Fußball

Ehrliche Worte vor Hamburg-Derby Jatta hat sich wie im Gefängnis gefühlt

imago46500054h.jpg

Nach dem Spiel gegen den KSC gab es emotionalen Jubel von den HSV-Fans.

(Foto: imago images/Eibner)

Am Samstag empfängt der Hamburger SV in der 2. Fußball-Bundesliga den FC St. Pauli zum 103. Stadtderby. Für den HSV geht es um den Aufstieg, für Pauli gegen den Abstieg - und für HSV-Profi Bakery Jatta nach den schwerwiegenden Vorwürfen gegen ihn um noch viel mehr.

Der HSV spielt in der 2. Bundesliga um wichtige Punkte im Rennen um den Aufstieg. Der FC St. Pauli will den Coup aus dem Hinspiel, als die Kiez-Kicker mit 2:0 gewonnen hatten, wiederholen und wichtige Punkte im Kampf gegen den Abstieg holen. Beim 103. Stadtderby der beiden rivalisierenden Hamburger Vereine trifft im Volksparkstadion, dem Zuhause des HSV, ungestillter Aufstiegshunger auf erbitterten Abstiegskampf (13 Uhr im Liveticker bei ntv.de). Mitten drin: HSV- Flügelspieler Bakery Jatta. Der 21-Jährige bereitet sich mit seiner Mannschaft auf das vielleicht wichtigste Spiel der Saison vor, wirkt in diesen Tagen, als wäre nie etwas gewesen. Doch hinter dem jungen Profi liegen kräftezehrende und emotionale Wochen und Monate und erst jetzt sagt er von sich: "Ich habe meinen Frieden gefunden".

imago46632549h.jpg

Jatta hat sich beim HSV zum Stammspieler entwickelt.

(Foto: imago images/Joachim Sielski)

Im August 2019 titelte die "Sport Bild", dass HSV-Profi Bakery Jatta möglicherweise unter falscher Identität spiele. Es hieß, Jatta sei zwei Jahre älter und heiße eigentlich Bakary Daffeh. Es folgte ein wochenlanger Spießrutenlauf für den erst 2015 nach Deutschland gekommenen Jatta. Während der Identitätsdebatte hatten die HSV-Veantwortlichen Jatta von der Presse abgeschirmt, Interviews gab er kaum. Erst jetzt wird dank seiner emotionalen Worten im Interview mit dem HSV-Stadionmagazin deutlich, wie sehr die öffentliche Debatte den jungen Fußball-Profi belastet hatte. "Niemand kann sich vorstellen, wie ich mich in dieser Zeit gefühlt habe. Ich wurde öffentlich an den Pranger gestellt. Aber wofür? Was hatte ich verbrochen?", lässt Jatta tief blicken. "Ich habe mich gefühlt, als wollte man mich wegsperren, mich ins Gefängnis stecken. Doch ich wusste die ganze Zeit, dass nicht alle Menschen in Deutschland so denken, sondern dass es lediglich eine Zeitung war."

St. Pauli solidarisiert sich mit Jatta

Sowohl die Verantwortlichen als auch andere HSV-Spieler hatten sich geschlossen hinter Jatta gestellt und ließen zu keinem Zeitpunkt Zweifel an Jattas Identität aufkommen. Wenn "Baka", wie seine Mitspieler und Trainer ihn nennen, an diese blinde Solidarität zurückdenkt, wird er emotional: "Ich weiß bis heute nicht, wie ich diesen Menschen jemals das zurück­zahlen kann, was sie mir gegeben haben. Hamburg und der HSV waren in dieser Zeit für mich wie Vater und Mutter für ein Kind: Man hat mich nicht weg­geschubst, sondern mich behütet und beschützt", erzählt er und bezeichnet den HSV als seine "Familie".

Die öffentliche Debatte über die vermeintlich falsche Identität von Jatta wurde von Vereinsseite immer wieder scharf kritisiert. Und auch der FC St. Pauli distanzierte sich von den Mutmaßungen der "Sport Bild" und signalisierte trotz aller Rivalität dem HSV gegenüber Unterstützung und Solidarität. Anders als zum Beispiel der 1. FC Nürnberg oder der VfL Bochum, legte der Hamburger Stadtrivale keinen Einspruch ein, als der HSV Jatta im Derby aufstellte. "Der menschliche Umgang in der Berichterstattung im Fall Bakery Jatta befremdet uns sehr", äußerte sich St. Paulis Präsident Oke Göttlich. Und auch die Fans solidarisierten sich mit dem Gegner und begrüßten den Flügelflitzer mit einem Plakat: "Welcome Bakery Jatta".

Nachdem sowohl der DFB als auch die Hamburger Behörden die Verfahren eingestellt hatten, kehrte für Jatta Ruhe ein. Ganz vergessen wird er dieses halbe Jahr vielleicht nie, doch der Gambier will jetzt nach vorne schauen. "Wenn mir Menschen etwas Böses wollen, dann darf ich sie nicht in mein Herz lassen. Das hat einen schlechten Einfluss auf mich, es zieht mich runter und lenkt mich ab von meinen Zielen. Deshalb schaue ich nicht zurück, sondern nur nach vorn und versuche in jedem Training, in jedem Spiel ein besserer Spieler zu werden".

St. Pauli droht Abstiegsplatz

*Datenschutz

Der HSV ist nach der verpatzten letzten Saison, als in der Rückrunde der Aufstieg verspielt wurde und sich die Hamburger am Ende mit Platz vier abfinden mussten, mit einem klaren Ziel in diese Spielzeit gegangen: Es zählt nur der Aufstieg. Doch nach einem guten Saisonstart zeigt sich der ehemalige Bundesliga-Dino nicht wirklich souverän. Auch wenn der HSV zuletzt erfolgshungrig, zielstrebig und mit sechs ungeschlagenen Spielen in Folge auch durchaus erfolgreich auftritt, lassen die Rothosen so einige Punkte liegen. Arminia Bielefeld punktet konstant und steht mit drei Punkten Vorsprung vor dem HSV. Den rettet allerdings bisher nur das Torverhältnis vom Relegationsrang, denn der VfB Stuttgart lauert punktgleich mit 41 Zählern auf dem dritten Platz hinter dem HSV. Da würde ein Dreier im Derby nicht nur in der Tabelle gut tun, sondern auch ordentlich Selbstvertrauen schaffen. "Ein Derbysieg kann uns einen Kick für die nächsten Wochen geben", bekräftigt HSV-Coach Dieter Hecking.

Auf der anderen Seite steht der FC St. Pauli, der seit Wochen tief im Tabellenkeller feststeckt und nicht so richtig vom Fleck kommt. Nach einem zuletzt glanzlosen 0:0 gegen den Tabellenletzten Dynamo Dresden steht Pauli auf Rang 14 mit nur zwei Zählern Luft zum Relegationsrang. Bei einer Niederlage droht den Paulianern ein direkter Abstiegsplatz. "Solche Spiele kann man nicht an der Tabellensituation festmachen. Es sind Spiele für sich", sagt Pauli-Trainer Jos Luhukay, der den HSV als "beste Mannschaft der Liga" beschreibt.

Polizei in Alarmbereitschaft

Doch auch wenn der HSV als vermeintlicher Favorit in dieses Derby startet - dass Pauli die Rothosen jederzeit schlagen kann, haben sie in der vergangenen Saison eindrucksvoll bewiesen. "Wir haben im Hinspiel gespürt, wozu St. Pauli in der Lage ist. Das wollen wir nicht noch einmal erleben", so Hecking. Während der HSV auf die angestammte Doppel-Sechs mit Adrian Fein und Jeremy Dudziak verzichten muss, fehlt dem FC St. Pauli nur Innenverteidiger James Lawrence.

Doch wenn der HSV auf den FC St. Pauli trifft, geht es nicht immer nur um das Sportliche. Und so bereitet sich nicht nur Bakery Jatta mit seinem HSV in diesen Tagen intensiv auf das Derby vor, sondern auch die Hamburger Polizei ist bereits in Alarmbereitschaft, denn das Derby ist ein Risikospiel mit höchster Sicherheitsstufe. Für beide Vereine steht eine Menge auf dem Spiel, das sorgt bei den Fans für aufgeheizte Stimmung. Seit Tagen wird das Stadion 24 Stunden am Tag überwacht, 1500 Polizeibeamte sind im Einsatz und trainieren bereits jetzt im Volkspark den Ernstfall. Die Fangruppen werden bei dem Anmarsch zum Stadion strikt getrennt, vor Ort wird kein Akohol ausgeschenkt. Das Volksparkstadion ist ausverkauft, rund 6000 Anhänger des FC St. Pauli reisen an. Weit haben die es ja nicht.

Quelle: ntv.de