Fußball

Ohne Punkt und Spaß dabei Wandelt die Borussia auf Pippis Spuren?

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Good job, guys - trotz Niederlage.

(Foto: imago/Revierfoto)

Wer in der Champions League verliert und dabei nicht zu traurig ist, gerät den Verdacht, sich die Welt so zu machen, widewide wie sie ihm gefällt. Doch dass Gladbachs Fußballer trotz Niederlage zufrieden sind, ist nicht abwegig.

Stehen zwei Fans vor der Nordkurve. Sagt der eine: "Scheiße, verloren." Sagt der andere: "Ja, Dreck. Aber schlecht war’s nicht. Und haste die Choreo gesehen? Boah, hammergeil!" Nun lässt sich die Niederlage der Mönchengladbacher kaum auf diesen Dialog reduzieren. Aber die Stimmung an diesem Mittwochabend trifft er gut. Sie haben sich geärgert, klar. Aber stolz waren sie dennoch. Auch, wenn das mit dem Achtelfinale jetzt natürlich eng wird.

Bor. M'gladbach - Man. City 1:2 (0:0)

Tore: 1:0 Stindl (54.), 1:1 Otamendi (65.), 1:2 Agüero (90./FE)

Bes. Vork.: Hart hält FE von Raffael (19.)

Mönchengladbach: Sommer - Korb (78. Traore), Christensen, Dominguez, Wendt - Dahoud (84. Nordtveit), Xhaka - Herrmann (72. Hahn), Johnson - Raffael, Stindl
Manchester: Hart - Sagna, Demichelis, Otamendi, Kolarov - Toure (46. Fernando), Fernandinho - De Bruyne, Silva (65. Navas), Sterling (90.+4 Zabaleta) - Agüero

Referee: Turpin  Zus.: 46.217

Zum ersten Mal in der Geschichte ihres Fußballvereins dürfen die Gladbacher Borussen in der Champions League mitspielen - als sie in den für sie so grandiosen 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts für Furore sorgten, hieß dieser Wettbewerb schließlich noch Europapokal der Landesmeister. Und nun stehen nach zwei Partien null Punkte und 1:5 Tore zu Buche. Zuerst gab es ein deprimierendes 0:3 in Sevilla. Nun folgte ein ärgerliches 1:2 (0:0) gegen den Manchester City Football Club. Ärgerlich, weil das zweite Tor der Engländer aus einem Elfmeter resultierte, den der französische Schiedsrichter Clément Turpin nach einem Foul Fabian Johnsons an Sergio Agüero zwar zu Recht anordnete - aber eben in der 90. Minute. Das war dann schon doof für die Gladbacher. Da liegt die Vermutung nahe, dass sie furchtbar enttäuscht waren. Doch wie im richtigen Leben hängt der Grad der Zufriedenheit auch in der Welt des Fußballs davon ab, woran sie sich bemisst. Alles eine Frage der Ansprüche.

Falls es jemand vergessen oder verdrängt haben sollte: Borussia Mönchengladbach, der Tabellendritte der vergangenen Spielzeit, war mit fünf Niederlagen hintereinander in die Saison der Bundesliga gestartet. Trainer Lucien Favre gab auf, André Schubert übernahm, interimsweise, wie Manager Max Eberl klipp und klar sagte. Und was geschah? Die Elf vom Niederrhein schlug Augsburg, sie gewann in Stuttgart - und war plötzlich wieder frohen Mutes. Ein sehr ordentliches, weil sehr engagiertes und mutiges Spiel gegen das Millionenensemble aus Manchester erscheint da auch dann noch positiv, wenn es knapp verloren geht.

Mutig, engagiert - sehr ordentlich

Oder wie es Schubert hinterher sagte: "Natürlich sind wir alle enttäuscht, dass wir nichts Zählbares mitgenommen haben." Das sei bitter. Aber: Man möge doch bedenken, "wo wir noch vor einigen Tagen waren". Am 21. September war er für Favre eingesprungen - und seither hat sich in der Tat einiges zum Guten gewendet. "Wie die Mannschaft heute aufgetreten ist, mit welchem Mut und Selbstvertrauen, wie sie versucht hat, auch Fußball zu spielen und was sie investiert hat - das war außerordentlich gut. Ein großes Kompliment, wir können alle sehr stolz darauf sein, wie sie sich heute verkauft hat."

Diese Einschätzung hatte er nicht exklusiv. Flügelspieler Patrick Herrmann gab zu Protokoll: "Wir haben gezeigt, dass wir auch gegen eine Mannschaft wie Manchester mithalten können. Mit etwas Glück hätten wir gewonnen." Torschütze Lars Stindl konstatierte: "Es ist brutal ärgerlich. Wir haben ein sensationelles Spiel gemacht, bis zur letzten Minute aufopferungsvoll gekämpft und den Fans ein Spektakel geboten." Patrick Herrmann sprach von einem "klasse Auftritt", Fabian Johnson davon, dass "wir uns nicht zu verstecken brauchen". Und auch Kapitän Granit Xhaka befand: "Wir haben gegen eine europäische Topmannschaft ein sehr gutes Spiel gemacht." Klingt fast, als hätten sie sich abgesprochen. Und es könnte sich der Verdacht aufdrängen, dass sich hier eine Mannschaft nach Art der Pippi Langstrumpf eine Niederlage schön redet. "Ich mach' mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt." Oder?

Das unglaubliche Elfmeter-Dilemma

Eher nicht. Gemessen am katastrophalen Einstieg in die Saison war die Partie tatsächlich ein weiterer Schritt in die richtige Richtung - auch wenn den Gladbacher Spielern nach einer guten Stunde sichtlich die Kräfte schwanden und die Gäste letztlich nicht völlig unverdient gewannen. Es kommt nun darauf an, was die Borussia daraus macht. Zwar ist Manchester City wirklich keine Laufkundschaft - aber die Gladbacher hätten auch einfach mal eine Torchance mehr nutzen können. Und mit den Strafstößen ist das auch so eine Sache: In zehn Spielen hat die Borussia in dieser Saison neun Elfmeter verursacht, vier davon in der europäischen Königsklasse. Schubert räumte dann auch ein: "Darüber müssen wir reden. Den einen oder anderen Zweikampf haben wir vielleicht etwas zu ungeschickt geführt." Er wird wissen, dass das ein Malus ist, den kaum ein Team ausgleichen kann - erst recht nicht, wenn es auf der anderen Seite reihenweise Gelegenheiten zum Torerfolg auslässt; so wie der ansonsten bestens aufgelegte Raffael, der sich nach 18 Minuten erst einen Elfmeter ergaunerte - und ihn dann vergab.

Schubert hat das alles wohltuend unaufgeregt zur Kenntnis genommen. "Wir sind auf einem ganz guten Weg." Der führt am Samstag schon wieder in den Borussia-Park. Dann ist der VfL Wolfsburg zu Gast, der in der Champions League bei der anderen gute Mannschaft aus Manchester verlor. Aber wie sagte Angreifer Stindl: "Das müssen wir aus der Partie mitnehmen für die nächsten Wochen: dass wir mithalten können mit den großen Teams." Und die Choreografie war wirklich imposant. Mit Ausnahme der Ecke, in der die Fans aus Manchester standen, erstreckte sie sich über das gesamte Stadion: das Logo der Borussia in der Raute, der Fohlenkopf und andere Wahrzeichen des Klubs - ein Mosaik aus mehr als 40.000 schwarzen, weißen und grünen Tücher. "Boah, hammergeil!"

Quelle: ntv.de