Fußball

Studierende Topsportler verlacht Köpkes Spruch zeugt von Arroganz

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Hat an vielen Trainingseinheiten in seinem Leben teilgenommen: Andreas "Andi" Köpke.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es ist nur ein TV-Moment vor der Auslosung der Achtelfinalspiele des DFB-Pokals - in dem sich Andreas Köpke, Torwarttrainer der deutschen Nationalelf, ins Abseits stellt. Sein Spruch über Fußballerinnen, die neben ihrer Karriere arbeiten, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Als Jugendliche stand ich vor einer Entscheidung, die den Verlauf meines ganzen Lebens bestimmen sollte. Ich war auf dem Weg von der Schule nach Hause, als mein Coach anrief. Er könne mit mir zu einem Vorauswahltraining des Deutschen Basketball Bundes nach Hamburg fahren, ob ich Lust hätte? Das Angebot empfand ich als große Ehre. Doch schon damals, im Moment des sportlichen Triumphs, war mir nicht nach Feiern zu Mute.

Ich spielte es durch: Gesetzt den Fall, ich würde noch mehr trainieren, mehr an meiner recht bescheidenen Athletik arbeiten, irgendwann meinem mecklenburgischen Dorfverein den Rücken kehren und für den bedeutenderen Klub in Rostock spielen. Gesetzt den Fall, das würde alles ausreichen und ich bekäme tatsächlich beim DBB eine Chance: Was dann? Basketballprofi werden? Als Frau? In Deutschland? Und wovon sollte ich dann später leben?

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Solche Gedanken machen sich viele junge Frauen und je nach Sportart - Leichtathletik, Biathlon, Tischtennis - auch junge Männer. Doch es sind die Geschichten der jungen Basketballer und Fußballer, die davon träumen, irgendwann in der NBA oder der Bundesliga aufzulaufen, die erzählt werden. Wer hat noch nichts von dem schwierigen Weg eines Dirk Nowitzki oder eines Jérôme Boateng ins Profigeschäft gehört? Diese herausragenden Sportler haben sich ihren Weg in die Spitzenligen dieser Welt erkämpft. Und sie haben ausgesorgt - auch ohne Nebenjob oder Fernstudium. Die millionenfachen Geschichten des Scheiterns bleiben dagegen unerwähnt.

Turid Knaak kann nicht einfach nur Nationalspielerin sein. Die 28 Jahre alte Fußballerin der SGS Essen lehrt und promoviert nebenher an der Universität Köln im Fach Sozialpädagogik. Als sie am Sonntag an der Auslosung der Achtelfinalspiele des DFB-Pokals teilnimmt, widmet ihr die ARD-"Sportschau" einen Einspieler über ihre vielen Tätigkeiten. Moderator Matthias Opdenhövel fragt voller Bewunderung, wie das alles möglich sei. "Das erfordert eine Menge Zeitmanagement. Ich fahre meistens von der Arbeit direkt durch zum Training, ohne Zwischenhalt zu Hause oder so. Es macht mir beides sehr viel Spaß und man kriegt eigentlich beides ganz gut hin." Danach fordert Opdenhövel das Studiopublikum zu einem Applaus auf.

Es folgt eine - vermutlich unschuldig gemeinte - Frage an den ebenfalls als Ausloser anwesenden DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke: "Wäre das auch was für die Männer im Profifußball?" Köpkes schnippische Antwort: "Wir trainieren so viel, da bleibt keine Zeit dafür." Heiteres, aber auch erschrockenes Lachen im Publikum und am Pult. "Wir auch", versucht Knaak noch perplex zu entgegnen. Es bleibt unerwidert. Eine kurze Anekdote, wer die gleich anmutenden schwarzen Anzüge der beiden Herren rausgesucht hat (Mutter und Frau), dann geht es weiter im Programm.

Ein Schlag ins Gesicht für Leistungssportler

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Wie Knaak geht es vielen Leistungssportlern in Deutschland, die für ihre gewaltigen Trainingsumfänge nicht ansatzweise so entlohnt werden wie durchschnittliche Fußball-Bundesligaspieler. Die Basisförderung der Sporthilfe für Athleten, denen internationale Medaillen zugetraut werden (das sogenannte Top-Team), beträgt gerade einmal 800 Euro im Monat. Hinzu kommen ausgewählte Prämien. Ruderolympiasieger Andreas Kuffner wird dabei als positives Beispiel aufgeführt: Er studierte parallel zum Leistungssport Wirtschaftsingenieurwesen und gewann danach in Rio mit dem Achter - nach Gold 2012 in London - noch Silber.

Es mag nur ein scherzhaft gemeinter Kommentar von Köpke gewesen sein. Doch zeugt er angesichts der Aufopferung Knaaks und so vieler anderer Sportler von großer Arroganz. Ich habe mich vor mehr als einem Jahrzehnt dagegen entschieden, eine Profikarriere auch nur ernsthaft anzustreben. Ich war zwar beim besagten Training in Hamburg, aber ich war (noch?) nicht gut genug für den DBB. Ich kann nicht sagen, dass ich mir nicht richtig Mühe gegeben hätte. Ich wollte durchaus mit meinen Fähigkeiten überzeugen. Aber nach diesem einen Versuch habe ich die Sache doch lieber ruhen lassen. Bis zur ersten Regionalliga hat es vor meinem Abitur noch gereicht. Dann waren mir das Studium und meine berufliche Zukunft doch wichtiger als der Sport, den ich so liebe. Auch im Jahr 2019 hätte ich vermutlich nicht anders gehandelt.

Der Ausspruch Köpkes ist ein Schlag ins Gesicht für diejenigen, die ihre Weltklasse-Leistung ganz selbstverständlich neben ihrem Berufs- oder Bildungsalltag erbringen. Noch immer platzen die Träume vieler ambitionierter Jungsportler noch bevor sie richtig ausgemalt sind - weil sie sich anders als Fußballprofis eher früher als später zwischen Leidenschaft und Vernunft entscheiden müssen.

Quelle: n-tv.de

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