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Rudi Assauer. Ein Nachruf Einer der letzten Fußball-Typen ist gegangen

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Echte Type und nicht nur auf Schalke verehrt: Rudi Assauer. Der langjährige Schalke-Manager ist im Alter von 74 Jahren gestorben.

(Foto: imago/Team 2)

Rudi Assauer ist tot. Und obwohl alle Fußballfans in Deutschland wussten, wie krank er war, kommt diese Nachricht doch überraschend und trifft mitten ins Herz. Mit Assauer ist einer der letzten großen Typen des deutschen Fußballs gestorben.

Einen Augenblick in seiner Karriere hat Rudi Assauer nie verwunden. Der 19. Mai 2001 war der Tag, an dem der schwer angeschlagene Schalke Manager mit tränenerstickter Stimme einen heute längst legendären Satz in die Kameras sprach: "Wenn es einen Fußballgott gibt, ist er ungerecht. Der ist für mich gestorben." Und wenige Momente später schob Assauer etwas gefasster hinterher: "Immer wieder läuft das 1:1 der Münchner im Fernsehen. Ich hätte die Kiste kaputt treten können. Stattdessen heule ich wie ein Schlosshund."

Seine ehrliche, authentische und nie aufgesetzt wirkende Art kam an. Die Leute sahen in ihm einen von ihnen. Jemanden, der dieselben Dinge mochte und schätzte wie sie selbst. "Mein altes Prinzip - beim Genießen nicht nach dem Morgen fragen", hat Rudi Assauer einmal gesagt und damit die Frauen, das Bier und den Fußball gleichermaßen gemeint. Ein echter Genussmensch mit Sinn fürs Leben! Als er für ein Pressefoto posierte, stand neben ihm in seinem Büro eine Kaffeetasse mit dem Aufdruck "Rudi, der Ruhmreiche" und daneben der prall gefüllte Aschenbecher. Man sagt, er habe in guten Jahren bis zu 0,5 Prozent der gesamten Auflage der Davidoff "Grand Cru No. 3" ganz alleine verraucht.

"Genieße das Leben in vollen Zügen"

Dass Rudi Assauer bei den allermeisten Fußballfans so beliebt war, mag neben seinen sportlichen Erfolgen vor allem an seinem Image gelegen haben. Jenes befeuerte er gerne selbst mit Sätzen wie diesem: "Ich kippe gerne ein Bier, genieße das Leben in vollen Zügen. Rauche Zigarre, und dass ich schöne Frauen mag, ist auch kein Verbrechen". Sein Trainer und Freund Huub Stevens meinte einmal: "Bei ihm im Büro zu sitzen, ist kein Vergnügen. Was der wegqualmt …". Doch Assauer und seine Angestellten verstanden es, die Leidenschaft des mächtigen Managers auch mit einem zwinkernden Auge zu sehen. Anlässlich der 100-Jahr-Feier der Königsblauen wurden verdiente Mitarbeiter mit einer Skulptur des "Rauchenden Rudi" beglückt. Die war so begehrt, dass 04-Maskottchen Charly Neumann - der in der ersten Runde keine abbekommen hatte - intern so lange und heftig Rabatz machte, bis man ihm nachträglich doch noch eine Skulptur überreichte.

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Fußball-Ironie: Seinen größten Erfolg als Profi feierte Assauer 1966 mit Schalkes Erzrivalen Borussia Dortmund.

(Foto: imago/Kicker/Metelmann)

Der Europapokalsieger von 1966 – als ironische Volte der Geschichte gewann Assauer diesen Titel ausgerechnet mit dem ewigen Revierrivalen des S04, Borussia Dortmund – war schlagfertig wie kaum ein Zweiter im Fußballgeschäft. Als die "Sport Bild" ihn einmal fragte, ob er nicht ab und zu "depressiv" sei, antwortete Assauer: "Depressiv? Ist das eine neue Weinsorte? Oder ein neuer Kaffee? Nein, toi, toi, toi!" Angriffe konterte Assauer stets souverän: "Wenn Ottmar Hitzfeld behauptet, dass ich kein Rückgrat hätte, dann können wir doch mal gemeinsam zum Orthopäden gehen."

Auch als ihm der Wind frontal aus dem TV entgegenblies, reagierte der Manager gelassen. Dabei hatte ihm Moderator Jörg Wontorra im DSF-"Doppelpass" den Finger direkt in die offene Wunde gelegt: "Wenn man da so ein bisschen auf den Zungenschlag hört, die 'Bild' würde da sehr doppeldeutig titeln: 'Assauer voll dabei'. Das ist vielleicht auch noch ein ganz kleines Problem, das man besprechen sollte. Inwieweit sollte ein Manager aufpassen, dass sein Grundnahrungsmittel nicht den ganzen Tag über flüssig ist?"

"Würde nur für Pils und Zigarren werben"

Wontorra musste öffentlich Abbitte leisten. Was schon ein wenig komisch war, weil Assauer selbst bei diesem Thema verbal keine Muffensausen kannte: "Ich würde nur für Pils und Zigarren werben. Alles andere wäre unglaubwürdig." Ihn irritierte eher, dass seine Spieler da nicht wie er waren: "Beim Mannschaftsabend darf Bier getrunken werden, aber 80 Prozent der Jungs bestellen Wasser. Was hätten wir uns früher einen gezogen."

Außerdem stimmte das mit der Nahrung, die ausschließlich in flüssiger Form aufgenommen werden sollte, eh nicht, wie diese Anekdote aus der Werder-Stadionzeitschrift beweist: "Ein Gastwirt aus Bremen hatte in seinem Lokal eine Tafel angebracht, auf der geschrieben stand: 'Hier speiste Rudi Assauer.' So lange, bis ein Gast darunterschrieb: 'Deshalb ist er auch nach Schalke gegangen.'"

Werder-Manager, Trainer - ab zu Schalke

Nach seiner Spielerkarriere - zwischen 1964 und 1976 lief Assauer in insgesamt 307 Partien für Borussia Dortmund und den SV Werder auf - übernahm er den Posten des Managers in Bremen und gestaltete erst einmal die Geschäftsstelle um: "Hier siehts aus, als ob Arbeitslosenunterstützung verteilt wird. Wenn ich mit jemandem herkomme, von dem ich was will, der kriegt doch Komplexe." Ein Jahr später saß Assauer sogar als Trainer auf der Werder-Bank. Und weil er keine DFB-Lizenz besaß, wurde ihm der 74-jährige Fred Schulz an die Seite gestellt. Doch lange gut ging das nicht. In Bremen blieb Assauer bis 1981 - dann wechselt er das erste Mal zum FC Schalke 04.

Auf Schalke handelte Assauer sofort und warf Trainer Fahrudin Jusufi raus. Zu Recht, wie der Schalker Spieler Kurt Jara befand: "Assauer hat sich eine Stunde mit ihm unterhalten und dann wusste er, dass Jusufi vom Bundesliga-Fußball nichts, aber auch gar nichts versteht." Und Assauer? Der sagte bei seinem Amtsantritt ganz allgemein über seine Arbeit beim Revierklub: "Schalke ist ein großer Sumpf, der trockengelegt werden muss." Obwohl er sich dieser Arbeit mit Feuereifer annahm, endete seine erste königsblaue Mission im Dezember 1986 mit dem Rauswurf.

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Im zweiten Anlauf wurde die Beziehung zwischen Schalke und Assauer zur Fußball-Traumehe.

(Foto: imago/Martin Hoffmann)

Im April 1993 kehrte Rudi Assauer schließlich zurück. Und dieses Mal gelang es ihm, den Verein zu seinem zu machen. Fortan hatte Assauers Wort nicht nur auf Schalke Gewicht. Das lag nicht zuletzt daran, dass er sich nicht nur für die Frauenwelt, sondern auch für das Fußballbusiness in Form hielt. Sein Leitspruch: "Wenn du heute als Manager jungen Leuten gegenüberstehst und eine Wampe hast, dann bist du unglaubwürdig."

Trotz seines smarten Auftretens war er ansonsten aber eher der knallharte Typ. Nach einer kurzfristigen Suspendierung und schnellen Begnadigung des Nationalspielers Jörg Böhme sagte Assauer im Stile eines Sonnenkönigs: "Das Arbeitsgericht auf Schalke bin ich." Und als er einmal gefragt wurde, wie es um Coach Huub Stevens bestellt sei, meinte er: "Über Trainer rede ich nicht in der Öffentlichkeit. Es sei denn, ich stelle einen ein oder werfe einen raus." So wie im Falle von Frank Neubarth. Als der schließlich entlassen wurde, antwortete der Manager auf die Frage, wann denn die Entscheidung zum Rausschmiss gefallen sei: "In der Nacht von Samstag auf Montag."

"Zu meiner Zeit haben die Doofen Fußball gespielt"

Die Trainer waren das eine, die Spieler das andere. Und da hatte sich nach Meinung von Rudi Assauer in all den Jahren, in denen er dabei war, eine Menge getan: "Zu meiner aktiven Zeit haben die Doofen Fußball gespielt, heute haben auf Schalke zwei Drittel der Spieler Abitur." Von seinen Profis hatte der Manager stets eine sehr genaue Meinung gehabt: "Alles aus dem Norden kannst du gebrauchen. Auch der Tscheche an sich macht seinen Job, den hörst und siehst du nicht. Absolut pflegeleicht. Polen und Russen verursachen nur Theater. Da passiert ständig etwas, mit dem Auto, mit den Landsleuten, mit der Freundin."

Assauer hatte einen Schuss bei den Frauen. Nicht umsonst führte die Illustrierte "Bunte" ihn einmal auf Platz vier der 50 erotischsten Männer Deutschlands. Das mag auch seine Langzeitgeliebte, die Schauspielerin Simone Thomalla, angezogen haben. Mit ihr und ihrer Tochter lebte er viele Jahre glücklich zusammen - fast eheähnlich, wie diese Worte eines Telefonats zeigen: "Heute Abend ist Fußball im Fernsehen. Also schön das Bettchen machen für den Assi." Doch irgendwann kriselte es zwischen Assauer und seiner großen Liebe. Anfangs wollte er das nicht wahrhaben. Zu den Gerüchten, dass Thomalla nicht mehr bei ihm sei, sagte Assauer zu einem Reporter: "Wie? Die ist ausgezogen? Dann muss ich 14 Tage im Tiefschlaf gelegen haben. Sie geht manchmal weg zum Einkaufen. Ist aber immer wieder zurückgekommen …"

Schließlich kam sie dann aber nicht mehr zurück. Besonders schwer fiel der damals 19-jährigen Tochter von Simone Thomalla, Sophia, die Trennung vom knorrigen Alten: "Er ist einfach ein toller echter Kerl. Deutschlands letzter Macho. Solche Typen wie ihn gibt es einfach nicht mehr. Er ist ein Original. Punkt!"

Immer Hochachtung vor den Fans

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Assauer liebte die Fans - und wurde geliebt.

(Foto: dpa)

Hochachtung zeigte Assauer stets gegenüber den Menschen, die ihn und die anderen Fußball-Professionellen ernähren, den Fans: "Denen ist scheißegal, was das kostet. Die sagen sich: Und wenn meine Alte nix zu fressen kriegt - ich fahr mit!" Dass der Schalke-Manager und begeisterte Saunagänger Assauer sich selbst nie für etwas Besseres hielt, drückte er einmal so aus: "Vor dem heißen Ofen tropfen alle Menschen gleich." Kurz vor Ende seiner Manager-Ära auf Schalke, bei der er - typisch Fußballtyp - seiner Absetzung mit dem Rücktritt zuvorkam, sagte Assauer schließlich: "Ich bin dankbar. Und ich sage jedem Spieler, der sich heute bei mir über irgendwas beschwert: Du wirst erst das heulende Elend kriegen, wenn im Stadion die Lichter angehen und du bist nicht mehr dabei."

Die Fußballfans in Deutschland haben Rudi Assauer schon in den letzten Jahren, nach Bekanntwerden seiner Alzheimer-Erkrankung und dem danach erfolgten Rückzug schmerzlich vermisst. Heute ist einer der letzten großen Typen des deutschen Fußballs gestorben. Doch vergessen werden, wird er nie. Machs gut, Rudi Assauer, und Glück auf!

Quelle: n-tv.de

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