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Fußballjura für "Randalemeister" So funktioniert das Straf-System des DFB

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Der flammende Bundesliga-Abschied im Relegationsspiel beim 1. FC Union Berlin kostete den VfB Stuttgart 98.000 Euro.

(Foto: imago images / Bernd König)

Nahezu alle Fußballklubs in den oberen drei deutschen Spielklassen bekamen in der abgelaufenen Saison Post vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) - das Sportgericht des Verbandes verhängte eine Gesamtstrafsumme von mehr als drei Millionen Euro. Gründe sind Aktionen mit Pyrotechnik sowie andere Vergehen. Das Sanktions-System des DFB ist kompliziert. n-tv.de beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Thema.

Wer urteilt im Namen des DFB?

Wenn der Kontrollausschuss des Verbandes Anklage gegen einen Fußballklub erhebt, tritt das DFB-Sportgericht in Aktion. Am häufigsten laufen die Einzelrichterverfahren schriftlich. Oft gehen die Strafbescheide per E-Mail bei den Klubs ein. Absender sind entweder der Vorsitzende Richter Hans E. Lorenz oder sein Stellvertreter Stephan Oberholz.

Wie viele Urteile gab es in der Saison 2018/19?

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Insgesamt verhängten Lorenz und Oberholz 280 Urteile (Stand 25. Juli 2019). Da manche davon mehrere sogenannte Zuschauervergehen betreffen, liegt die Gesamtzahl der Strafen bei 293. Das ergibt die Auswertung aller auf der DFB-Internetseite frei einsehbaren Urteile des Sportgerichts durch n-tv.de. Die Einsicht ist erst seit Beginn der Saison möglich.

Die 293 Strafen verteilen sich auf insgesamt 265 verschiedene Partien. Insgesamt fanden in den fünf Spielklassen (1. Liga, 2. Liga, 3. Liga, Regionalliga, Oberliga) sowie im DFB-Pokal, für die DFB-Strafen verzeichnet wurden, in der abgelaufenen Saison mehr als 6700 Partien statt. Strafen ausgesprochen wurden damit wettbewerbsübergreifend in jeder 25. Partie. Betrachtet man nur die 1. Liga, gab es in jedem fünftem Spiel eine Fanstrafe (61 von 306), in der 2. Liga in jedem vierten. Im DFB-Pokal wurden in 40 von 63 Partien und damit in zwei Drittel aller Wettbewerbsspiele Fanstrafen verhängt.

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Wie viel mussten die deutschen Profi-Fußballklubs zahlen?

Die 56 Klubs aus den oberen drei deutschen Spielklassen mussten insgesamt eine Strafsumme von 3.268.400 Euro entrichten. Hinzu kamen 27.450 Euro von Vertretern aus niedrigeren Spielklassen, deren Fans in DFB-Pokalspielen in Aktion traten. Insgesamt veranlasste das DFB-Sportgericht in der Saison 2018/19 also Strafzahlungen in Höhe von 3.295.850 Euro.

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Gehen die Gelder allesamt an den DFB?

Nein. "Netto" mussten die verurteilten Klubs nur 2.826.200 Euro an die Verbandszentrale in Frankfurt am Main überweisen. Der Grund: In einigen Fällen wird den Klubs zugestanden, einen Teil des Strafbetrags "für sicherheitstechnische, infrastrukturelle und gewaltpräventive Maßnahmen verwenden" zu dürfen. Das ursprünglich verhängte Strafmaß reduziert sich dadurch allerdings nicht. Das Sportgericht setzt den Klubs in diesen Fällen eine Frist, zu der sie einen Nachweis über die Einhaltung der Auflage erbringen müssen.

Welcher Klub musste am meisten zahlen?

Die Zeiten, in denen die Anhänger von Eintracht Frankfurt den inoffiziellen nationalen Titel "Randalemeister" für sich beanspruchen können, sind längst passé. Mit 294.150 Euro musste der Hamburger SV mit Abstand am meisten Geld an die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main überweisen. Zugleich kassierte der Zweitligist die höchste Einzelstrafe der Saison: Der Pyro-Exzess beim 4:0-Derbysieg auf St. Pauli kostete den HSV 150.000 Euro.

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Borussia Dortmund musste von den Bundesligaklubs am meisten DFB-Strafen zahlen.

(Foto: imago images / Team 2)

Unter den Erstligisten musste Vizemeister Borussia Dortmund mit 241.000 Euro am meisten zahlen. Die höchste Strafsumme als Vertreter der 3. Liga bekam der FC Hansa Rostock mit 111.925 Euro.

Wen trafen die Richtersprüche am häufigsten?

Auch hier nimmt der FC Hansa Rostock eine Spitzenposition ein - in diesem Fall sogar wettbewerbsübergreifend. Der Ost-Traditionsklub bekam 14 Strafen, dahinter folgt Zweitliga-Absteiger 1. FC Magdeburg mit 13 Strafen. Alle Einzelstrafen pro Klub sind in der folgenden Tabelle aufgeführt, das DFB-Urteil ist verlinkt. Die Tabelle ist durchsuchbar nach Klub, Liga und Strafhöhe.

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Für den FCM ergab sich aus den 13 Einzelstrafen eine Gesamtsumme von 166.850 Euro - wobei 108.750 Euro für die insgesamt neun Heimstrafen entrichtet werden musste. Das ist sowohl gemessen an der Zahl der geahndeten Heimvergehen als auch an der Strafsumme der mit Abstand höchste Wert aller sanktionierten Klubs.

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Gibt es Vorzeigeklubs?

In der 1. Liga gibt es keinen Vertreter ohne Strafen, in den beiden Profiligen darunter ging es nur minimal besser zu. Es gibt lediglich zwei Ausnahmen: Als einzige der insgesamt 56 Klubs aus den oberen drei Spielklassen wurden Zweitligist SV Sandhausen und Drittliga-Absteiger Sportfreunde Lotte nicht wegen Fan-Vergehen vom DFB bestraft.

Die geringste Gesamtstrafe der 1. Liga erhielt RB Leipzig mit 7000 Euro vor dem SC Freiburg. In der 2. Liga verhielten sich neben Sandhausen noch der 1. FC Heidenheim (6480 Euro) und Jahn Regensburg (7100 Euro) vergleichsweise vorbildlich. In der 3. Liga musste die SG Sonnenhof-Großaspach 1000 Euro wegen der rassistischen Fan-Beleidigung eines Gästespielers zahlen.

Gibt es "Problemspiele"?

Legt man als Indikator die vom DFB verhängte Gesamtstrafe zugrunde, können die in der folgenden Grafik aufgeführten Partien als "Problemspiele" der vergangenen Saison gelten. Aufgeführt sind alle Partien mit einer Gesamtstrafsumme von mindestens 50.000 Euro. Die größte Gesamtsumme kam beim Hamburger Zweitliga-Derby zwischen FC St. Pauli und HSV mit insgesamt 250.000 Euro zusammen. Dabei wurden ebenso beide Vereine sanktioniert wie beim Relegationsrückspiel zwischen Union Berlin und dem VfB Stuttgart, als sich die Strafen für die Berliner (56.800 Euro) und den VfB (98.000 Euro) auf 154.800 Euro summierten. Der größte Einzelverursacher war Hertha BSC, das für das gravierende Fehlverhalten seiner Fans in Dortmund mit 135.000 Euro die zweithöchste Einzelstrafe der Saison zahlen musste - wodurch das Berliner Gastspiel beim BVB im "Problemspiel"-Ranking auf Rang drei liegt.

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Was wird überhaupt geahndet?

Erst seit Beginn der vergangenen Saison gilt ein transparenter Strafenkatalog: der "Strafzumessungsleitfaden", der in den Richtlinien für den DFB-Kontrollausschuss verankert ist. Demnach kosten je nach Liga-Zugehörigkeit das Abbrennen von Pyrotechnik bis zu 1000 Euro, für das Werfen oder Abschießen sind gar bis zu 3000 Euro fällig. Die Strafen gelten je Gegenstand. Im Sanktionskatalog sind zudem weitere strafbare "Zuschauervergehen" sowie minutenbezogene Strafen für Spielunterbrechungen aufgeführt, die Sie unserer Tabelle (siehe unten) entnehmen können. Nicht inbegriffen in den Klubstrafen sind Sanktionen gegen Funktionsträger wie Trainer oder Spieler. Diese werden separat aufgeführt.

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In den DFB-Urteilen wurden insgesamt zwölf verschiedene Vergehen aufgelistet:

Pyrotechnik (Abbrennen) - 137 Mal, Werfen von Gegenständen (48), Unsportliche Botschaften (2), Spuckattacke, Eindringen auf das Spielfeld (11), Brandstiftung (2), Rassistische Botschaft (2), Vandalismus (1), Spielunterbrechung, Pyrotechnik (Abschießen), Hitler-Gruß, Sonstige Gefahren für Sicherheit und Ordnung im Stadion (3).

Die Zahl in Klammern gibt die Strafen an, bei denen lediglich dieses eine Vergehen sanktioniert wurde. Darüber gibt es zahlreiche Fälle, in denen zwei, drei oder sogar vier Vergehen in einem Spiel bestraft wurden. Beispielsweise gibt es 24 Strafen wegen Pyro-Abbrennens und einer Spielunterbrechung, wie die folgende Tabelle zeigt. Dort ist auch jeweils die Strafsumme für die Vergehen bzw. Kombination von Vergehen aufgeführt:

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Dürfen sich Erstligisten weniger erlauben als Zweit- oder Drittligisten?

Zünden die Anhänger eines Erstligisten beispielsweise eine Pyrofackel, so ist dies für ihren Klub teurer, als wenn dieser zweitklassig kicken würde. Im "Strafzumessungsleitfaden" heißt es: "Entscheidend ist die Spielklassenzugehörigkeit des Vereins bzw. der Tochtergesellschaft zum Zeitpunkt des jeweiligen Vergehens." Entsprechend gibt es finanzielle Abstufungen bei den Strafen je nach Liga. Dies gilt übrigens auch im DFB-Pokal.

Sind die Urteile anfechtbar?

Grundsätzlich können die sanktionierten Klubs Einspruch gegen die Urteile einlegen. Bei überzeugender Argumentation reduziert das DFB-Sportgericht das ursprünglich verhängte Strafmaß. Dies ist zudem der Fall, wenn die Klubs die Verursacher der jeweiligen "Zuschauervergehen" nachweislich identifizieren. Der DFB nennt dies "täterorientierte Sanktionierung". In solchen Fällen stellt er Strafmilderung in Aussicht, deren Spielraum ebenfalls im "Strafzumessungsleitfaden" aufgeführt ist.

Welche rechtliche Grundlage gibt es für die Strafen?

In seiner Satzung sowie der Rechts- und Verfahrensordnung definiert der DFB die Regeln für den Spielbetrieb. Aufgrund des Verbandsrechtes kann der DFB nur Mitglieder seines Verbandes, also die Klubs, bestrafen. Seit knapp drei Jahren gibt es für die Klubs hierbei einen neuen juristischen Spielraum: Im September 2016 erklärte es der Bundesgerichtshof (BGH) für rechtens, die finanziellen Verbandsstrafen auf die als Verursacher identifizierten Personen umzulegen.

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Hans E. Lorenz ist seit 2007 Vorsitzender des DFB-Sportgerichts.

(Foto: picture alliance / dpa | Bild von 2014)

Zahlreiche Fans und Juristen kritisieren das BGH-Urteil als Begünstigung einer Paralleljustiz durch die Klubs. Zunächst ist es möglich, dass aufgrund eines eingeleiteten Ermittlungsverfahrens durch den Klub oder auch den Verband ein bundesweites Stadionverbot für einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren ausgesprochen werden kann. Darüber hinaus kann ein identifizierter Störer nach eingeleiteten strafrechtlichen Ermittlungen auch durch Strafbefehl oder durch Urteil nach Anklage verurteilt werden. Zu dem - von Fans oft als härteste ideelle Bestrafung empfundenen - Stadionverbot und einer strafrechtlichen Verurteilung müssen die Strafverursacher befürchten, dass sie auf zivilrechtlichem Weg mit erheblichen Schadenersatzforderungen überzogen werden können.

Was passiert mit dem Geld?

Auf Anfrage von n-tv.de verweist der DFB lediglich darauf, dass die Verwendung der Geldstrafen "in § 34 der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB geregelt" sei. Dort heißt es kurz und knapp: "Die verhängten Geldstrafen werden für gemeinnützige Zwecke des DFB oder seiner Mitgliedsverbände verwendet." Über die Verteilung der Gelder entscheidet das DFB-Präsidium.

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Quelle: n-tv.de

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