Fußball

Power Ranking zur Königsklasse Nur zwei Teams gefährden diesen FC Bayern

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Robert Lewandowski ist einer der Garanten für die derzeitige Bayern-Dominanz.

(Foto: REUTERS)

Eine der vielen Fußballfloskeln trägt auf einmal besonders viel Wahrheit in sich: In einem Spiel ist alles möglich. Das neue Format der Königsklasse mit K.-o.-Kämpfen im Viertelfinale und Halbfinale ohne Hin- und Rückspiel könnte für große Überraschungen sorgen. Auch wenn die Fans nicht dabei sein können, "es wird für die Zuschauer wahrscheinlich die spannendste Champions League aller Zeiten", sagt auch Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge. Wer hat die besten Chancen im Endspiel am 23. August im Lissabonner Estádio da Luz den Henkelpott in die Höhe zu halten? Ein Power-Ranking.

1. FC Bayern München

Stärken: Bayern München, das ist im Jahr 2020 pure Dominanz. Seit der Übernahme durch Chefcoach Hansi Flick regiert der deutsche Rekordmeister nicht nur in der Bundesliga - auch die anderen Champions-League-Teilnehmer wissen, dass der Weg zum Titel nur über die Münchner geht. Besonders die deutlichen Siege (7:1 nach beiden Spielen) gegen den FC Chelsea im Achtelfinale waren eine Ansage an die europäische Konkurrenz. 26 der letzten 27 Partien haben Flicks Männer gewonnen. Zusammen mit Viertelfinal-Gegner FC Barcelona sind die Bayern zudem die einzige verbleibende Mannschaft im Turnier, die weiß, wie man die Champions League gewinnt.

Jeder Mannschaftsteil der Münchner ist für sich sehr stark: Die Abwehr um David Alaba und Jérôme Boateng hat derzeit nicht mal Platz für Rückkehrer Niklas Süle, im Mittelfeld sind Joshua Kimmich und Leon Goretzka die neuen Bosse à la Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger und im Angriff thront der wohl derzeit beste Mittelstürmer der Welt. Robert Lewandowski schoss bisher 13 Tore und vier Assists in der Champions League und befindet sich in Topform. Besonders stark ist aber das Gesamtkonstrukt des Teams. Ihr Pressing in allen Mannschaftsteilen und ihre Geschwindigkeit im Angriff, die oft schon bei Alphonso Davies in der Abwehr beginnt, sind momentan besser als in jedem anderen Team der Welt.

Schwächen: Hat dieser FC Bayern Schwächen? Vielleicht ist es eine, dass neben Lewandowski kein weiterer Mittelstürmer von internationaler Klasse im Kader steht. Aber Serge Gnabry, Thomas Müller und Co. sind, wenn auch auf anderer Position, ebenfalls in Topform und solange der Pole nicht lange ausfällt, dürften die Münchner kein Sturm-Problem bekommen. Mancher munkelte, dass die Pause nach der Bundesliga etwas zu lang sei, dass die Königsklassen-Gegner mit mehr Schwung aus ihren später fertig gespielten Ligen kämen. Gegen (ein verletzungsbedingt geschwächtes) Chelsea sah das nicht so aus.

Titel-Chancen: Der Weg ins Finale ist auf der Auslosungsseite der Bayern weitaus schwierigerer Weg als zum Beispiel für Thomas Tuchel und seine Pariser Mannschaft. Mit Lionel Messi und seinem Barcelona im Viertelfinale und anschließend vor allem mit dem möglichen Halbfinalgegner - Josep Guardiolas Manchester City - stehen zwei echte Brocken im Weg, wie sie die Münchner unter Flick noch nicht kennengelernt haben. Auch Chelsea und der BVB in der Bundesliga waren da keine ähnlichen Gradmesser. Aber dieser FC Bayern in Topform wird auch diese Aufgaben meistern und als Favorit ins Finale einziehen.

2. Manchester City

Stärken: Bayerns möglicher Gegner im Halbfinale ist die zweitstärkste der verbliebenen acht Mannschaften. Guardiolas Team konnte als einziges noch ein klein wenig in der englischen Premier League mit Jürgen Klopp und dem übermächtigen FC Liverpool mithalten und schoss sich das fast schon absurde Torverhältnis von 102 zu nur 35 Toren heraus. Denn im Ballbesitz ist der Zweite der Premier League immer noch eine der besten Mannschaften der Welt, wenn auch Sergio Aguero vorne manchmal fehlt. Dazu meisterte City schon die erste Reifeprüfung in diesem Jahr und kickte den Champions-League-Seriensieger der vergangenen Jahre und spanischen Meister Real Madrid fast ohne Mühe aus dem Achtelfinale. Guardiola brachte Zinedine Zidane damit die erste Niederlage in der K.-o.-Phase bei.

Schwächen: Citys Probleme beginnen dieses Jahr, wenn sie den Ball nicht mehr in den eigenen Reihen haben. Defensive Aussetzer führen immer wieder zu Gegentoren und Niederlagen - auch gegen weitaus schlechtere Teams als die sieben Konkurrenten um den Henkelpott. Besonders bei schnellen Gegenkontern zeigt sich die Anfälligkeit. Schon öfter waren solche Fehler für das Ausscheiden Guardiolas Mannschaften in der Champions League verantwortlich.

Titel-Chancen: Zunächst muss City Olympique Lyon schlagen, was in der vergangenen Saison zweimal nicht gelang. Aber insgesamt hat Guardiolas Team Klasse genug, um diesen Schritt zu gehen, der Sieg über Real wird für das nötige Selbstbewusstsein auf europäischer Ebene gesorgt haben. In einem Spiel gegen die Bayern in einem potenziellen Halbfinale ist natürlich bei Citys enormen offensiven Qualitäten alles möglich, aber die Münchner dürften in der Defensive und im Gesamtkonstrukt trotzdem das wichtige Quäntchen besser sein.

3. Atlético Madrid

Stärken: Eigentlich muss Atlético Madrid dieses Jahr den Titel holen, denn ihr Schreckgespenst ist schon ausgeschieden. Das Team von Diego Simeone verlor in den vergangenen Jahren reihenweise gegen Cristiano Ronaldo, mal im Trikot von Real Madrid, mal im Dress von Juventus Turin. Atlético stellt die zweitbeste Defensive Spaniens und ging nur in vier Spielen in La Liga als Verlierer vom Platz. Außerdem schickten Simeones Männer Titelverteidiger Liverpool nach Hause. Im März, zum ursprünglichen Zeitpunkt des Viertelfinals, noch total außer Form, gewannen sie nun sieben der sieben der letzten elf Spiele (vier Unentschieden) in Spanien. Und für das neue K.-o.-Spiel-Format gibt es wohl keinen besseren Trainer als Simeone: Mit seiner Energie, seinen nicht immer sauberen Tricks und seiner defensiv-taktischen Finesse wird der Argentinier zu einer Geheimwaffe Madrids.

Schwächen: Das Toreschießen. In der Liga gelangen nur 51 Treffer. Die Gruppenphase überstand ein schwächelndes Atlético eigentlich nur, weil Bayer Leverkusen noch schwächer war. Zwar befindet sich die Mannschaft nun im Aufwind, aber die jüngsten zwei Corona-Fälle dürften die Truppe etwas durcheinandergeschüttelt haben. Erst mit einem Tag Verspätung konnte der Flieger Richtung Portugal starten.

Titel-Chancen: Ronaldo raus, Bayern und Manchester City in der anderen Hälfte des Tableaus: Die Chancen für den ersten Finaleinzug seit 2016 stehen so gut wie nie für Atlético. RB Leipzig im Viertelfinale und Paris St. Germain oder Atalanta Bergamo im Halbfinale sind auf jeden Fall schlagbar. Und wenn jemand die Bayern im Finale mit einer ausgefeilten Zermürbungs-Taktik schlagen könnte, dann ist es Diego Simeone.

4. Paris St. Germain

Stärken: Die Einzelkönner. Neymar wird's schon richten, hoffen sie in Paris. Allerdings ist sein kongenialer Partner Kylian Mbappé noch nicht wieder ganz fit und könnte so zum teuersten Joker der Welt werden, der das Spiel am Schluss noch mal rumreißt.

Schwächen: Die Mannschaft von Thomas Tuchel hat nur zwei Spiele in den vergangenen fünf Monaten gespielt. Kann man da mit den Besten Europas mithalten? Besonders, wenn sich allzu viel auf seine zwei Megastars konzentriert, von denen einer ausfällt. Der Druck ist hoch in der französischen Hauptstadt: PSG schaffte es noch nie über das Halbfinale hinaus, seit der Katar-Übernahme erreichte der Klub sogar nie mehr als das Viertelfinale. Eine Finalteilnahme muss dieses Jahr eigentlich her.

Titel-Chancen: In der Ligue 1 wird PSG nie wirklich getestet. Deshalb scheiterte das Team immer wieder in der Königsklasse. Schon der erste Gegner, Atalanta Bergamo, dürfte äußerst schwierig werden, da so offensiv in der französischen Liga niemand gegen die Pariser spielt. Die Chancen stehen 50:50. Und ein mögliches Halbfinale gegen Atlético wäre noch schwerer, wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise. Sollte es PSG aber doch ins Finale schaffen, dürfte der Gegner, so er dann Bayern oder Manchester heißt, eine Nummer zu groß sein.

5. Atalanta Bergamo

Stärken: Atalanta Bergamo hat nichts zu verlieren. Es ist schon ein Märchen, dass der im Vergleich zu den anderen in der Königsklasse kleine Klub überhaupt bis ins Viertelfinale vorstieß. Und genau das macht das zusammengeschweißte Team um den deutschen Außenverteidiger Robin Gosens so gefährlich. Zudem spielt die Mannschaft von Gian Piero Gasperini einen atemberaubenden Angriffsfußball mit aggressiven Gegenpressing, der zu fast 100, und damit den meisten, Serie-A-Toren führte.

Schwächen: Bergamo ist ein Spiel auf diesem Niveau und mit diesem Druck nicht gewöhnt. Der dritte der italienischen Liga konnte außerdem nur zwei der letzten fünf Ligapartien gewinnen. Das Pressing ist anfällig für Gegenstöße, wenn es durchschlagen wird, was schnelle Ausnahmekönner wie PSGs Neymar oder Ángel di María ausnutzen könnten.

Titel-Chancen: Die Chancen für einen Überraschungscoup stehen gerade dank des Ein-Spiel-Formats gut für Bergamo. Sollten die Italiener Paris schlagen, wäre auch ein Sieg im Halbfinale gegen Atlético oder RB Leipzig durchaus möglich.

6. RB Leipzig

Stärken: Auch auf RB Leipzig lastet kein Druck. Dieses Jahr bewies die Mannschaft von Julian Nagelsmann, dass sie zu den Top drei der Bundesliga gehört. Vor allem dank einer starken Offensive. RB zeigte mit dem Sieg über Tottenham Hotspur im Achtelfinale der Champions League auch, dass es mit den (halbwegs) Großen Europas mithalten kann.

Schwächen: Timo Werner ist weg. Weder Yussuf Poulsen noch Emil Forsberg können den Nationalspieler in der Offensive ersetzen. Zudem offenbarte RB das Jahr über immer wieder defensive Schwächen, fing sich unnötige Gegentreffer, die Siege kosteten. Solche Fehler werden in der Königsklasse noch gnadenloser bestraft.

Titel-Chancen: Genau wie Atalanta spielt auch Leipzig das neue Format in die Hände. In zwei Spielen wären die Aussichten gegen Madrid noch schlechter. Aber auch wenn Nagelsmann einen perfekten Matchplan mitbringt, dürfte er sich an seinem noch trickreicheren Gegenüber Simeone die Zähne ausbeißen.

7. FC Barcelona

Stärken: Barcelona ist nicht die siebtschlechteste der verbleibenden acht Mannschaften, aber die Hoffnungen der Katalanen gegen die übermächtig erscheinenden Bayern ruhen allein auf Ausnahmekönner Lionel Messi. Mal wieder. Mit ihm schossen sie dieses Jahr immerhin die meisten Tore (86) der Primera Division. Und wenn er auf dem Platz steht, ist sowieso immer alles möglich. Auch gegen die Münchner.

Schwächen: So schwach wie dieses Jahr präsentierte sich eine Barça-Elf selten im vergangenen Jahrzehnt. Die teuer zusammengewürfelte Truppe spielt kaum kohärent zusammen, so etwas wie Pressing gibt es selten und wirkliche Kreativität geht nur von Messi aus. Insgesamt liegt ein Schleier der Zögerlichkeit und des Haderns auf der eigentlich so talentierten Mannschaft. Der größtenteils gefloppte und teils nicht mehr eingesetzte Neuzugang Antoine Griezmann personifiziert dieses Zaudern.

Titel-Chancen: Erwischt Messi einen Sahnetag, könnte er Bayern wehtun. Aber da der Argentinier mittlerweile nicht mehr in jedem Spiel seine Extraklasse zeigt, wird es zum Titel nicht reichen. Und der deutsche Rekordmeister hat mehr als genügend Mittel, um Messi aufzuhalten und Paroli zu bieten.

8. Olympique Lyon

Stärken: Der schnelle Memphis Depay konnte seine schwere Knieverletzung aus dem Dezember dank der Corona-Pause auskurieren. Sechs Tore in sechs Champions-League-Spielen hat er geschossen, nur Lewandowski und Erling Haaland waren treffsicherer. Zumindest in der französischen Liga funktionierte auch die Defensive bestens, weniger als ein Tor pro Spiel fing sich Lyon.

Schwächen: Dennoch reichte es in der Ligue 1 nur für Platz sieben. 28 Punkte hinter PSG. Und genau wie die Pariser absolvierte Lyon nur zwei Pflichtspiele in fünf Monaten. Mittelfeldmotor Lucas Tousart, der im Achtelfinal-Hinspiel gegen Juventus Turin noch traf, verließ den Klub zudem Richtung Hertha BSC, sodass Manchesters Kevin de Bruyne, Ilkay Gündogan und Co. wohl zu viel der Übermacht werden dürften.

Chancen: Olympique darf sich über den Sieg im Achtelfinale gegen Juve und Cristiano Ronaldo freuen, im Viertelfinale gegen Guardiolas Manchester ist dann aber Schluss. Selbst mit Tormaschine Depay.

Quelle: ntv.de