Fußball

Beginn eines sportpolitischen Bebens Havelange muss aus IOC flüchten

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Schluss nach 48 Jahren: João Havelange verlässt das IOC, ehe er ausgestoßen wird.

(Foto: REUTERS)

Seit Jahrzehnten ist der Brasilianer João Havelange eine Institution im Weltsport: Zweimaliger Olympionike, Ex-FIFA-Präsident, einziges IOC-Mitglied auf Lebenszeit. Nun tritt er aus dem Olympia-Zirkel zurück, um sich eine peinliche Verbannung zu ersparen. Sein Rückzug ist eine Zäsur - und könnte auch FIFA-Boss Joseph Blatter zu Fall bringen.

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Der 95-jährige Brasilianer gilt als zentrale Figur im größten bekannten Schmiergeld-Skandal der Sportgeschichte, der ISL-/ISMM-Affäre.

(Foto: dpa)

João Havelange ist nicht länger Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Per Brief erklärte der Brasilianer nach 48 Jahren seinen Rücktritt aus dem exklusiven Zirkel der Olympier, angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Das IOC, das seit fast einem Jahr gegen Havelange wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt, bestätigte den Rückzug inzwischen offiziell. In Insiderkreisen war der Rückzug ohnehin unstrittig.

Was rein formal als nachvollziehbarer Schritt eines 95-Jährigen ausgelegt werden könnte, ist eine sportpolitische Sensation – vergleichbar mit einem Eingeständnis von Karl Theodor zu Guttenberg, er habe vorsätzlich getäuscht. Zudem könnte der Rückzug auch weitreichende Folgen für den Fußball-Weltverband FIFA und seinen umstrittenen Präsidenten Joseph Blatter haben, dessen Vorgänger Havelange von 1974 bis 1998 war.

Havelange ist als einziges Mitglied auf Lebenszeit im kuriosen IOC-Wahlvolk und FIFA-Ehrenpräsident eine Institution im Weltsport. Er geht nicht aus freien Stücken, sondern wurde vom IOC kaum verhohlen vertrieben. Mit seinem Rückzug darf sich der Brasilianer eine peinlichen Verbannung aus dem IOC ersparen, die wohl am Donnerstag verkündet worden wäre. Dann tagt die IOC-Exekutive in Lausanne. Ein Punkt auf der Tagesordnung: Konsequenzen aus Havelanges Verwicklung in die Schmiergeld-Affäre um den früheren Sportvermarkter ISL/ISMM, den größten bekannten Bestechungsskandal der Sportgeschichte.

Mittendrin im größten Bestechungsskandal

Gerichtsfest belegt ist, dass der ISL/ISMM-Konzern von 1989 bis zum seinem Kollaps 2001 mindestens 141 Millionen Schweizer Franken an hochrangige Sportfunktionäre gezahlt hat. Der investigative Journalist Andrew Jennings enttarnte im Dezember 2010 in der BBC neben den drei aktuellen FIFA-Vorständlern Nicolas Leoz, Issa Hayatou und Ricardo Teixeira auch Havelange als Schmiergeldempfänger. Auf internen ISL-Zahlungslisten war eine Millionenzahlung an den früheren FIFA-Boss vermerkt, der als zentrale Figur im Korruptionsnetzwerk gilt.

Während Amtsnachfolger Joseph Blatter in Nibelungentreue eine interne Untersuchung ablehnte ("Die alten Kamellen von der ISL aufzuwärmen, das geht einfach nicht"), ganz so wie es sich für einen sportpolitischen Ziehsohn von Havelange gehört, nahm die Ethik-Kommission des IOC Ermittlungen auf. Am Tag nach der Ausstrahlung des Programms bat sie die BBC um Belege für die geäußerten Vorwürfe gegen eines der prominentesten und umstrittensten Mitglieder der Weltsport-Familie.

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Seit 1963 war Havelange im IOC und deshalb einziges Mitglied auf Lebenszeit. Präsident der FIFA war er von 1974 bis 1998.

(Foto: Reuters)

Das ist an sich schon ein ungeheurer Vorgang in der Spezialdemokratie Sport, die lieber vertuscht als aufklärt. Zu einer Zäsur wird der Schritt, weil es die IOC-Ethiker nicht bei einer Prüfung beließen. Vielmehr empfahlen sie der Exekutive ernsthafte Sanktionen gegen den ewigen Strippenzieher Havelange: entweder eine zweijährige Suspendierung, wie der "Guardian" berichtet, oder sogar den Ausschluss. Beide Strafen wären schallende Ohrfeigen für Havelange gewesen, dessen olympische Karriere mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936 begann und 2016 ihren Höhepunkt erreichen sollte. Die Sommerspiele in Rio de Janeiro sollten zu Ehren von Havelanges 100. Geburtstag im nach ihm benannten Olympiastadion eröffnet werden. Er hatte schließlich mitgedealt, als Brasilien um den Zuschlag warb.

Offizielle Bloßstellung vermieden

Dass Havelange einer formalen Verurteilung mit seinem Rücktritt zuvorkommt, dämpft den Hall der Ohrfeige nur geringfügig. "Mit der Rücktrittsbitte hat Havelange das Schlimmste verhindert: befleckt zu sein durch eine öffentliche Feststellung der Korruption in den Jahren seines FIFA-Kommandos", bilanziert der "Estado de São Paulo". Eine Schmach bleibt sein Ausscheiden dennoch. Der Brasilianer ist das erste IOC-Mitglied seit 2005, das wegen Verstößen gegen den Ethik-Code seinen Posten räumen muss. Damals war der in seinem Heimatland Südkorea wegen Korruption verurteilte Kim Un-Yong seinem Rauswurf per Rücktritt zuvorgekommen.

Auch wenn der 95-jährige Havelange alle Vorwürfe abstreitet und das IOC-Verfahren nun eingestellt werden dürfte, muss sein Rückzug als Schuldeingeständnis gewertet werden. Jennings schätzt sogar, dass sich die tatsächlich an Havelange geflossenen ISL-Schmiergelder auf 50 Millionen Dollar belaufen. Aufklärung darüber könnte die Einstellungsverfügung zum ISL/ISMM-Prozess aus dem Mai 2010 bringen, die die FIFA bislang unter Verschluss gehalten hat. Sie zeigt laut Jennings und FIFA-Kenner Jean Francois Tanda von der Schweizer "Handelszeitung" detailliert, wie sich Havelange, sein Ex-Schwiegersohn Ricardo Teixeira und FIFA-Präsident Joseph Blatter als Mitwisser der Schmiergeldzahlungen von einem Verfahren freigekauft haben.

Druck auf Blatter wächst

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Lehrmeister und Lehrling: Joseph Blatter diente Havelange während dessen Amtszeit an der FIFA-Spitze als Generalsekretär und wurde anschließend sein Nachfolger.

Sicher ist, dass der Reformdruck auf FIFA-Präsident Joseph Blatter nun weiter steigen wird. Bislang hat der Schweizer, der Havelange von 1981 bis 1998 als Generalsekretär diente und dann auf dubiose Weise zu seinem Nachfolger gewählt wurde, nur ein kunstvolles Blendwerk errichtet. Es täuscht Reformen vor und kündigt Aufklärung an, lässt konkrete Maßnahmen und Transparenz aber vermissen. Korrupte Funktionäre blieben bislang weitgehend unbehelligt und dürfen, wie Teixeira, sogar die WM 2014 organisieren. Auch die Ernennung des Schweizer Korruptionsexperten Mark Pieth zum Chef der neuen FIFA-Lösungskommission hat Kritik hervorgerufen. Pieth wird nicht nur von der FIFA bezahlt. Er will auch keine Korruptionsfälle aus der Vergangenheit behandeln, von denen es zahllose gibt. Transparency International hat deshalb eine Mitarbeit in der Kommission verweigert.

FIFA-Experten wie der Journalist Jens Weinreich halten es für wahrscheinlich, dass Havelange nur der erste Dominostein ist, der kippt. Falls Blatter nach Mohamed bin Hammam und Jack Warner nun tatsächlich weitere langjährige Gefolgsleute wie den schwer belasteten Teixeira, Worawi Makudi (Thailand), Chuck Blazer (USA), Julio Grondona (Argentinien) oder Leoz (Paraguay) fallen lassen sollte, nachdem er deren korrupte Machenschaften jahrelang gedeckt hat, sei eine Schlammschlacht denkbar - die in Blatters Sturz enden könnte. Ein Abwälzen der Schuld auf Havelange ist für Blatter nach 30 Jahren an der FIFA-Spitze ohnehin nicht möglich, auch wenn der an Realitätsverlust leidende Schweizer das glauben mag.

Ungemach könnte dem 75-jährigen Blatter auch drohen, wenn die FIFA nach mehreren juristischen Blockaden tatsächlich die bisher geheimgehaltenen ISL-Akten komplett veröffentlicht und nicht nur in Teilen. Dort wird Blatter, der als FIFA-Präsident qua Amt auch IOC-Mitglied ist, offenbar als Mitwisser und Dulder im korrupten ISL-Systems benannt. Nach Lage der Dinge dürfte die IOC-Ethik-Kommission diesen Umstand nicht so gnädig ignorieren wie Blatters hauseigene Ethiker. Und einen FIFA-Präsidenten, der für die olympische Familie nicht tragbar ist, kann sich selbst der milliardenschwere Fußball-Weltverband nicht leisten.

Quelle: ntv.de

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