Fußball

Ein Modus, viele Fragen EM-Regularien sorgen für Staunen und Ärger

Am Samstag werden die Vorrundengruppen für die Fußball-Europameisterschaft 2020 ausgelost. Das immerhin steht fest, vier der 24 Teilnehmer jedoch noch nicht. Es gibt viele Fragen rund um dieses Turnier. Nicht alle können schon beantwortet werden.

Joachim Löw freut sich auch auf seine vierte Gruppenauslosung als Bundestrainer für eine EM-Endrunde. Planungssicherheit rund ein halbes Jahr vor dem Turnier findet der 59-Jährige immer gut. Am Samstag (18 Uhr) in Bukarest wird der DFB-Chefcoach allerdings erst zwei der drei Vorrundenkontrahenten für das Turnier vom 12. Juni bis 12. Juli erfahren. Diese Besonderheit ist nur ein Kriterium einer gänzlich ungewöhnlichen EM. "Mit der Auslosung bekommt ein Turnier sein Gesicht, daher freue ich mich auf die Reise nach Bukarest. Wenn wir unsere Gegner und weitere mögliche Konstellationen kennen, können wir in die weiteren konkreten Planungen einsteigen", sagte Löw vor der Abreise zur Auslosung.

Welche Gegner drohen der deutschen Nationalmannschaft bei der EM?

Die Auswahl von Bundestrainer Löw ist nach Platz eins in der Quali-Runde im Topf der besten sechs Teams platziert. Dennoch könnte es zu echten Krachern schon in der EM-Vorrunde kommen. So ist eine Gruppe mit Weltmeister Frankreich aus Topf zwei und Europameister Portugal aus Topf drei möglich. Andere Alternativen aus Topf zwei sind die Schweiz, Kroatien oder Polen. Aus Topf drei könnten es auch Schweden, Österreich, die Türkei oder Tschechien werden. Der Gegner aus Topf vier steht hingegen erst am 31. März 2020 fest. Die aus DFB-Sicht wohl leichteste Gruppe F bestünde aus Deutschland, Tschechien, Polen und dem Kosovo.

Wieso werden nicht alle Gruppen komplett ausgelost?

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Ob sie im Sommer 2020 in München wieder aufeinandertreffen?

(Foto: imago images/Passion2Press)

Erstmals werden vier der 24 EM-Tickets über die Play-offs der neuen Nations League ermittelt. Die K.-o.-Spiele finden am 26. und 31. März statt. Eine exakte Zuordnung ist erst dann möglich. Fest steht aber: Der deutschen Gruppe wird der Sieger des Playoff-Pfades A mit Island, Bulgarien oder Co-Gastgeber Ungarn zugeteilt. Nur, wenn sich in dieser Gruppe das vierte Team Rumänien durchsetzt, wird die DFB-Elf bei der EM gegen den Sieger des Pfades D spielen, da Rumänien dann als Co-Gastgeber in die Holland-Gruppe gehen würde. Im Pfad D spielen zunächst Georgien - Weißrussland und Nordmazedonien - Kosovo.

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Wieso stehen manche Konstellationen dafür schon jetzt fest?

Auch das ist dem besonderen Modus mit zwölf Gastgebern und diversen politischen Vorgaben geschuldet. Jeder Gastgeber soll in seiner Heimgruppe spielen. Deutschland, England, Spanien und Italien sind aus Topf eins ihrer Heimgruppe zugeteilt. Belgien muss in die Russland-Gruppe, da das sechste Team in Topf eins, die Ukraine nicht in Russland spielen darf. Die Ukraine geht deshalb auch sicher in die Holland-Gruppe C.

Da Dänemark als Russlands Co-Gastgeber auch in die Gruppe B muss, stehen dort mit Belgien schon drei Teams fest. Zudem bleiben aus Topf vier für diese Gruppe und die Italien-Gruppe eins nur Wales und Finnland als Optionen, da in drei Play-off-Pfaden mindestens ein Gastgeber ist, der den Gruppen C-F zugeordnet werden müsste und Kosovo in Pfad D wiederum aus politischen Gründen nicht in die Russland-Gruppe darf - klingt alles kompliziert, ist aber in sich logisch.

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Will Cristiano Ronaldo wieder den Pokal küssen, muss er dafür eine Menge reisen.

(Foto: imago/VI Images)

Ärger gibt es aber natürlich dennoch: Der Modus sei eine "Schande", sagte der belgische Nationalspieler Kevin De Bruyne, er nehme für die Auslosung "alle Spannung und jedes Vergnügen". Dem niederländischen Bondscoach Ronald Koeman geht es ähnlich: "Ich habe schon im Verband nachgefragt, ob ich wirklich zu dieser Auslosung am 30. November gehen soll." Allerdings: Eine völlig freie Auslosung hätte ebenfalls zu Verdruss geführt, wenn den Gastgebern dadurch Heimspiele entgangen wären.

Wo spielt Deutschland bei der EM?

Die Gruppenheimspiele am 16., 20. und 24. Juni in der Münchner Allianz Arena sind sicher. Danach startet die DFB-Elf im Erfolgsfall eine Europa-Tournee. Als Gruppensieger geht es im Achtelfinale nach Bukarest, im Viertelfinale nach St. Petersburg Richtung Halbfinale und Endspiel nach London. Als Gruppenzweiter wären Dublin und Rom die ersten Stationen der K.-o.-Spiele vor der Finalwoche in London. Als einer der vier besten Gruppendritten gibt es sogar zwei mögliche Routen: Entweder via Bilbao und München oder via Budapest und Baku Richtung London. Von den zwölf EM-Orten ist ein deutscher Auftritt nur für Amsterdam, Glasgow und Kopenhagen ausgeschlossen.

Wieso findet die EM überhaupt in zwölf Gastgeberländern statt?

Kurz vor dem EM-Finale 2012 überraschte der damalige Uefa-Präsident Michel Platini mit der Idee. Seine Begründung: 60 Jahre nach dem Premierenturnier solle das Format Ausdruck für den Völker verbindenden Charakter in einem vereinten Europa sein. Kritiker unterstellten dem Franzosen hingegen, möglichst viele Uefa-Mitglieder als potenzielle Wähler glücklich machen zu wollen. Heute ist man in der Verbandszentrale nicht mehr glücklich. Zwölf Gastgeber in vier Zeitzonen mit zehn Sprachen und sieben Währungen machen die Turnierlogistik teuer und kompliziert.

Würde Titelverteidiger Portugal wieder ins Finale einziehen, so hat es der Journalist Chaled Nahar für sportschau.de ausgerechnet, müssten Cristiano Ronaldo und seine Kollegen vom Abflug in Lissabon bis zur triumphalen Rückkehr rund 24.000 Kilometer zurücklegen.

Wie funktioniert die Endrunde im kommenden Sommer?

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Michel Platini erklärt seinem Nachfolger Aleksander Ceferin noch einmal seine EM-Idee.

(Foto: imago images / TT)

Das Format ist das gleiche wie 2016 - als auch schon viel gemeckert wurde. In sechs Vierergruppen werden die 16 von 24 Mannschaften ermittelt, die sich für das Achtelfinale qualifizieren. Neben den sechs Gruppensiegern und sechs Gruppenzweiten kommen auch wieder die vier besten Gruppendritten weiter. Maßgeblich für die Platzierung innerhalb der Gruppen ist bei Punktgleichheit zunächst der direkte Vergleich der betroffenen Teams. Für die Rangliste der besten Gruppendritten wird bei Punktgleichheit die Tordifferenz als nächstes Entscheidungskriterium herangezogen. In der K.-o.-Phase ist jede Mathematik vorbei. Dann wird im üblichen System mit Verlängerung und Elfmeterschießen bei eventuellem Gleichstand ein Sieger ermittelt. Der Nachfolger von Europameister Portugal wird am 12. Juli im Londoner Wembley Stadion gekürt.

Wie kommt man als Fan an Tickets?

Nach der Auslosung wird das zweite Ticketfenster geöffnet. Dann können sich Fans wieder auf dem Ticketportal der Uefa (www.uefa.com) anmelden. In der ersten Phase im Sommer wurden schon 19,3 Millionen Karten laut Uefa angefragt, obwohl die Spielpaarungen nicht fix waren. Per Losverfahren wurden die in dieser Phase verfügbaren 1,5 Millionen Eintrittskarten dann verteilt. Nun können sich Fans dann auch speziell für Partien bestimmter Teams bewerben. Sofern noch verfügbar, sind Bestellungen sogar bis zum Turnier möglich.

Wird Deutschland Europameister?

Der echte Bundestrainer und die Mehrheit der übrigen gut 80 Millionen Bundestrainer sind sich einig: wahrscheinlich nicht. "Ich würde es vielleicht mal ein bisschen vergleichen mit der jungen Mannschaft 2010, die auch kurz vor dem Turnier zusammengefunden hat. Ich denke jetzt nicht, dass wir zu den absoluten Topfavoriten gehören", sagte Joachim Löw in dieser Woche. In einer aktuellen Meinungsumfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur stimmten ihm die Deutschen zu: Nur 21 Prozent der Befragten glauben an den EM-Titel 2020.

Quelle: ntv.de, Arne Richter und Klaus Bergmann, dpa