Fußball

FC Bayern ohne Müller Guardiola verzockt sich bei Atlético

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Zwanzig Minutem sind nicht nur ihm zu wenig: Thomas Müller im Vincente Calderón.

(Foto: dpa)

Spielt er oder nicht? Jérôme Boateng gilt vor der Niederlage des FC Bayern bei Atlético Madrid als einzig offene Personalie. Dann aber überrascht Trainer Josep Guardiola mit einer anderen Entscheidung. Und das geht schief.

Es ist ja nicht so, dass es so etwas beim FC Bayern nicht schon einmal gegeben hätte. Aber es kam schon sehr überraschend daher, dass Thomas Müller beim Anpfiff der Champions-League-Halbfinalpartie zwischen Atlético Madrid und eben dem FC Bayern nicht auf dem Feld zu sehen war. Angeschlagen? Verletzt gar? Nein, Thomas Müller, der Unkonventionelle, das Fleischgewordene Mia-san-mia, saß im Estadio Vicente Calderón auf der Bank, bis zur 70. Minute, bis zu seiner Einwechslung. Warum? Nun, das erklärte Trainer Josep Guardiola nach dem Spiel so: "Ich wollte einen Linksfuß auf links und einen Rechtsfuß auf rechts haben. Und ich wollte einen Mittelfeldspieler mehr haben."

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Unbeschwert in Madrid: Douglas Costa.

(Foto: REUTERS)

In Namen gesprochen bedeutete das: Douglas Costa kickte auf der rechte Außenbahn, der junge Kingsley Coman auf der linken Seite. Beide, das vorweg, machten ihre Sache bei der 0:1 (0:1)-Niederlage nicht fürchterlich schlecht, aber auch nicht besonders auffällig. Was keine gute Kunde für die von Guardiola ausgedachte Idee fürs Bayern-Spiel war. Denn Costa und Coman, so der Gedanke des Katalanen, können mit ihrer Schnelligkeit Gefahr gegen die defensiven Zermürbungsmonster heraufbeschwören. Doch zwischen können, der Annahme, und machen, der Umsetzung, liegen mitunter Welten. Ein Beleg? Der Mittwochabend.

Mit aller legalen körperlichen Mitteln wurden die schnellen Außenläufer von ihren Gegenspielerin Juanfran und Filipe Luis bearbeitet und weggegrätscht. In so flotter Regelmäßigkeit geschah das, dass Costa bereits in den ersten zehn Minuten mehrfach Hilfe und Schutz suchend in Richtung Trainerbank schaute. Was er da sah? Nun Guardiola - und natürlich Müller. Jérôme Boateng dagegen nicht. Der genesene Weltmeister, der sich vor dem Spiel sogar berechtigte Hoffnungen auf einen Comeback-Kaltstart machen konnte, war überraschenderweise nicht einmal im Kader. Aber Müller, der saß da. Und er wirkte mächtig frustriert, denn für ihn, so ahnte er vielleicht, wäre das Spiel gegen die Leidenschaftsmonster im Leidenschaftstempel Vicente Calderón wie gemacht gewesen.

"Fast nicht zu ersetzen"

Hinterher sagte er: "Für Enttäuschung ist, wenn man als Team erfolgreich sein will, in so einem Moment wenig Platz. Wir sollten schon schauen, dass wir unsere Emotionen im Griff haben. Wenn alle, die draußen sitzen, ein Gesicht ziehen, hilft das keinem weiter. Das war halt so." Thomas Müller, mit acht Toren in zehn Spielen der beste Champions-League-Schütze der Bayern, ist furchtlos. Er kann trotz seiner körperlich anmutenden Zerbrechlichkeit austeilen und einstecken. Thomas Müller steht wie kein Zweiter für die ausgeprägte Sieger-DNA des Klubs. Er läuft auf dem Spielfeld Wege, die nicht zwingend einleuchten. Was es für die Mitspieler manchmal schwierig, für die Gegenspieler aber richtig unangenehm macht. Gegen einen Gegner, der eine klare und feste Ordnung hat, ist Müller eigentlich ein unverzichtbares Element - oder wie Ex-Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld bei Sky erklärte: "Müller ist für Bayern wie Messi für Barcelona. In ganz wichtigen Spielen sind die fast nicht zu ersetzen."

Und für die Bayern, mithin auch für den Trainer, war das Hinspiel in Madrid ein ganz wichtiges. Schließlich entscheidet der Ausgang der Duelle gegen die Rojiblancos wesentlich darüber, in welcher Erinnerung sie Guardiola in München behalten. Als den, als der er kam: der Triple-Macher; oder als den, als der er eigentlich nicht gehen soll: der Unvollendete. Für das Rückspiel am Dienstag kündigt der Trainer jedenfalls in der typischen Guardiola-Verbindlichkeit bereits ein Umdenken seiner Personalentscheidung an: "Vielleicht gibt es nächste Woche wieder eine neue Option."

Und Müller? Gibt sich schon wieder offensiv und setzt aufs Rückspiel: "Zuversicht gibt mir, dass wir immer in der Lage sind zu gewinnen - auch mit mehr als einem Tor Unterschied. Wir geben Gas, dass wir die Wende einleiten. Wir sollten aber kein Tor bekommen, sonst wird es schwierig." Und er weiß auch schon, wie es mit dem Finale der europäischen Königsklasse am 28. Mai in Mailand doch noch klappen könnte: "Wir müssen zielstrebig nach vorne spielen, dürfen aber nicht blind nach vorne rennen wie kleine Kinder. Wir müssen kühlen Kopf bewahren und uns auf das Spiel von Atlético einstellen. Wir müssen mit der Intensität der zweiten Halbzeit spielen." Und am besten mit Müller.

Quelle: ntv.de