Fußball

Spiel kurz nach Bombenanschlag Dortmunds Trainer knöpft sich die Uefa vor

Borussia Dortmund verliert seine Champions-League-Partie gegen Monaco und ist dennoch stolz: Die Mannschaft zeigte Charakter. Dass kurz nach dem Anschlag überhaupt gespielt werden musste, macht die Verantwortlichen fassungslos. Coach Tuchel wütet.

Als Thomas Tuchel eine knappe Stunde nach dem Schlusspfiff des Hinspiels des Champions-League-Viertelfinals gegen den AS Monaco auf dem Podest im Presseraum des Dortmunder Stadions Platz nahm, wirkte er so, als sei er immer noch mitten im Wettkampfmodus. Ein wenig niedergeschlagen ob der 2:3-Niederlage, mitgenommen von den Ereignissen der letzten 24 Stunden, die an die Substanz gegangen waren, aber in erster Linie kämpferisch. "Wir haben im Rückspiel eine große Aufgabe vor uns", verkündete der Schwabe und verknüpfte diese Aussage mit dem Hinweis: "Wir werden daran glauben."

Ein solches Ergebnis im eigenen Stadion, das würde unter normalen Umständen das Selbstverständnis der so extrem heimstarken Borussia ankratzen. Doch was war an diesem Abend schon normal, nachdem die Fußballwelt in Folge des perfiden Sprengstoffanschlags gegen die Mannschaft kaum 24 Stunden zuvor so nachhaltig erschüttert worden war?

Danach war alles anders, es ging einzig und allein darum, dem Trauma einigermaßen Herr zu werden und sich in die Lage zu versetzen, dem Beruf zumindest halbwegs geregelt nachzugehen. Es erschien als eine kaum zumutbare Aufgabe, auf der großen Bühne zu reüssieren und auf höchstem Niveau Fußball zu spielen. In der ersten Halbzeit misslang das vollkommen, Monaco führte mit 2:0 und profitierte von haarsträubenden Schnitzern einer Dortmunder Mannschaft, die sich völlig von der Rolle präsentierte.

Dass sich seine Belegschaft danach zu einer signifikanten Leistungssteigerung aufraffte und das Spiel beinahe noch gedreht hätte, nötigte dem Trainer den höchsten Respekt ab: "Die Mannschaft hat eine tolle Reaktion und unglaublichen Charakter gezeigt."

"Gefühl der Ohnmacht"

Trotz fünf Treffern und einem mehr als unterhaltsamen Spielverlauf ging es hernach nicht in erster Linie um das Geschehen auf dem Rasen, sondern um die Frage, eine solch bedeutsame Begegnung so kurz nach diesen traumatischen Begebenheiten zu terminieren. Tuchel hat dazu eine klare Meinung, die er unmissverständlich mitteilte. Er habe von Beginn an dafür plädiert, den Spielern mehr Zeit einzuräumen, mit den dramatischen Vorkommnissen klarzukommen, doch darauf sei keinerlei Rücksicht genommen worden.

Stattdessen, so kritisierte der 43-Jährige schonungslos, wurden die Dinge vom europäischen Fußballverband Uefa ohne jedes Mitspracherecht im Schnellverfahren über die Köpfe der Beteiligten hinweg entschieden: "Wir wurden per SMS informiert, dass das Ding in der Schweiz entschieden wurde. Das Ganze fühlte sich ziemlich bescheiden an." Bei ihm und seinen Mitstreitern habe sich "ein Gefühl der Ohnmacht" festgesetzt. Gepaart mit einer Geringschätzung, "als sei eine Dose Bier gegen unseren Bus geflogen".

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Nach dem Abpfiff mussten mehrere Spieler der Borussia mit ihren Tränen kämpfen.

(Foto: imago/MIS)

Tuchel bewertete bei seiner Einschätzung ausdrücklich nicht nur diesen perfiden Anschlag, "der unserem Leben galt", sondern auch die sportlichen Ambitionen. Es gehe nicht nur darum, das Trauma zu verarbeiten, "sondern auch um unseren Traum, in der Champions League weiter dabei zu sein". Und da war das Timing nach den Explosionen alles andere als optimal, weil der Fokus signifikant verschoben war. Tuchel betonte in eindrucksvollen Worten, er habe an diesem Abend nicht das Gefühl gehabt, "dass die Mannschaft in der Stimmung, in der Fokussierung war, den Unterschied zu machen".

"Wir sind alle Menschen"

Eine Einschätzung, die seine Spieler bestätigten. Keeper Roman Bürki betonte, man habe den Dortmundern "keinen Gefallen getan, dieses Spiel nicht mal 24 Stunden nach einem Anschlag anzusetzen. Ich hatte nicht eine Stunde Schlaf in der Nacht, das ist keine optimale Vorbereitung." Manndecker Sokratis beschrieb seine Befindlichkeiten mit betont grimmiger Miene und drastischen Worten: "Das war heute der schlimmste Tag meines Lebens. Ich fühlte mich wie ein Tier, nicht wie ein Mensch."

Sein Mitspieler Julian Weigl ergänzte, er habe es zu Spielbeginn "stark gemerkt, dass wir nicht so frei spielen konnten, wie wir das eigentlich können. Zum Glück haben wir uns dann ein Stück weit davon gelöst und in der zweiten Halbzeit einfach die Köpfe ausgeschaltet."

Die emotionalsten Worte fand Nuri Sahin, der nach dem Seitenwechsel ins Spiel kam und eine starke Vorstellung ablieferte: "Bis zum Anpfiff war bei mir alles im Kopf, aber kein Fußball", berichtete der Türke und musste bei seinen Worten die Tränen zurückhalten. "Wir sind alle Menschen. Was gestern passiert ist, das wünsche ich niemandem. Als ich gestern nach Hause kam und meine Frau und mein Sohn vor der Türe standen, da habe ich erst realisiert, wie viel Glück wir hatten."

Bevor er in den Feierabend verschwand, fand der Ur-Dortmunder sogar noch einen positiven Ausblick, der Mut machen sollte für das Rückspiel in einer Woche, das nach Lage der Dinge unter weit weniger dramatischen Begleiterscheinungen stattfinden wird: "Das zweite Tor war heute Gold wert für uns."

Quelle: n-tv.de

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