Fußball

Die Lehren des 20. Spieltags Verzweifelte Kämpfe gegen die Realität

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Augen zu vor der Realität? In Dortmund ist man sich uneins über die Bewertung der Situation.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bei Borussia Dortmund sind sie sich völlig uneins in der Bewertung einer bitteren Pleite in der Fußball-Bundesliga, beim FC Bayern wiederum sind sie sich sehr einig in der Einordnung eines "Skandals". In Gladbach sorgt eine bittere Pleite für mehr Ärger als nötig. Und auf Schalke? Ach, Schalke.

Zum FC Bayern ist ja erst mal alles gesagt

Reden wir nicht lange drum herum: Der vorgezogene Anpfiff im Berliner Olympiastadion am Freitag hat dem FC Bayern nichts gebracht. Der Sieg gegen Hertha BSC war ganz sicher eingeplant - wurde dann unsicherer als erwartet -, die Aufregung ging erst anschließend so richtig los. Und das alles wegen der Klub-WM, dem mit Abstand schnödesten Titel, der für die Münchner noch drin ist.

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Beim BVB läuft nicht so viel sehr viel besser

"Seitdem Edin Terzic da ist, machen wir sehr viele Dinge sehr viel besser", sagt Mats Hummels, Vize-Kapitän von Borussia Dortmund, anerkennend über seinen Trainer - und schränkt gleich ein: "Wir kriegen nur nicht die Ergebnisse, die das unterstreichen." Das vorangegangene 1:2 des BVB gegen den SC Freiburg stützt die Worte des Rio-Weltmeisters eher eingeschränkt. Auch Sebastian Kehl, als Lizenzspielerleiter der Vorgesetzte von Terzic, lobt den Nachfolger von Lucien Favre, von dem man sich - so hatte es sich beinahe angefühlt - im Dezember befreit hatte: "Wir sehen jeden Tag wie Edin Terzic sowohl in fachlicher als auch in emotionaler Hinsicht mit den Spielern arbeitet. Wie akribisch er dabei zu Werke geht und wie klar er Problempunkte offen und ehrlich anspricht." Aber Punkte, von denen der Mal-wieder-nicht-mehr-Bayern-Jäger für die eigenen Ansprüche viel zu wenige hat, bringt das alles nicht.

Was Hummels genau mit den sehr vielen Dingen meinte, die sehr viel besser laufen, sagte er nicht. Terzic selbst sieht nämlich gar nicht so sehr viele Dinge, die sehr viel besser laufen. "Wir sind sehr sauer. Wir haben wieder Fehler gemacht, die so nicht passieren dürfen. Das war zu wenig", schimpfte er nach der vierten Pleite seiner zweimonatigen Amtszeit. "Wir hatten viel Platz zum Spielen, haben uns dann auch ein paar Mal gut durchkombiniert. Aber auf beiden Seiten sind viele Abspielfehler passiert, die man sich so einfach nicht erlauben kann. Es geht nicht um den einen Knopf, den man drückt. Wir müssen hart arbeiten und positiv bleiben."

Konkreter wurde Terzic bei der Szene, die zum 1:0 der Freiburger führte. Hummels hatte den Treffer in die Kategorie höhere Gewalt verortet, sein Trainer sah das ganz anders: "Wir können Druck auf den Ball machen, wir können Zwei-gegen-eins-Situationen kreieren, dem Gegner nicht so viel Zeit geben, eine Entscheidung zu fällen", zählte er gleich mehrere Handlungsoptionen auf. Keine davon ergriff seine Hintermannschaft. Dazu sprach der 38-Jährige seiner Truppe zum wiederholten Male den absoluten Willen ab: "Wir müssen bereit sein, den Extra-Meter zu machen - und nicht erst nach dem 0:2-Rückstand." Die Mentalität des BVB-Kaders: ein Dauerthema. Sehr vieles muss beim BVB sehr schnell sehr viel besser werden.

Fantasietransfers lassen Schalke nicht träumen

Nein, so richtig gezündet haben die durchaus spektakulären, vor allem namhaften Winter-Zugänge beim FC Schalke noch nicht. Gut, Sead Kolasinac hat als schnelles Aufputschmittel immerhin mit dafür gesorgt, dass mit einem überraschenden 4:0 gegen die TSG Hoffenheim die schlimme Serie kurz vor dem Bundesliga-Geschichtsbuch der Schande zum Ende gekommen ist. Doch seitdem ist Kolasinac, den sie wegen alter Meriten und großer Präsenz sofort zum Kapitän gemacht haben, zu selten ein zuverlässiger Motor fürs Schalker Spiel. Das Eigengewächs arbeitet an sich selbst, kam mit der Empfehlung von einem Premier-League-Einsatz nach der Hinrunde von Arsenal London. Die mangelnde Spielpraxis ist erklärbar.

Klaas-Jan Huntelaar, der mit großen Träumen geholte einstige Torjäger verpasste vier von fünf möglichen Spielen nach seiner Rückkehr nach Gelsenkirchen. Gegen Bremen reichte es immerhin für zehn Minuten - obwohl sich der von Wadenproblemen geplagte Senior dafür dem Vernehmen nach noch gar nicht bereit gefühlt hatte. Wann Huntelaar wirklich und wahrhaftig auf gehobenem Abstiegskampfniveau helfend wird eingreifen können? Fraglich.

Mit Shkodran Mustafi feierte Leipzig, der dritte ganz große Name, seine ersten Schalke-Momente der Saison. Der Weltmeister von 2014, über dessen Abschied vom FC Arsenal sie in London nicht eben unglücklich sein dürften, wurde im Gegensatz zu Huntelaar immerhin sofort verhaltensauffällig: Beim dosenöffnenden 0:1 ließ sich der Innenverteidiger nach einer Ecke von seinem Gegenspieler Nordi Mukiele übertölpeln, dazu gesellten sich Ungenauigkeiten, wichtige Zweikämpfe, die verloren gingen - und ein weiterer entscheidender Fehler vor dem 0:3. "Ich war nicht zu hundert Prozent zufrieden mit ihm", fasste Trainer Christian Gross die Leistung seines designierten Abwehrchefs wohlwollend zusammen. Gewiss, die drei Großtransfers waren allesamt dazu angehalten, die Fantasie der leidgeplagten Schalker Fans zu wecken. Die Realität bunter gestalten konnten sie noch nicht.

Ein Derby steht über allem

Marco Rose hat Borussia Mönchengladbach in die Champions League geführt, dort darf man demnächst gegen Manchester City antreten, weil sich die Mannschaft durch eine waschechte Hammergruppe mit Inter Mailand und Real Madrid ins Achtelfinale gekämpft hatte. Rose hat dem Bundesligisten, der vor seinem Amtsantritt zwar durchaus erfolgreich aber eher unattraktiv daherkam, eine spannende, mitreißende Spielidee implementiert. Auch, wenn die Saison weniger glanzvoll verläuft als die letzte, in der man neun Spieltage die Tabelle anführte, ist unstrittig: Marco Rose tut Borussia Mönchengladbach sehr gut. Das Fanprojekt Mönchengladbach jedoch sieht das anders, jedenfalls für den Moment. "Wer das Derby als idealen Zeitpunkt für ein Rotationsexperiment ansieht, hat Borussia Mönchengladbach nicht verstanden", zürnte das Bündnis nach der bitteren 1:2-Heimpleite gegen den Erzrivalen 1. FC Köln.

Rose hatte das Team von Borussia Mönchengladbach für den Geschmack mancher Fans zu kräftig durcheinander gewürfelt - und musste sich nachher fragen lassen, ob sieben Wechsel nicht zu viel gewesen sein. "Das ist der Kader, mit dem wir arbeiten. Wir haben Vertrauen", konterte der Trainer und bekräftigte: "Ich glaube auch nicht, dass wir deswegen das Spiel verloren haben." Unterschlagen wird, dass mit Kapitän Yann Sommer und Denis Zakaria zwei gegen Stuttgart geschonte Stammkräfte zurückrotierten, mit Oscar Wendt der Außenverteidiger auf den Platz durfte, der den Großteil der Champions-League-Vorrunde verteidigte und das 1:2 mit Stefan Lainer und Christoph Kramer zwei Dauerbrenner verantworten. Auch Kapitän Lars Stindl sagte: "Alle Jungs haben es verdient, auf dem Platz zu stehen." Doch am Ende sei man nach der Derby-Pleite "zutiefst enttäuscht". Seine ersten drei rheinischen Derbys hatte Rose übrigens allesamt gewonnen. Es ist kompliziert.

Quelle: ntv.de