Fußball

Buschmann über Geister-Neustart "Habe Sorge, dass das nach hinten losgeht"

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Für Sky kommentiert Buschmann die Fußball-Bundesliga.

Frank Buschmann kommentiert Fußball für Sky und liebt den Basketball. Beide Bundesligen planen den Neustart unter merkwürdigen Bedingungen. Im Interview mit ntv.de erzählt Buschmann, warum er froh ist, nicht vor Ort am Mikrofon zu sitzen, welchen Ansatz er für brandgefährlich hält und warum ihn das Scheinwerferlicht, auf das die Basketball-Bundesliga hofft, besorgt.

ntv.de: Herr Buschmann, was denken Sie darüber, dass die Bundesliga in wenigen Tagen ihre Corona-Pause beendet und den Spielbetrieb neu startet?

Frank Buschmann: Ich bin immer noch nicht an dem Punkt, an dem ich 'ne glasklare Meinung dazu habe. Ich bin nicht bei "alles geil, es durfte keine andere Entscheidung geben", weil ich auch die kritischen Aspekte sehe, wie: Ist es 'ne Extrawurst? Im Vergleich zu anderen Sportarten, aber auch im Vergleich zur - in Anführungsstrichen - ganz normalen Bevölkerung? Wie gefährlich ist es für die Spieler? Das wird bisher fast gar nicht thematisiert und kommt jetzt erst ein bisschen auf. Auf der anderen Seite erkenne ich aber auch an, dass man sich da eben ein gutes Gesundheitskonzept ausgedacht hat.

Es wird am Ende sehr viel davon abhängen, wie das umgesetzt und eingehalten wird - es hat ja schon erste Gegenbeispiele gegeben. Ich warte ab, was ich so erlebe, wenn ich nächsten Samstag in der Konferenz kommentiere. Ich bin mir auch noch nicht ganz sicher, wie die Leute das aufnehmen werden, wenn es erstmal nur noch Geisterspiele gibt, wie lange die Begeisterung dann wirklich vorherrscht. Wir haben das jetzt einmal so richtig erlebt mit Gladbach gegen Köln. Da haben schon viele gesagt: "Das hat doch mit Fußball nichts mehr zu tun." Wir müssen uns glaube ich darüber im Klaren sein, dass es in allerallererster Linie darum geht, den Wirtschaftsbetrieb Fußball-Bundesliga aufrecht zu erhalten. Alles andere wäre Augenwischerei. Aber das muss ja nichts Schlimmes sein.

Anfangs hieß es ja noch, die Liga wolle "für die Fans" wieder spielen. Dabei geht es bei einer Branche, die jährlich Milliarden umsetzt, natürlich auch ums Finanzielle. Das wurde erst später so offen kommuniziert.

Gerade in diesen Zeiten ist es aber auch nicht einfach, den richtigen Ton zu treffen. Es ist ja so, es gibt fast nur noch Schwarz oder Weiß und kaum noch Grautöne.

Für den 16. Mai ist der Neustart geplant, Ende Juni soll es ein Pokalfinale gegeben haben, der 34. und letzte Spieltag stattfinden und der neue deutsche Meister feststehen. Wie groß ist Ihr Glaube, dass das so funktioniert?

Puh... (überlegt) In dem Moment, in dem wir einen positiven Fall haben, wird's … eng. Ich hoffe aus ganz vielen Gründen, dass das funktioniert. Ich bin ein Mann der klaren Worte, aber da gebe ich keine Einschätzung ab, weil ich das einfach nicht kann. Ich stehe vor diesem Virus und bin komplett ratlos und logischerweise stehe ich davor, ob das funktionieren kann - mit einem sehr eng getakteten Spielplan, Bundesliga, dann noch Pokal … ich weiß es nicht. Ich würde es allen Beteiligten wünschen, weil das ja bedeuten würde, dass alle gesund bleiben. Das ist für mich das Wichtigste.

Es gibt aber keinen Raum für Fehler in diesem Plan, keinen Platz für Verzögerungen.

Exakt.

Freuen Sie sich denn darauf, wieder Fußballspiele kommentieren zu können? Oder lösen Geisterspiele ein eigenartiges Gefühl aus, weil ja wirklich "nur" das Geschehen auf dem Rasen stattfindet und nichts drumherum?

Ich stell' mir das schon schwierig vor. Jeder, der was anderes erzählt, der würde sich auch hier rumdrücken. Natürlich wird das schwierig. Wir haben ein Beispiel gehabt, das habe ich mir aus Interesse auch angeschaut, und ich hab noch keinen getroffen, der danach gesagt hat: Das ist Fußball, so wie ich ihn mir vorstelle. Da müssen wir uns nichts vormachen. Wie das für mich am Mikrofon sein wird? Ich gehe davon aus, da ich vorzugsweise in der Konferenz eingesetzt wurde (Anm. d. Red.: Die nicht aus dem Stadion, sondern aus dem Studio kommentiert wird), dass ich nicht dieses kuriose Empfinden im Stadion habe. Wenn du wie in Dortmund in einem Stadion für 80.000 Zuschauer bist und hörst jedes Klicken von 'nem Kugelschreiber, das ist glaube ich extrem schwierig. Aber auch in der Konferenz wird’s etwas anderes sein. Statt "TOOOOR IN DORTMUND" und richtig Alarm ist dann vielleicht eher einfach nur (spricht, ohne die Stimme zu heben) "Tor in Dortmund". Es wird ein bisschen ruhiger über die Bühne gehen.

Aber es geht ja nicht ums Empfinden von uns Sportreportern. Wir haben da unseren Job zu machen. Und das vergessen viele ja auch, da rede ich jetzt weniger über mich als über manche Kollegen, aber da atmen einige auf, dass es nach zehn Wochen auch mal wieder 3,70 Euro für den Kommentar eines Fußballspiels gibt. Deshalb habe ich da vielleicht auch mehr Verständnis (Anm. d. Red.: dafür, dass die Bundesliga wieder startet), denn auch das sind Arbeitsplätze und Existenzen, die an der ganzen Geschichte dranhängen. Das gilt natürlich auch für die Kollegen der Printmedien, für jeden Aufnahmeleiter, für jeden Kameramann.

Wenn wir schon bei "Tor in Dortmund" sind, dort steigt am Wochenende das Revierderby zwischen dem BVB und dem FC Schalke. Vor zweieinhalb Jahren führte Dortmund zu Hause nach 25 Minuten mit 4:0, am Ende gab eine königsblaue Aufholjagd und ein wildes 4:4 in der 95. Minute, sie saßen am Mikrofon. Geht so ein verrücktes Spiel überhaupt ohne Fans?

Nein. Ich glaube, dass wir aufgrund dieser besonderen Situation vielleicht mehr Ergebnisse wie 3:3, 4:4 oder 5:5 sehen werden. Weil ich sehr gespannt bin, in welcher Form und Verfassung die Mannschaften sind, da können sich kuriose Dinge abspielen. Aber, ich möchte keinen Mumpitz erzählen, natürlich wäre ein 4:4 zwischen Dortmund und Schalke, wenn es dann losgeht, nicht mit dem vergleichbar, was da im November 2017 passiert ist. Das geht ja gar nicht. Und da haben die Fans recht: Der Fußball lebt viel mehr von den Fans, als er vielleicht in den letzten Jahren kapiert hat.

Ich hoffe nur, dass diese Einsicht (Anm. d. Red.: wie wichtig die Fans in den Stadien für den Profifußball sind) eine echte Einsicht ist, dass das eben nicht Lippenbekenntnisse sind. Ich weiß aber auch, dass der Mensch sehr schnell dazu neigt, zu vergessen und vielleicht doch da weiterzumachen, wo es aus seiner Sicht vorher ganz gut funktioniert hat. Aber zurück zum Anfang: Auch ich als Reporter lebe von der Atmosphäre, von der Temperatur eines Ereignisses. Natürlich ist die bei einem Geisterspiele nicht auf 80 Grad, sondern eher bei 20 Grad. Egal, wie spektakulär es ist. Aber es gibt sehr viele Argumente dafür, dass wir das jetzt so durchziehen. Es gibt aber eben auch sehr nachvollziehbare Argumente, warum man sich damit sehr schwertun kann.

Ähnlich ambitioniert wie die Fußball-Bundesliga ist auch die Basketball-Bundesliga. Da ist ein Quarantäne-Turnier mit zehn Klubs in München geplant, um die Saison doch noch zu beenden. Wie bewerten Sie diesen Plan?

Noch schwieriger für mich. Noch schwieriger, weil ich im ersten Schritt gar nicht verstanden habe, worum es geht, weil wie in allen Teamsportarten die Zuschauereinnahmen eine viel wichtigere Rolle fürs Finanzielle spielen als im Fußball und die TV-Einnahmen eine viel geringere. Aber ich habe jetzt gelernt, das sonst eventuell sehr hohe Regressforderungen von Sponsoren erhoben worden wären und denen möchte man aus dem Weg gehen. Das finde ich nachvollziehbar, wenn das einige Klubs rettet, dass die Sponsoren ihren Verpflichtungen nachkommen. Da gehe ich mit. Es würde mich auch interessieren, bei wie vielen Klubs das tatsächlich der Fall ist. Es haben sich ja auch ganz bewusst Vereine dagegen entschieden, mitzumachen.

Wovor ich warne, ist diese Geschichte, die ich wirklich mit Verwunderung aufgenommen habe. "Jetzt stehen wir mal im Fokus der Öffentlichkeit und können uns präsentieren auf einer großen Bühne, was für ein fantastischer Sport wir sind" - wir diskutieren bei Fußball-Geisterspielen darüber, dass es schwierig wird, die Leute zu faszinieren an den Geräten. Jetzt zeigen wir Basketballspiele - und der Sport tut sich ohnehin schon schwer in diesem Land - und haben aber nicht diese Atmosphäre, die Hallensportarten ausmacht. Sondern wir hören wie beim Schulsport das Quietschen der Sohlen auf dem Boden. Und wir erleben Mannschaften, die teilweise wahrscheinlich nicht ihren kompletten Kader haben und auch nicht in Form sind. Dann geht man hin und sagt, das ist unsere große Chance, die Faszination unseres Sports darzustellen? Da setz' ich drei große Fragezeichen, das hat mich extrem verwundert. Am Ende sollte man vielleicht ehrlich sein und sagen: Wir wollen überhaupt noch stattfinden, wir wollen den Betrieb am Laufen halten und wir sehen auch Möglichkeiten, finanziell vielleicht besser über die Runden zu kommen. Alles andere, das ist natürlich nur meine Meinung, kann ich nicht so ganz nachvollziehen.

Den sportlichen Wert stelle ich auch infrage, weil es mindestens sieben Wochen lang kein Teamtraining gab, nicht mal ein Eins-gegen-Eins, dazu kommt die Unklarheit darüber, welche Spieler überhaupt zurückkommen. Viele ausländische Spieler sind in ihre Heimat gereist und müssten bei einer Rückkehr nach Deutschland erstmal 14 Tage in Quarantäne.

Viele Fragen sich ja, warum nicht alle mitmachen wollen bei diesem Turnier. Die kleinen Mannschaften, die von vornherein davon ausgegangen sind, nicht in die Playoffs zu kommen, die haben nur bis Anfang Mai ihre Spieler unter Vertrag gehabt. Die sind auch froh gewesen, dass sie die nicht mehr bezahlen mussten und dass die für einen Abbruch der Saison plädieren, kann ich komplett nachvollziehen. Aber ich will das auch bewusst nicht in Schutt und Asche legen, weil ich in Corona-Zeiten nicht dazu neige, Leute vorzuführen und denen meine Meinung aufzudrücken. Ich finde nur, manchmal wäre ein bisschen runter vom Gas ganz gut, weil ich das (Anm. d. Red.: Die Aussage von Liga-Chef Dr. Stefan Holz, die BBL stehe jetzt mal im Fokus der Öffentlichkeit) mit Verwunderung gelesen habe. Da bin ich sehr gespannt.

Zumal die "Scheinwerfer", die laut BBL-Geschäftsführer Dr. Stefan Holz nun auf den Basketball gerichtet sind, wenn das Turnier starten kann, eben auch sehr gut ausleuchten, wenn der Plan scheitert. Der Fußball hat immer diese große Bühne.

Welche großen Scheinwerfer sind denn jetzt auf den Basketball gerichtet? Das habe ich noch nicht verstanden. Muss ich jetzt davon ausgehen, dass sonntags um 15 Uhr in ARD oder ZDF, danach wird ja immer geschrien von den Basketballern, Berlin gegen Vechta live übertragen wird? Ist das die Vorstellung? Sehe ich undeutlich, wenn ich ehrlich bin. Und dabei bringe ich auch nochmal einen Punkt aufs Parkett: Ich finde das generell nicht so schön, einem langjährigen Partner wie MagentaSport (Anm.d.Red.: Der alle Spiele der BBL live überträgt) gegenüber immer so zu tun, als liefe das zwar - aber wenn wir ins "große Fernsehen" können, dann sind wir glücklich.

Da stelle ich dann die Frage, warum findet es denn sonst nicht im großen Fernsehen statt unter normalen Umständen? Ich bin Basketballer mit Leib und Seele, aber das stört mich immer. Und ob das dann wirklich stattfindet - von Live-Übertragungen kann man nicht träumen - und ob man dem Fußball die Show stiehlt medial, sehe ich undeutlich.

Die Umstände des Turniers sind ja auch eigenartig. Zehn Teams in einer Halle, niemand weiß sicher, wie die Kader aussehen, wie fit nach monatelangem Einzeltraining die Spieler sind, die für Wochen ihre Familien und Lebensumfelder verlassen müssen … also wie hoch überhaupt das sportliche Niveau ist, ist zwar offen. Aber es ist nicht das Top-Produkt. Es ist so ein bisschen wie Basketball unter Laborbedingungen.

Ich will da niemandem Angst machen, weil man sich (Anm. d. Red.: als Vereine und als Liga) Gedanken macht, überlegt, aber: Ich habe eher die Sorge, dass das nach hinten losgehen kann. Ich habe eher die Sorge, dass, wenn man mehr in den Fokus rückt, es eher schlecht ist für die Sportart. Wegen genau dieser Themen. Ich glaube einfach nicht, dass es auch nur ansatzweise den Eindruck von großem, geilem Sport vermitteln kann. Auch, wenn ich da gerne Unrecht haben möchte.

Ich freue mich auch, wenn ich falsch liege, aber mein Gefühl ist: Es gibt deutlich mehr zu verlieren als zu gewinnen.

Wir diskutieren schon darüber, ob beim Fußball, des Deutschen liebstem Kind, dass viele Fans, die es echt gut mit dieser Sportart meinen, sagen: Das ist zäh. Und jetzt kommen wir und wollen eine Sportart, die sich eh schwer tut in Deutschland, und wollen die mit so einer Veranstaltung drei Stufen höher schrauben. Da bin ich gespannt, also wenn das funktioniert: Chapeau!

Mit Frank Buschmann sprach Torben Siemer

Quelle: ntv.de