Fußball

Die Bundesliga-Lehren der Hinrunde FC Bayern entmüllert, Streich wird Präsident

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Unersetztlich auf der Bank, zumindest gegen RB Leipzig: Thomas Müller.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Topleistung im Spitzenspiel? Kein Problem für die Bayern. In einer durchgewürfelten Liga sind sie neben dem Chaos-HSV die einzige Konstante. Thomas Müller ist keine mehr, der BVB auch nicht. Trainerwahnsinn schon.

1. Ancelotti kann auch anders

War das nun ein guter Start für Carlo Ancelotti oder nicht? Einigen wir uns auf die Mitte zwischen gelungen und ein wenig holprig. Die Zahlen stimmen: In der Bundesliga führt der FC Bayern die Tabelle an, nicht mehr unangefochten wie in den Jahren zuvor, aber die Münchner stehen ganz oben - nach dem durchaus spektakulären 3:0 am Mittwoch mit drei Punkte vor RB Leipzig. In der Champions League haben sie das Achtelfinale erreicht, dort geht es gegen den FC Arsenal. Gemessen an den bajuwarischen Mia-san-mia-Maßstäben ist das, was der Trainer in den ersten sechs Monaten seiner drei Vertragsjahre erreicht hatte, durchaus in Ordnung. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Er hat es selbst gesagt: Seine Mannschaft sei "im Soll. Bisher haben wir es okay gemacht, können es aber besser". Dass die Bilanz dann doch eher ins Positive tendiert, das liegt am überzeugenden Erfolg gegen die Leipziger Rasenballsportler, bei dem Ancelotti erstmals taktisch überzeugte und mutig aufstellte. Ohne Thomas Müller und Franck Ribéry, dafür mit dem famosen Thiago Alcántara auf die zentrale Position hinter Angreifer Robert Lewandowski und den formstarken Douglas Costa auf die linke Seite - ein Plan, der vorzüglich aufging. Selten hatte man die Bayern in dieser Spielzeit so aggressiv und so spielstark zugleich. Spannend bleibt, ob Ancelotti sein Team bis zur Crunchtime im Frühjahr auf diesem Niveau stabilisieren kann. Ein Anfang jedenfalls ist mit der Machtdemonstration gegen RB gemacht. Der Coach sagt: "Ich bin mir sicher, dass die Rückrunde besser wird."

2. Erfolg ist planbar

Nein, sie sind nicht keck. Sie sind auch nicht forsch. Die Rasenballsportler sind auch kein Sensationsaufsteiger. Und wenn sie überrascht haben, dann dadurch, dass es den Leipzigern bereits im halben Jahr gelungen ist, den FC Bayern ein wenig zu ärgern und den Rest der Liga hinter sich zu lassen. Dass der Erfolg so schnell kommt, war nicht vorauszusehen. Dass er kommt, ist keine Überraschung - mit viel Geld des Getränkeherstellers Red Bull, einem sehr guten Trainer Ralph Hasenhüttl, einem strategisch denkenden Sportdirektor Ralf Rangnick und einer jungen, hungrigen und bis zur Selbstaufgabe willigen Mannschaft. Oder wie Hasenhüttl es formulierte: "Wir brauchen ein Personal, das an sich glaubt."

Daran ändert auch die Niederlage in München nichts, auch wenn sie in Höhe und Spielverlauf schon ein wenig deprimierend war. Der auf Erfolg getrimmte Plan des Emporkömmlings lässt keinen Platz für Rührseligkeiten und Selbstmitleid. Rückschläge wie die Niederlage in München und jüngst in Ingolstadt werfen in Leipzig niemanden um. Sie werden das Team noch besser machen.

3. Diego Simeone ist nicht einmalig

Eisenharter Defensivfußball, höchste taktische Disziplin, Topkondition in Magath'scher Dimension, dazu mindestens 130 Prozent Einsatz- und Grätschbereitschaft. Kommt ihnen bekannt vor? Klar, das war ja auch die Basis für die märchenhafte Wandlung von Atlético Madrid vom Fußball-Aschenputtel zum spanischen Meister, Pokalsieger, Europaliga-Sieger, Bayern-Schreck und zweimaligem Champions-League-Finalisten unter Diego Simeone. Im Hymnenhagel auf so viel aufregendere Konzepttrainer wie Josep Guardiola und Thomas Tuchel wurde der einst eisenharte Mittelfeldabräumer Simeone hierzulande gern zum Kloppertrainer und Apologeten des Anti-Fußballs reduziert – und unterschlagen, dass er Atlético einfach brillanten Fußball kämpfen lässt.

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Niko Kovac reüssiert als Diego-Simeone-Wiedergänger.

(Foto: dpa)

Stellvertretend Chance zur Abbitte bietet sich seit dieser Saison in der Bundesliga, dort werkelt seit März 2016 ein berlinisch-kroatischer Simeone Klon und das erstaunlich erfolgreich. Als Retter-Trainer einer demoralisierten und abgeschlagenen Eintracht aus Frankfurt trat Niko Kovac seinen Job mit ähnlich hoher Erfolgswahrscheinlichkeit an wie ein Kanzlerkandidat der SPD. Und jetzt? Überwintert die Eintracht auf Platz vier, weil Kovac sie zu einer Mannschaft geformt hat, die sich wieder Fußball zutraut und auch Fußball kann. Und zwar solchen, wie ihn Kovac einst bissig vorkämpfte, sagte Eintracht-Aufsichtsratsboss Wolfgang Steubing der "Bild"-Zeitung. Das liege auch an den "Typen", die man neu dazu geholt habe: "Sie haben eine andere Mentalität als die, die wir hatten. Das sind Beißer, die gehen hart ran." Diego Simeone hätte seine Freude.

4. Die Liga-Kräfteverhältnisse gelten nicht mehr

Der 1. FC Köln auf Platz 7 und damit außerdem vor den großen rheinischen Rivalen Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach. Thomas Müller, der doch seit van Gaal immer spielte, im wichtigsten Spiel der Saison plötzlich 90 Minuten Bankdrücker - und nicht vermisst. Aufsteiger, die nicht mehr absteigen werden. Hertha und Frankfurt auf Champions-League-Plätzen und der BVB nicht. Schiedsrichter, die dringend eine Winterpause brauchten und allmächtige Manager, die entmachtet werden. Würde nicht oben der FC Bayern thronen, unten der Hamburger SV chaotisch vor sich hin wurschteln und Bremen nicht weiterhin Fußball ohne Abwehr probieren, man könnte sich schon fragen: Ist das wirklich noch die Bundesliga? Ist sie, nur der Status quo ist vorläufig abgeschafft. Und deshalb macht sie wieder richtig Spaß.

5. Der Trainer bleibt die ärmste Sau

Viktor Skripnik in Bremen, Bruno Labbadia beim Hamburger SV, Dieter Hecking in Wolfsburg, Markus Kauczinski beim FC Ingolstadt, Norbert Meier bei den Darmstädtern, Dirk Schuster in Augsburg, André Schubert in Mönchengladbach: An den ersten 16 Spieltagen der Saison gab es tatsächlich schon sieben Trainerwechsel. So viele wie noch nie zu diesem Saisonzeitpunkt, so viele wie in der kompletten letzten Saison. Zu viele, wie BVB-Boss Hans-Joachim Watzke beklagte: "Das ist Wahnsinn!" Obwohl BVB-Coach Thomas Tuchel seit dem Pokalfinale auf dem schmalen Grat zwischen konstruktiver Selbstkritik und Entfremdung balanciert, sind Trainerwechsel in Dortmund ja mittlerweile so etwas wie Meisterschaften auf Schalke, Jahrhundertereignisse.

Auch wenn Watzke permanent zum verbalen Hyperventilieren neigt, manchmal hat er Recht. Wie soll Kontinuität entstehen, wenn kontinuierlich der Trainer fliegt? Leverkusens Rudi Völler hat ebenfalls "übertriebene Hysterie" ausgemacht und trotz überschaubarer 21 Punkte darauf verzichtet, Roger Schmidt das Weihnachtsfest zu verderben. Zumal nachhaltige Effekte durch verschiedene wissenschaftliche Studien verneint werden. "Im Mittel über viele Trainerwechsel hinweg sind die Punkte und Tore kein Kriterium, warum man einen Trainer austauschen sollte", sagt Prof. Daniel Memmert vom Institut für Sportspielforschung in Köln. Und falls Sie sich die sieben Teams, die schon die Reißleine gezogen, auf Fehlstarts und Talfahrten reagiert, sich vor ihrem Retter gerettet oder völlig überraschend durchgewechselt haben, nicht merken können, hier eine kleine Hilfe: Nehmen sie doch einfach die letzten sieben Teams der Tabelle.

6. Die Bundesliga muss mehr Streich wagen

Zum Abschluss möchten wir uns noch verneigen, mindestens bis zur Grasnarbe. Nicht vor den Spielplanern, obwohl sie der Liga unerhört hellsichtig einen Weihnachtskracher beschert haben (auch wenn es Leipzig gar nicht krachen lassen wollte). Auch nicht vor den 108 aufrechten Nein-Sagern bei den bizarren Hoeneß-Festspielen, die der FC Bayern Ende November aufführte. Sie alle hätten es zwar auch irgendwie verdient, aber doch nicht so sehr wie Christian Streich. Der vom Bundes-Jogi (und Bundespräsidenten-Wahlmann) längst zum "Trainer des Jahres" gekürte Kauz aus Baden feiert in Kürze sein fünfjähriges Dienstjubiläum und ist dienstältester Bundesliga-Coach. Nebenbei hat er den Aufsteiger zu famosen 23 Punkten gecoacht und vor dem 2:1-Sieg beim FC Ingolstadt mit Blick auf die ligaweit unerreichte Freiburger Laufwut wunderbar charmant darauf hingewiesen: "Wir sind keine Mannschaft, die nur läuft, sonst wären wir ja Leichtathleten."

Was aber noch viel, viel, viel wichtiger ist: Streich erinnert die Bundesliga immer wieder auf wohltuende Art daran, dass Fußball nur ein Spiel ist und sich trotz seines Status' als Spezialdemokratie nicht scheuen darf, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, Zivilcourage zu zeigen, Probleme zu benennen, das Richtige zu tun. Streich tut das, unverblümt, geistreich, herzensgut und dass er damit in Fußball-Deutschland auffällt, ist kein gutes Zeugnis für Fußball-Deutschland. "Christian Streich besitzt Intelligenz und Feingefühl, Verantwortungsbewusstsein und den Mut, Dinge anzusprechen. Das ganze hübsch verpackt mit einem Dialekt, den man einfach lieben muss", schrieb das FUMS-Magazin in dieser Woche: "Der FUMS-Ehrenpreis des Jahres 2016 geht an unseren zukünftigen Bundespräsidenten….Christian Streich!" Herzlichen Glückwunsch!

Quelle: n-tv.de

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