Fußball

Das DFB-Team in der Einzelkritik Gündoğan erzielt das "Kacktor des Jahres"

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Doppeltorschütze.

(Foto: imago images/Schüler)

Tja, was sollen wir sagen: Hansi Flick ist der unbesiegbarste Bundestrainer, den es je gab. Sieben Spiele ist er nun für die deutsche Nationalmannschaft verantwortlich, alle hat er gewonnen. Das gab es noch nie. Zum Abschluss der WM-Qualifikation gab es einen unterhaltsamen Sieg gegen Armenien. Die durch Corona und Verletzungen stark dezimierte Nationalmannschaft präsentierte sich drei Tage nach dem 9:0-Schützenfest gegen Liechtenstein erneut spielfreudig, in der notgedrungen neu formierten Abwehr aber ab und an auch anfällig. Die England-Profis Kai Havertz (15. Minute) und Ilkay Gündogan (45.+4/Foulelfmeter und 50.) sowie Jonas Hofmann (64.) trafen für das längst für die Endrunde in Katar qualifizierte Flick-Team. Dem ehemaligen Dortmunder Henrich Mchitarjan (59.) gelang per Foulelfmeter der Treffer für die Gastgeber. Unsere Einzelkritik.

Marc-André ter Stegen: Ach, der arme Herr ter Stegen. Man würde ihm von Herzen mal wünschen, dass er ein Spiel für Deutschland bestreitet und zum Helden wird. Nun war klar, dass ihm diese Rolle gegen Armenien eher nicht zufallen würde. Das hatte zwei Gründe: Erstens war das Spiel nicht mehr wichtig genug, um sich unsterblich zu machen, denn Deutschland war bereits für die WM in Katar im kommenden Jahr qualifiziert. Und zweitens war Armenien (wie erwartet) nicht der Gegner, der das deutsche Tor unter Dauerfeuer nahm. Bittere Erkenntnis nach diesem 27. Länderspiel, in dem er per Elfmeter durch den Ex-Dortmunder Henrikh Mkhitaryan überwunden wurde: Auf dem Weg zur WM kassierte Deutschland vier Gegentreffer. Zwei gegen Nordmazedonien, einen gegen Rumänien und eben einen nun gegen Armenien. Immer stand ter Stegen im Tor.

David Raum: Eigentlich sollte das letzte Länderspiel des Jahres ein gutes für all jene sein, die wegen der gravierenden Personalprobleme vorspielen durften. Für den Mann der TSG Hoffenheim galt das allerdings nicht. Seine Teamkollegen ignorierten ihn weitgehend. Kapitän Thomas Müller und seine Kollegen fanden viel mehr Gefallen daran, die rechte Seite zu beackern, als den besten Vorbereiter der vergangenen Zweitligasaison in Szene zu setzen. Der Linksverteidiger (oder was auch immer die Rolle war) spielte sehr weit vorne, was ihm sehr weite Wege nach hinten bescherte. Das ging nicht immer auf. Gut für ihn: Die Armenier spielten ihr feinen Konter bisweilen lächerlich mies aus.

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David Raum berät sich mit Kapitän Thomas Müller.

(Foto: dpa)

Jonathan Tah: Sein zuvor letztes Länderspiel war ein schlimmes. Ein ganz schlimmes. Eines, das den deutschen Fußball nachhaltig veränderte. Denn nach der 0:6-Klatsche gegen Spanien vor sehr genau einem Jahr passierte etwas, das eigentlich undenkbar war: Bundestrainer Joachim Löw musste um seinen Job mächtig bangen. Irgendwie schaffte er es, seine Bosse zu überzeugen. Aber eben nicht nachhaltig. Nun, zurück zu Tah. Gegen Spanien war er völlig überfordert (wie allerdings alle). Gegen Armenien war der Hüne von Bayer Leverkusen nur einmal im Duell nicht souverän, als er sich nach 27 Minuten von Khoren Bayramyan sehr leicht auswackeln ließ. Ansonsten aber unbezwingbar. So auch bei der besten Kontergelegenheit der Gastgeber, als er drei Mann im Griff hatte (die sich allerdings auch ein wenig im Weg standen). Was ihm fehlte: eine gute Spieleröffnung über den langen Ball.

Matthias Ginter: Was für seinen Nebenmann Tah gilt, gilt auch für den Mann aus Mönchengladbach: Die langen Bälle im Spielaufbau sind nicht seins. Dieses fehlende Stilmittel ist durchaus ein sehr gutes Argument für Mats Hummels, der weiterhin nicht berücksichtigt wird, aber dennoch ein Kandidat für Katar bleibt. Ginter ist das auch. Er ist einfach zuverlässig und sehr solide. Allerdings auch nicht viel mehr. Sah Ende der ersten Halbzeit nach einem Ballverlust von Florian Neuhaus nicht gut aus, was Armenien eine herausragende Gelegenheit bot, die aber in einem kleinen Debakel endete. Sonst gibt es nichts zu berichten. Weder Gutes noch Schlechtes.

Thilo Kehrer: Der Verteidiger, der bei Paris St. Germain kein Stammspieler ist, ist beim Bundes-Hansi absolut gesetzt. Nicht nur, weil er flexibel einsetzbar ist, sondern auch, weil im Milliardentraining des katarischen Luxus-Ensembles viel gelernt hat. Ist äußerst robust im Zweikampf und auch unter Druck abgeklärt am Ball. Gegen Armenien musste er das alles nicht beweisen. War erster Aufbauspieler im Team und machte das in Hälfte eins fehlerfrei. Spielte 60 Pässe. Alle kamen an. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Zauber- und Risikozuspiele waren eher nicht dabei.

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Kehrer ist unter Flick Stammspieler.

(Foto: dpa)

İlkay Gündoğan: Ohne die gesetzten bayrischen Maschinisten Joshua Kimmich (Corona-Quarantäne) und Leon Goretzka (verletzt nach Horrortritt gegen Liechtenstein) ist Gündoğan gesetzt. Er hat eine sensationelle Technik und eine bemerkenswerte Ruhe am Ball. Er sorgte mit einem ganz feinen Beinschuss für das erste Zungeschnalzen. Allerdings war es bei ihm wie so oft: Ein herausragendes Spiel lieferte der City-Star für Deutschland nicht ab (ein gutes war es indes allemal). Ihm gelang es bei allem Engagement die meiste Zeit nicht, die Angriffsmonotonie zu durchbrechen. Allerdings: Je länger das Spiel dauerte, desto besser wurde er. Spielte immer mehr Pässe in die Tiefe. Aber ihm fehlt die furiose Dynamik von Goretzka und das Gallige von Kimmich. Immerhin erzielte er noch zwei Tore! Einen Elfmeter, der erste Minuten nach dem Foul per VAR geahndet wurde, und das "Kacktor des Jahres" (Tipp an Arnd Zeigler, diese Treffer regelmäßig präsentiert und auszeichnet!). Ein harmloser Schuss aus 18 Metern flutschte an der Hand von Länderspiel-Debütant Stanislav Buchnev vorbei. Mitleid ist angebracht.

Maximilian Arnold, ab 60. Minute für Gündoğan: Mehr als sieben Jahre musste der Wolfsburger auf sein zweites Länderspiel warten, nur drei Tage auf das dritte. Spielte solide, bleibt wegen der wahnsinnigen Konkurrenz aber nur ein Back-Up-Kandidat.

Florian Neuhaus: Ach ja, die Karriere des Mittelfeldspielers hatte bereits richtig Fahrt aufgenommen. Sogar der FC Bayern soll am 24-Jährigen interessiert gewesen sein. Doch derzeit hat seine Laufbahn eine Vollbremsung eingelegt. Kommt im Verein nicht so richtig auf die Beine, was er zuletzt offensiv beklagte. Das sorgte für Missmut. Ein klärendes Gespräch soll stattfinden. Mit sonderlich viel neuem Selbstvertrauen wird Neuhaus das nicht bestreiten. Denn seine Leistung gegen Armenien war sehr durchwachsen. Zwar deutete er stets an, was für eine tolle Technik er hat und wie ausgeprägt sein Zug zum Tor ist (einmal führte das zum Elfmeter für Deutschland), aber er leistete sich auch viele Fehler. Ein fataler Ballverlust ermöglichte den Gastgeber den besten Konter in Halbzeit eins. Und in der zweiten Halbzeit langte er im Strafraum zu heftig hin, ebenfalls Elfmeter.

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Stets gefährlich: Kevin Volland.

(Foto: imago images/Schüler)

Kevin Volland, ab 73. Minute für Neuhaus: Der Mann aus dem monegassischen Fürstentum hatte eine gute Gelegenheit, sein Schuss aber wurde geblockt. Bleibt ein Kandidat, weil er ein guter Stürmer ist.

Leroy Sané: Über den Münchner ist alles gesagt. In diesen Wochen spielt er womöglich in der besten Form seiner Karriere. Arbeitet nicht nur unnachgiebig nach hinten, sondern zaubert bisweilen auch in seiner Kerndisziplin, dem Offensivspiel. Kaum ein Spiel verging zuletzt (weder für Deutschland noch für den FC Bayern) in dem Sané nicht der beste Mann, oder zumindest einen der besten Männer war. Machen wir es kurz: Gegen Armenien galt das nicht. Sané war bemüht, aber nicht so zielstrebig und stark wie gewohnt. Machen wir es kurz (II): egal.

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Zweites Länderspiel, zweite Einwechslung: Lukas Nmecha.

(Foto: dpa)

Julian Brandt, ab 60. Minute für Sané: Der länger nicht mehr nominierte Dortmunder bekam immerhin noch die Chance auf ein 30-Minuten-Comeback. Dabei ohne den großen Aha-Moment. Wenn er nach Katar will, muss er mehr liefern.

Thomas Müller: Auch über diesen Münchner ist alles gesagt: Unter Flick ist er wieder das offensive Herz und Hirn der Nationalmannschaft. Er ist Initiator guter Momente und Chef der Kommunikation. Wird im kommenden Jahr in seinen Rollen deutlich mehr gefordert werden als gegen Armenien und all die anderen Nationen in der WM-Qualifikation. Hatte seine beste Szene in der Vorbereitung des ersten deutschen Tores, als er Vorbereiter Jonas Hofmann perfekt freispielte. Der Ersatzkapitän war viel in Bewegung und an gefährlichen Angriffen beteiligt, ohne diesmal selbst zum Abschluss zu kommen.

Lukas Nmecha, ab 60. Minute für Müller: Der bullige Mittelstürmer durfte nach seinem starken Debüt gegen Liechtenstein gleich wieder als Joker ran. Er war agil über die rechte Seite mit einem guten Abschluss. Ihm gelang aber nicht alles, versuchte manche Dinge zu erzwingen.

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Jonas Hofmann: Wenn sich der Gladbacher nicht mehr verletzt oder in einer völlig bizarre Krise rutscht, dann hat er seinen Platz im Katar-Kader sicher. Dieses Mal durfte er dort spielen, wo er eigentlich hingehört: auf die rechte offensive Außenbahn. Und auch in dieser Rolle sammelte er ebenso viele gute Argumente für sich, wie zuletzt als Außenverteidiger. Wenn im etwas trägen deutschen Spiel etwas ging, dann war der polyvalente Spieler fast immer beteiligt. Hatte kluge Laufwege. Und noch mehr kluge Ideen. Zum Beispiel den Doppelpass vor dem 1:0. Oder beim aggressiven Gegenpressing, das er schließlich zum 4:1 veredelte.

Ridle Baku, ab 84. Minute für Hofmann: Tja, durfte mitspielen. Mehr aber auch nicht.

Kai Havertz: Der Londoner startete etwas lässig in die Partie. Traf nach einer Hereingabe von Leroy Sané nur den Außenpfosten. Ein paar Minuten später machte er es viel besser. Das flache Zuspiel von Hofmann drückte er perfekt über die Linie. Havertz hatte mal gesagt, dass er sich vorstellen könne, in Zukunft den Mittelstürmer für Deutschland zu geben. Das war ein guter Arbeitsnachweis für seine Bewerbung. War danach aber nicht mehr sonderlich auffällig. Die körperlich robusten Verteidiger der Armenier setzen ihm gut zu. Die Suche nach einem Wuchtbüffel im Zentrum also bleibt.

Quelle: ntv.de

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