen sie in diesen letzten Momenten des Dramas im europäischen Klub-Fußball, der in den meisten Ligen darniederliegt und der in der Endphase der Champions League teilweise dafür entschädigt.

"Wir waren so nah am Ziel, aber Fußball ist unberechenbar. Es ist manchmal einfach so, das gilt es zu akzeptieren", sagte Guardiola, nachdem er inmitten des euphorisierten Jubels ziellos über den Platz gelaufen war, hier einem Spieler auf die Schulter klopfte und dort einen umarmte. "Unberechenbar", ein Wort, das der Taktikfuchs aus dem Spiel eliminieren wollte. Gelungen ist es ihm nicht. "Wir werden Zeit brauchen, das alles zu verarbeiten", ergänzte der Spanier: "Die Spieler sind traurig."

Der Guardiola-Fluch ist nicht neu

Dabei war City über beide Spiele die bessere Mannschaft. Aber eine ohne Instinkt für die großen Momente, die in dieser Saison in Europa Carlo Ancelottis Mannschaft gehören. "Die Spieler von Real Madrid haben so etwas schon erlebt. Wir haben es nicht erlebt", sagte Guardiola über das Comeback. "Wir wussten, was sie in der Vergangenheit getan haben und sie haben es auch uns angetan. Als wir richtig gut waren, haben sie das Ding einfach gedreht."

Auf Pep Guardiola, es lässt sich nicht leugnen, lastet ein Fluch. Anders lässt sich das Drama um den katalanischen Trainer nicht mehr erklären. In grauer Vorzeit einmal war der 51-Jährige der, der den Fußball in die Zukunft führte. Mit Barcelona gewann er in den Jahren 2009 und 2011 nicht nur zweimal die Champions League, sondern überführte das mitunter statische, defensivlastige Spiel des frühen 21. Jahrhunderts in das von Dominanz geprägte der Neuzeit. Nach seinem Abgang aus Barcelona führte er erst Bayern München weg von der Bundesliga-Konkurrenz und arbeitet nun seit sechs Jahren an der Neuausrichtung des englischen Fußballs.

In der Premier League ist er mit Manchester City allen anderen Teams weit enteilt. Er hat nur noch einen Gegner: Jürgen Klopp und Liverpool, mit denen er sich Saison für Saison epische Schlachten um die Meisterschaft liefert. Solange das Team des deutschen Trainers nicht für ein Jahr untertaucht, sich neu ausrichtet und dann wieder angreift. Guardiolas Dominanz ist konstant und befeuert von dem Geld des Scheichs Mansour bin Zayed Al Nahyan, der sich seinen Traum vom Gewinn der Champions League Milliarden kosten lässt. Ohne Erfolg. Immer, wenn es um die Champions League geht, scheitert Guardiola.

Als sich unter Boateng der Boden öffnete

Nicht erst, seit er bei Manchester City angeheuert hat, sondern schon seit seiner Zeit bei den Bayern, mit denen er dreimal in Folge im Halbfinale scheiterte. Im ersten Jahr kollabierten die Münchener zu Hause gegen Real Madrid. 0:4 hieß es für den Titelverteidiger, der binnen Minuten durch zwei Kopfballtreffer von Sergio Ramos aussichtslos in Rückstand geraten war und sich nach dem 0:1 im Hinspiel aufgab. Guardiolas Mannschaft? Kollabiert!

In der Saison darauf überrannte Barcelona die Bayern in den letzten 15 Minuten. 3:0 hieß es am Ende des Hinspiels. Die Szene vor dem 2:0 ging um die Welt. Lionel Messi drang in den Strafraum ein, deutete an, nach links zu ziehen, zog den Ball nach rechts, der bemitleidenswerte Jérôme Boateng drehte sich um die eigene Achse, stürzte und verschwand in einem Loch, das sich unter ihm auftat. Im Fallen sah er Messi, der den Ball über Manuel Neuer lupfte. Es war sein zweiter Treffer in nur vier Minuten. Guardiolas Mannschaft: Kollabiert!

Auch mit City kollabierte eine Guardiola-Mannschaft. Das war 2019. Als sie gegen die Tottenham Hotspur in einem wilden Spiel früh zwei Tore durch Heung-min Son kassierten, sogar noch einmal zurückkamen, aber letztendlich aufgrund der damals noch geltenden Auswärtstorregel als großer Favorit ausschieden. Auf Pep Guardiola lastet ein Fluch. Und all die Meistertitel können daran nichts ändern. Für die Champions League reicht es nicht. Diese Nacht wird ihn und City wahrlich noch lange verfolgen. Das ist gewiss.

Quelle: ntv.de

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