Fußball

So erhöht ter Stegen den Druck Wer so spielt, darf auch so reden

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Mit beeindruckender Lässigkeit fischt Marc-André ter Stegen Marco Reus den Ball vor der Nase weg.

(Foto: dpa)

Deutschland hat ein Torhüterproblem - oder nicht? Nein, natürlich nicht. Mit Manuel Neuer und seinem Herausforderer Marc-André ter Stegen hat der Bundestrainer so viel Qualität wie auf keiner anderen Position. Nun liegt es an ihm, die jeweiligen Ansprüche zu ordnen.

Ist Marc-André ter Stegen eigentlich dreist? Man kann das durchaus so sehen. Erst steht der Torwart des FC Barcelona beim Elfmeter nicht wie vorgeschrieben mit mindestens einem Bein auf seiner Torlinie, dann hält er den Schuss seines Nationalmannschaftskollegen Marco Reus, springt auf die Beine und fischt den Abpraller mit einer sehr beeindruckenden Lässigkeit vor dem einköpfbereiten BVB-Kapitän weg. In dieser 57. Minute des Champions-League-Starts hält der 27-Jährige seiner Mannschaft vor 66.099 Zuschauern im ausverkauften Dortmunder Stadion mit voller Überzeugung das 0:0. So steht's dann auch nach furiosen 90 Minuten. Und das halt vor allem wegen ter Stegen, der Reus drei weitere Topchancen vom Fuß nahm - aber auch einmal Glück hatte, als Borussias Einwechselspieler Julian Brandt nur die Latte traf.

Hätte Marc-André ter Stegen in den vergangenen Tagen nicht deutlich darauf hingewiesen, wie sehr es ihn frustriert, dass er in der Fußball-Nationalmannschaft keine faire Chance im Duell mit Manuel Neuer bekommt, würde nun womöglich sehr viel mehr über die sehr starke Leistung der Dortmunder geschrieben werden. So aber rückte der Torwart in der Vordergrund. Das war schon vor dem Anpfiff klar. Und so wie er - auch mal wieder vor der deutschen Öffentlichkeit - spielte, überragend ruhig, überragend im Duell, selbstbewusst, klar in seinen Aktionen - selbst unter Pressingdruck - untermauerte er seinen Anspruch, endlich die Nummer eins in Deutschland zu werden. Sein Problem: Auch Stammkraft Manuel Neuer spielt derzeit wieder überragend. In der zähen EM-Qualifikation gegen Nordirland (2:0) beispielsweise strahlte der Bayern-Keeper dringend benötigte Ruhe aus. Mehrfach musste er riskante Rückspiele seiner nervösen Mitspieler verwerten oder seinen Körper in gefährliche Abschlüsse werfen.

Neuer positioniert sich überraschend wuchtig

Im deutschen Tor gibt es das vermutlich höchstklassigsten Duell seit 13 Jahren, seit Jens Lehmann bei der WM 2006 Oliver Kahn ablöste und der das mit bemerkenswerter Fassung ertrug. Diese Größe, so hatte Manuel Neuer am Samstagabend nach dem Spiel seines FC Bayern bei RB Leipzig (1:1) erklärt, wünsche er sich nun auch von ter Stegen. Allerdings ist die Rollenverteilung nun eine andere: Die Nummer eins wünscht sich von der Nummer zwei Mäßigung. Neuer, der sonst eher besonnen und leise daherredet, sprach in Leipzig überraschend vehement und klar. Er reduzierte seinen Herausforderer indirekt gar auf das Level von Kevin Trapp und Bernd Leno. Beide duellieren sich in aller Ruhe um den dritten Platz im DFB-Team. Neuer sprach davon, ein Mannschaftsspieler zu sein und hinterfragte die Sinnhaftigkeit von ter Stegens geäußertem Frust.

Ob das sein musste? Nun wird darüber derzeit heftig diskutiert. Tatsächlich hatte ter Stegen seinen Konkurrenten ja nicht angegriffen, er hatte dessen Leistungen auch nicht in Frage gestellt. Er hatte lediglich beklagt, dass ihm die von Bundestrainer Joachim Löw angekündigte Chance zur Bewährung erneut nicht eingeräumt wurde. Der hatte unter anderem während der gerade vergangenen Länderspielreise erklärt, dass er seine gegen die Niederlande (2:4) so wackelige Mannschaft nicht weiter verunsichern wolle, indem er gegen Nordirland auch noch den Torwart wechsele. Er hätte allerdings einen etablierten Keeper auf Weltklasseniveau gegen einen etablierten Keeper auf Weltklasseniveau ersetzt. Bei ter Stegen erinnert nichts mehr an den nervösen und anfälligen Mann aus seinen DFB-Anfangstagen. Tatsächlich tun sich Trainer aber dennoch oft sehr schwer, den Mann auf der Linie auszutauschen. Von Abstimmung und Vertrauen ist da rechtfertigend die Rede. Ein nur schwer zu entkräftendes Argument. Vor allem im Vereinsfußball.

In der Nationalmannschaft gilt das Argument dagegen eher weniger. In Pflichtspielen mit klarer Verteilung der Rollen Favorit und Außenseiter ebenso wie in Testspielen. Denn wann wenn nicht dann und dort, gibt es die Möglichkeit neue Dinge, neue Varianten, neues Personal auszuprobieren. Erst recht im Umbruch. Erst recht für den Fall eines Ausfalls. Löw sprach zuletzt im Interview mit der "Bild" sogar davon, dass sich eine Mannschaft erst so richtig einspielen könne, wenn sie vor einem Turnier mal über einen längeren Zeitraum beisammen ist. Und außerdem ist es bei Auswahlmannschaften immer auch ein wenig anders als im Klub. Dort leistet man sich in der Regel eine klare Nummer eins. Bei der Auswahl des nationalen Kaders können Trainer stets auf das Maximum an Qualität zurückgreifen. In Deutschland tummelt sich die seit Jahren, seit Jahrzehnten auf der Position des Torhüters.

Nur ein Platz für den Spezialisten

Und natürlich ist die Position des Torhüters eine besonders sensible: Erstens sind die Männer zwischen den Pfosten absolute Spezialisten, sie sind absolut monothematisch. Und zweitens spielt immer nur einer. Anders als auf dem Feld, wo gleichstarke Spieler auf andere Positionen verschoben werden, um nicht auf sie zu verzichten, gibt's das im Tor nicht. Ein Konkurrenzkampf geht also immer zu Lasten eines Spielers. Und Neuer möchte auf jeden Fall verhindern, dass er der Verlierer ist. Große Ziele hat er noch, mit seinem Klub will er nochmal die Champions League gewinnen, mit der Nationalelf will er Europameister werden. In keinem Falle ist er bereit, seinen Platz auf dem Feld zu räumen. Und er weiß auch: Jede erfolgreich genutzte Bewährungschance seines seit mindestens zwei Jahren im Klub überragenden Herausforderers erhöht den Druck auf ihn selbst.

Seine klare Ansage vom Samstagabend ist ein wuchtiger Beweis für den Druck, den der Platzhirsch spürt. Auch wenn er selbstverständlich recht hat, dass seine Leistungen aktuell nicht dazu taugen, seinen Status irgendwie in Frage zu stellen. Darum aber geht's auch nicht. Es geht um einen fairen Konkurrenzkampf. Es geht darum, das Nationalteam wieder so aufzustellen, dass es in Zukunft wieder zur internationalen Spitze gehört. Auf jeder Position müssen die Allerbesten spielen. Ob das nun Neuer ist oder ter Stegen? Egal. Und wer behauptet, dass Marc-André ter Stegen dreist ist, der irrt. Er ist einfach gut. Sehr gut sogar. Und deshalb darf er auch Ansprüche stellen.

Quelle: n-tv.de

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