Fußball

Zwei Meinungen am Mittag Muss Joachim Löw jetzt sofort gehen?

Joachim Löw wird die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auch bei der EM im Sommer betreuen, ein letztes Mal. Oder? Sportlich sät die bittere Mazedonien-Pleite doch arge Zweifel an einem erfolgreichen Turnier unter Löw. Wäre ein vorgezogener Abschied vom verdienstvollen Löw eine sinnvolle Lösung? Ein Pro und Contra!

Es gibt (jetzt) keinen Grund zum Rauswurf!

Joachim Löw gut begründet aus dem Amt des Bundestrainers zu schaffen, wäre so einfach gewesen. Nach den Debakeln bei der WM 2018 oder gleich zweimal in der Nations League. Aber Joachim Löw hat alles überstanden, selbst das krachende 0:6 gegen Spanien. Der Verband vertraut ihm und seinem Plan. Warum sollte er also nun, wo der Trainer eh bald freiwillig geht, seine ewige Treue aufkündigen? Weil die arg peinliche Niederlage gegen Nordmazedonien eine weitere zu viel war? Weil sie den EM-Erfolg gefährdet? Nein, so bitter diese Pleite gegen gute, aber nicht überragende Nordmazedonier war, so wichtig war sie für den Trainer auf seinem Weg zur finalen Mission beim DFB. Und den geht er bekanntermaßen rücksichtslos. Was muss ihn also eine WM-Quali-Gruppe interessieren, dessen Ausgang in anderen Trainerhänden liegt, in der Deutschland dennoch Favorit bleibt?

Löw hat kaum noch Möglichkeiten, taktische Dinge mit seiner Mannschaft zu trainieren. Jedes Spiel auf dem Weg zur EM muss dem Prinzip von "Versuch und Irrtum" folgen. Gegen Island ging es gut. Gegen Rumänien war es okay. Gegen Nordmazedonien eine Katastrophe. So geschockt Löw selbst von der Leistung und dem Ergebnis ist, er hat jetzt wichtige Erkenntnisse bekommen: Eine Fünferkette, das funktioniert nicht. Mit Antonio Rüdiger hat er einen starken Innenverteidiger, aber offenbar doch keinen Abwehrchef, wie bereits vielerorts gelobt. Gute Argumente also für Mats Hummels. Im Mittelfeld fehlt neben Joshua Kimmich ein zweiter Leader, wenn der Terrier mal einen schlechteren Tag hat. Gute Argumente also vor allem für Thomas Müller. Sowohl emotional als auch sportlich. Und im Sturm könnte angesichts der Harmlosigkeit Kevin Volland doch nochmal ein Thema werden. Ein Typ mit Wucht und Selbstvertrauen – anders als Timo Werner.

Und wer gibt einem die Garantie, dass mit einer möglichen Alternative alles besser werden würde als mit Löw? Niemand. Weder hat Stefan Kuntz Erfahrungen mit "großen" Teams noch mit solchen Drucksituationen. Und Ralf Rangnick, mit dem der Verband ja bald Gespräche über eine Zusammenarbeit führen will, kennt die Abläufe beim DFB nicht. Eingewöhnung im rasenden Betrieb – nicht Rangnicks Sache. Seine Aufbauarbeit bei der TSG Hoffenheim und bei RB Leipzig fing ganz vorne an – nicht mittendrin. Er konnte seine Ideen neu aufsetzen und entwickeln. Ob sein Zauber auch unmittelbar funktioniert, wenn er an bestehenden Strukturen operieren muss? Und wenn Hansi Flick als Nachfolger mit DFB-Vergangenheit und Erfahrung in Drucksituationen bei großen Teams in Frage käme, dann definitiv nicht JETZT! (tno)

Löw arbeitet nur gegen sich selbst

Nein, diesmal fordert niemand, dass sich der Bundestrainer vor dem Bundestag verantwortet. Das hatte vor der WM 2006 ein CDU-Hinterbänkler vom damaligen Verantwortlichen gefordert: "Es wäre schön, wenn Herr Klinsmann mal dem Sportausschuss erklären würde, was seine Konzeption ist und wie er Weltmeister werden will. Das Spiel gegen Italien war grausam", hieß es. Joachim Löw muss sich auch nach dem schlimmen 1:2 gegen Nordmazedonien weiter nur vor sich selbst verantworten. Und Löw hält natürlich Löw für den richtigen Mann, um dem DFB eine erfolgreiche EM zu bescheren. Gründe für diese Überzeugung gibt es nicht viele.

Den Spanien-Blackout im November verklärte man noch zum Freak Accident, zum nicht-strukturellen Totalausfall. Eine Naturkatastrophe. Der DFB hatte handstreichartig analysiert, dass es weitergeht, wie bisher. Die präsidiale Bitte, wenigstens nach der EM abzutreten, hatte Löw empört zurückgewiesen. Vier Monate später steht man am selben Punkt, zwei soliden Auftritten gegen Rumänien und Island folgte der Schock. Jetzt steht wieder alles in Frage. Außer der Bundestrainer. Das ist falsch.

Löw war gegen Nordmazedonien nicht Opfer der Umstände, sondern Teil des Problems: Er verzichtete durch wenige personelle Wechsel auf Belastungssteuerung einerseits und durch die Umstellung auf unterschiedliche Kettenlängen in der Abwehr auf die Gelegenheit zum Einspielen - und das beides gleichzeitig. RTL-Experte Uli Hoeneß regte das arg auf: "Ich verstehe überhaupt nicht, dass man ein erfolgreiches System aus zwei Spielen ohne Not verändert. [...] Ich hätte gerade in der Abwehr, die ja aufeinander eingespielt sein muss, nicht durcheinander gespielt." Die Ideen verfingen nicht und in der zweiten Hälfte ließ sich nicht mal mehr der Eindruck herbeihoffen, dass die Mannschaft exklusiv für ihren scheidenden Trainer etwas reißen wollen würde. Kein Aufbäumen, kein Extrameter, kein Widerstand. So bleibt nichts mehr übrig, das für einen Löw-Faktor bei der Europameisterschaft spricht.

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Sicher, die Zeit bis zur EM ist knapp, es stehen nur noch ein zweiwöchiges Trainingslager ab Ende Mai und - nach Ablauf der Nominierungsfrist - noch zwei Testspiele an. Doch ein Bundestrainer entwickelt die Mannschaft eben nicht jeden Tag weiter, wie es ein Vereinstrainer macht. Er braucht eine Idee und muss das vorhandene Material zu einer funktionierenden Einheit kombinieren. Nicht mehr, nicht weniger. Raum für Innovation ist nicht. Die Sorge vor der ablaufenden Uhr darf keine sportliche Überlebensversicherung für einen Bundestrainer sein. Ironischerweise lebt Löw ja genau das vor: Zwei entscheidende Personalien - die überfällige Rückkehr von Thomas Müller und auch die von Mats Hummels - verschiebt er immer weiter, obwohl sie schon vor dem zu Ende gegangenen Dreierblock hätte vollzogen werden müssen. Je nach Sichtweise ist es für ein Einspielen eh zu spät - oder es ist nicht nötig. Warum sollte man also darauf vertrauen, dass niemand es besser machen könnte, als Löw in seinem 16. Bundestrainerjahr?

Mit Ralf Rangnick trifft man sich dem Vernehmen nach im April zu Sondierungsgesprächen, Rangnick selbst machte sehr deutlich, dass das Amt ganz nach seinem Geschmack wäre. Rangnick arbeitet gerne an Strukturen und denkt in ganz großen Zusammenhängen. Aber anders als für Löw stünde die EM ja ohnehin ja nur am Beginn von etwas Großem. (ter)

Quelle: ntv.de

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