Fußball

Aussitzen in der WM-Affäre Niersbach, Beckenbauer, Schweigemauer

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Das Schweigen der Fußballmänner: Wolfgang Niersbach und Franz Beckenbauer äußern sich im WM-Skandal derzeit nicht.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der WM-Affäre gegen Wolfgang Niersbach. Und der DFB-Präsident? Er schweigt und bleibt im Amt. Auch Franz Beckenbauer mauert weiter, obwohl er den mutmaßlichen WM-Steuerbetrug erst nötig gemacht haben soll.

Theo Zwanziger ist im WM-Skandal um die verschwundenen WM-Millionen unverändert auskunftsfreudig. Die anderen Beteiligten schweigen kollektiv, auch nach der großen DFB-Steuerrazzia vom Dienstag. Die "Bild"-Zeitung vermeldete lediglich ganz im Sinne Franz Beckenbauers, ihm drohten keine Ermittlungen. Horst R. Schmidt, wie Zwanziger und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in Verdacht "der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall", kommentierte den Besuch der Fahnder in seinem Wohnhaus in Aschaffenburg nicht. Und Niersbach tauchte komplett ab.

Ein Statement zu den jüngsten Entwicklungen in der verworrenen Affäre um eine dubiose 6,7-Millionen-Euro-Zahlung an die Fifa vor der WM 2006? Fehlanzeige. Aussagen von Niersbach oder DFB zu seiner Zukunft an der Verbandsspitze? Fehlanzeige. So ist völlig unklar, ob und wie lange Niersbach noch im Amt bleibt. Tragbar als Boss des größten Sportfachverbands der Welt scheint er schon seit der verunglückten Pressekonferenz am 22. Oktober 2015 nicht mehr, er ist ein Präsident auf Zeit. Und derzeit nicht verfügbar.

Bei einer kurzfristig einberaumten Mitarbeiterversammlung in der DFB-Zentrale fehlte Niersbach. Stattdessen informierte Generalsekretär Helmut Sandrock die Beschäftigten über die Entwicklungen vom Dienstag. Das Thema Rücktritt soll dabei nicht einmal "gestreift" worden sein, wusste die "Bild"-Zeitung zu berichten. Die hatte ihren Lesern schon am Morgen Niersbachs Rücktritt in Aussicht gestellt.

Ein verwaister Parkplatz

Bleiben wird angesichts des katastrophalen Krisenmanagements des DFB seit Bekanntwerden der "Spiegel"-Vorwürfe vor gut drei Wochen der Eindruck eines Verbandes, der sich erst im Umgang mit der Causa an sich und damit im Umgang mit der Personalie Niersbach als völlig handlungsunfähig erwiesen hat. Und völlig unwillig, etwas zur Aufklärung beizutragen. Damit unterscheidet sich der DFB derzeit nicht vom korruptionsgeplagten Fußball-Weltverband Fifa. Eine weitere Gemeinsamkeit: Auch dort haben inzwischen staatliche Ermittler das Zepter übernommen.

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(Foto: imago/Jan Huebner)

Egal ob und wann er zurücktritt: Niersbachs Ruf als Modernisierer und der seines Verbandes als moralische Instanz im Weltfußball sind ruiniert. Zum Symbol des DFB-Scheiterns ist längst ein Bild geworden: Das eines verwaisten Parkplatzes vor der DFB-Zentrale mit einem schiefen "Präsident"-Schild über Herbstlaub.

Im DFB selbst rumort es, offene Rücktrittsforderungen an Niersbach gibt es aber noch nicht. Verdeckte schon. Karl Rothmund, Präsident des niedersächsischen Fußballverbandes (NFV), findet zwar: "Wolfgang Niersbach muss Präsident bleiben. Er war im Organisationskomitee für die WM 2006 nur für Medien und Marketing zuständig. Die entscheidenden Männer waren doch Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt."

Niersbach-Ermittlungen nur Zufall?

Tatsächlich berichtet die "Süddeutsche Zeitung", dass die womöglich falsche Steuererklärung des DFB zwar vom damaligen Generalsekretär Niersbach unterzeichnet wurde. Allerdings war dieser erst kurz zuvor. Am 26. Oktober 2007, zum Generalsekretär bestimmt worden, als Nachfolger von Horst R. Schmidt. Die Steuererklärung, die Niersbach wenige Tage später unterzeichnete, war aber offenbar schon lange fertig gewesen.

Wäre die Steuererklärung noch vom vorherigen Generalsekretär Schmidt unterzeichnet worden, mutmaßt die SZ, gäbe es möglicherweise kein Ermittlungsverfahren gegen Niersbach. Sondern nur gegen Schmidt und Zwanziger als damalige Hauptverantwortliche für die 6,7-Millionen-Überweisung. In DFB-Kreisen sorge es jetzt auch für Verwunderung, dass die Steuererklärung damals so spät abgegeben worden sei, just nach der Berufung von Niersbach zum Generalsekretär und mit dessen Unterschrift. Rückblickend betrachtet sei das eigenartig, heißt es. Andererseits gibt es aber keinerlei Hinweise darauf, dass Schmidt und Zwanziger die Steuererklärung mit den 6,7 Millionen Euro absichtlich zurückgehalten hätten.

DFB-Vizepräsident Rainer Koch, der bereits als möglicher Nachfolger gehandelt wird, stärkte Niersbach im Bayerischen Rundfunk den Rücken - mit üblicher Verbandsrhetorik: "Ein Problem wäre es dann, wenn Wolfgang Niersbach nicht bereit wäre, umfassend die Aufklärung mit uns zu betreiben. Dem ist aber nicht so."

Präsidentenamt beschädigt

Andere Fußballfunktionäre sind nicht so nachsichtig. Sie kritisieren Niersbachs ohrenbetäubendes Schweigen und seine bisherige interne und öffentliche Aufklärungsarbeit in der ganzen Affäre. "Mit dem derzeitigen Stand kann man überhaupt nicht zufrieden sein. Wenn die Kenntnisse über Unregelmäßigkeiten bereits vor einem guten Jahr vorgelegen haben, hätte man schon früher beginnen müssen", sagte Joachim Masuch, Präsident des Landesfußballverbandes Mecklenburg-Vorpommern. Der Imageschaden für den deutschen Fußball sei "gewaltig", findet Masuch. Sein Amt könne Niersbach gerade nicht "unbeschadet" ausüben.

Niersbach hat eine andere Wahrnehmung, der DFB lässt ihn gewähren. Sein Amt bis zur Entscheidung der Staatsanwaltschaft über eine Anklage ruhen zu lassen, scheint keine Option für den 64-Jährigen. Allerdings: Auch nach Bekanntwerden der staatlichen Ermittlungen gegen Fifa-Präsident Joseph Blatter Ende September hatte Niersbach auf eine öffentliche Rücktrittsforderung verzichtet. Jetzt wird er zum Blatter des DFB, der nicht vom Präsidentenamt lassen kann, obwohl die Lage immer prekärer wird.

Dass es sich bei den ominösen 6,7 Millionen Euro, die das WM-OK 2005 an die Fifa gezahlt hatte, dem parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministeriums (BMI), Ole Schröder, zufolge nicht um Steuergelder gehandelt haben soll, macht die Sache nicht besser.

Erklärungsnotstand herrscht aber nicht nur für den DFB und Niersbach. Eine Schlüsselfigur bleibt Franz Beckenbauer, damals erst Bewerbungs- und dann Organisationschef der WM. Er schweigt offiziell, um die externen DFB-Ermittlungen nicht zu gefährden. Von den externen staatlichen Ermittlungen ist er nicht betroffen, wie die "Bild" verkündete, da er an der Erstellung der fraglichen Steuererklärung nicht mitgewirkt und diese anders als Niersbach auch nicht unterschrieben habe.

Die Steuerermittlungen gelten aber nur als Hilfsvehikel, um in der Affäre überhaupt tätig werden zu können. Andere mögliche Tatbestände wie Untreue oder Bestechung sind verjährt. Und: Nötig wurde die falsche Steuererklärung offenbar nur, weil ein Darlehen an Robert Louis-Dreyfus indirekt zurückgezahlt werden musste. Akquiriert hatte das Beckenbauer - offenbar im Alleingang.

Quelle: n-tv.de

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