Fußball

Angreifer motzt über Fans Sandro zelebriert seine Wagnerfestspiele

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Starker Auftritt von Debütant Wagner, in wirklich jeder Hinsicht.

(Foto: imago/ActionPictures)

Er hat nun mehr Tore auf dem Konto als Länderspiele. Das Schützenfest gegen San Marino läuft ganz im Sinne Sandro Wagners. Als Brachialangreifer arbeitet er daran, über diesen Sommer hinaus für die DFB-Elf wichtig zu sein. Nur eine Sache stößt ihm übel auf.

Es war ein Spiel ganz nach dem Geschmack des Sandro Wagner. Und doch war er nicht völlig zufrieden. Dabei gab's nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen obendrein eine Umarmung des Bundestrainers. Und dann betonte Joachim Löw, wie gut ihm der Auftritt gefallen habe: "Im Angriffszentrum war er, gerade bei hohen Bällen, sehr präsent. Mit seiner körperlichen Kraft, seinem Einsatz, seiner Dynamik war er bei Flanken sehr gefährlich." Die deutsche Fußball-Nationalelf hatte just San Marino in Nürnberg mit 7:0 (4:0) besiegt, an diesem Samstagabend vor 32.467 Zuschauern im nicht annähernd ausverkauften Frankenstadion den sechsten Sieg in der sechsten Qualifikationspartie zur Weltmeisterschaft 2018 in Russland eingefahren.

Und Sandro Wagner von der TSG Hoffenheim hatte in seinem zweiten Länderspiel in der 16. Minute mit dem Kopf sein allererstes Tor für den DFB erzielt, in der 29. Minute sein zweites mit dem rechten Fuß und in der 85. Minute sein drittes, wiederum mit dem Kopf. Julian Draxler, der Kapitän für einen Sommer, konstatierte hinterher: "Ich glaube, Sandro hat heute mit am meisten gearbeitet von uns allen. Von daher hat er sich die drei Tore auch verdient." Also war doch eigentlich alles in Ordnung. Das galt nicht nur für ihn, das galt für die gesamte Mannschaft. Was soll man auch mehr erwarten gegen einen Gegner, der mit seinen arg limitierten Fähigkeiten keinen echten sportlichen Wettkampf bieten konnte?

Doch Wagner war sauer. Viele Fans hatten seinen DFB-Kollegen Timo Werner ausgepfiffen, als der in der 55. Minute eingewechselt worden war. Das war deutlich zu hören. Offenbar gibt es Menschen, die dem 21 Jahre alten Angreifer der Leipziger Rasenballsportler immer noch nachtragen, dass er in der Hinrunde der Bundesliga mit einer dreisten Schwalbe aufgefallen war. Da das im Spiel gegen den FC Schalke 04 geschah, könnte es sein, dass er auch in Nürnberg nicht sonderlich beliebt ist. Die Fans des Zweitligisten verbindet eine lange Freundschaft mit den Anhängern aus Gelsenkirchen. Andererseits ist das Publikum bei Spielen der DFB-Elf ein anderes, von daher gilt diese Erklärung nur bedingt.

"Pfiffe machen mich wütend"

Wagner jedenfalls fand's unmöglich. "Was soll das? Er spielt für Deutschland. Die Pfiffe gegen ihn machen mich wütend." Er wollte es nur gesagt haben. So, wie er das stets tut, wenn ihm etwas nicht passt. Ansonsten war es nämlich nicht so, dass er sich dadurch die Freude über seine ersten Treffer für die Nationalmannschaft verderben ließ. Er hat es sehr genossen. Nach dem Spiel, auf dem Weg zum Bus, ließ er sich im Gedränge von den Fans feiern, nahm die Glückwünsche entgegen und schrieb Autogramme. Verbal äußerte er sich ungewohnt bescheiden: Ein schöner Abend sei es gewesen. "Es ist schön, mit drei Toren einen kleinen Teil dazu beigetragen zu haben." Das erste Tor habe sich besonders gut angefühlt. "Auf den Moment habe ich lange gewartet." Schließlich ist er 29 Jahre alt und hatte erst am vergangenen Dienstag beim 1:1 im Testspiel der neu formierten Confed-Cup-Combo in Dänemark sein Debüt in Deutschlands wichtigster Mannschaft gegeben.

Über die Maßen hoch hängen wollte er die Sache allerdings nicht. Er könne das schon einschätzen gegen so einen Gegner. "Wenn du als Stürmer gegen San Marino von Anfang an spielst, erwartet jeder auch Tore von dir. Da war schon auch ein bisschen Druck da." Aber es hat ja geklappt. Auch dank seiner Mitspieler, allen voran Joshua Kimmich vom FC Bayern, der - nominell als rechter Außenverteidiger eingesetzt - Wagners ersten und dritten Treffer mit tollen Flanken vorbereitete: "Robert Lewandowski kann sich freuen, wenn Kimmich rechts spielt. Bei den Flanken macht er zehn Tore mehr. Ehrlich." Schönen Gruß an Philipp Lahm, den Kimmich in der kommenden Saison bei den Münchnern ersetzen soll.

"Er hat einen großen Schritt nach vorne gemacht"

Wagner jedenfalls verfügt mit seinem wuchtigen und kompromisslosen Spiel als Stürmer, der sich vornehmlich im Strafraum bewegt, über so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal, das am Ende den Ausschlag dafür geben könnte, dass er im kommenden Jahr mit zur WM darf. Auch wenn der Wolfsburger Mario Gómez da mutmaßlich anders darüber denkt. Wagner sieht die Sache so: "Ich muss mich auf meine Leistung konzentrieren, von daher bin ich dahingehend mein größter Konkurrent." Der Bundestrainer wollte dazu wenig überraschend nichts sagen. Auch nicht dazu, ob Wagner nun beim Confed Cup in Russland, der für die deutsche Mannschaft am 19. Juni in Sotschi mit dem Spiel gegen Australien beginnt, der Stürmer Nummer eins sei: "Da will ich mich jetzt nicht festlegen." Aber es sei schon so: "Er hat in der vergangenen Woche einen großen Schritt nach vorne gemacht."

Wie es dann im nächsten Jahr aussehe, sei schwer einzuschätzen. "Es liegt noch ein ganzes Jahr vor uns." Dass Wagner in der kommenden Saison möglicherweise mit Hoffenheim in der Champions League spiele, sei ein Vorteil: "Das wäre auch für ihn persönlich gut, auf dem Niveau zu agieren." Und in seinen ersten beiden Spielen für die DFB-Elf habe Wagner "seine Sache wirklich sehr gut gemacht. Das tut einem Stürmer auch gut, wenn er in einem Spiel, egal gegen wen, einfach mal drei Tore erzielt". Grundsätzlich gelte: "Er ist ein Spieler, der eine gewisse Reife hat. Einer, der Persönlichkeit hat, der seine Meinung hat und zu der auch steht. Er ist sehr positiv, offen und ehrlich."

Und Sandro Wagner? Wäre nicht Sandro Wagner, hätte er seinen Auftritt nicht noch mit einem Sprüchlein garniert. Ausruhen will er sich nämlich nicht: "Wenn ich jetzt kein Tor mehr in der Bundesliga mache, nominiert mich nicht mal San Marino für ein Länderspiel." Es war ein Abend ganz nach seinem Geschmack.

Quelle: n-tv.de

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