Fußball

Schweinsteiger wird deutlich Wer therapiert das DFB-"Panikorchester"?

Sieben Gegentore in drei Spielen, das ist knackig, das ist besorgniserregend. Und wenn eine alte Weisheit stimmt, dann gewinnt die Offensive zwar Spiele, die Abwehr allerdings Titel. Und einen davon, den EM-Titel, soll es für Deutschlands Fußballer 2021 ja geben.

Es gibt auch gute Nachrichten zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Angesichts von Taktik-, Kritik- und Arroganzdebatten, in deren Mittelpunkt Bundestrainer Joachim Löw steht, mag man kaum glauben, dass so etwas, also gute Nachrichten, überhaupt möglich ist. Aber in der Nations-League-Partie gegen die Schweiz (3:3) am Dienstagabend können sich die Chronisten der Freude Folgendes notieren: Fehler von Manuel Neuer (die gibt's tatsächlich) bleiben unbestraft. Grätschen von Toni Kroos (die gibt's tatsächlich auch) sind effektiv. Die Moral (trotz wiederholtem Rückstand) stimmt. Kai Havertz ist ein ganz, ganz toller Fußballer. Serge Gnabry natürlich auch. Man, in diesem Fall der Bundestrainer, könnte mit dem Abschluss des stressigen Dreiakters zufrieden sein.

Weil der Konjunktiv (könnte) aber der größte Feind des Fußballs (und auch vieler anderer Bereiche des gesellschaftlichen Lebens) ist, gehört zur Wahrheit eben auch: Es war längst nicht alles gut, es war sogar einiges sehr schlecht. Und zwar fast alles, was die Viererkette versuchte, um die mutigen und schnellen Angriffe der Schweizer zu verteidigen. Jaja, ausgerechnet die Viererkette, die in den vergangenen Tagen nationales Großthema geworden war. In den Internetforen, an den Stammtischen (unter Einhaltung der Hygieneregeln freilich) und in den deutschen Weltmeister-Generationen. Sei's drum, befand Trainer Löw und erklärte ausführlich, dass es nicht um das System gehe, sondern um die Spielidee.

Mission? Gescheitert!

Nun war's freilich ein wenig verwunderlich, dass sich der ewige Jogi nur drei Tage nach dem wackeligen Sieg in der Ukraine (2:1) gegen seine Dreierkette und wieder für das klassische Modell entschied. Es war eine Entscheidung, die man als Einknicken gegen die eigene Überzeugung werten kann (Kritiker werden das tun) oder aber als logische taktische Variante, um die Offensive zu stärken. Das Vorhaben darf man dann auch als gelungen verbuchen - schließlich gab's viel Spielfreude, Kreativität und Zielstrebigkeit.

An ihrer Kernaufgabe, für Stabilität zu sorgen, verzweifelte die Kette allerdings gnadenlos. Zu weit weg von den Gegenspielern, zu weit weg auch von den Mitspielern, zu oft nicht auf der Position - Mission gescheitert. "Ein deutsches Panikorchester", sah die Schweizer Zeitung "Blick" und erkannte: "Das Team von Joachim Löw steckt in einer monumentalen Schaffenskrise." Ob es tatsächlich eine Schaffenskrise ist, dazu eine monumentale? Nun, es ist wohl eine Krise der Balance. Denn die stimmt einfach nicht mehr.

Bastian Schweinsteiger, der sich in der ARD immer mehr zum kritischen Analysten entwickelt, ermahnte die Abwehr, zuerst ans Verteidigen zu denken und nicht ans Umschalten nach vorne. Dafür brauche es, diese Forderung ging an den Bundestrainer, eine Formation, von der man überzeugt sei. Und einen lauten Wortführer: "Mir fehlt einer, der das Heft in die Hand nimmt in dieser Situation." Die Kommunikation im Team, sie ist schon länger ein nervendes und zermürbendes Thema.

Wer soll's denn eigentlich machen?

Tatsächlich fehlt ein echter Abwehrchef. Niklas Süle, der die Rolle nach der Blitz-Ausbootung von Mats Hummels und Jérôme Boateng eigentlich übernehmen sollte, war zunächst lange verletzt und ringt nun um eine stabile Form - und seinen Stammplatz beim FC Bayern. Seinen Stammplatz verloren hat Antonio Rüdiger. Ohne Wettkampfpraxis beim FC Chelsea wird es ohnehin auch schwer für ihn, sich im DFB-Team als verlässliche Konstante zu etablieren. Die ist derweil Matthias Ginter; was er aber nicht ist: ein Chef. Alternativen zu diesem gesetzten Trio? Aktuell (noch) nicht vorhanden. Niklas Stark und Jonathan Tah ringen bei Hertha BSC und Bayer Leverkusen um Einsatzzeiten, lediglich Robin Koch könnte sich bei Leeds United in der Premier League eine körperliche und mentale Härte holen, die ihn als starke Option interessant macht.

Allerdings ist die Abwehrarbeit eine kollektive Aufgabe, die weder links und rechts der Außenverteidiger endet, noch vor den Innenverteidigern. Und so gestand Joshua Kimmich als einer der beiden zentralen Männer vor der Abwehr beispielsweise ein, dass er den Ball beim dritten Gegentor nicht wegkriege. "Wir müssen hier und da besser verteidigen." Auch Toni Kroos, der sein 100. Länderspiel bestritt, monierte die Fehler vor den Gegentoren: "Beim ersten und dritten haben wir schon sehr mitgeholfen. Wenn es drei Gegentore gibt, ist es defensiv nicht gut." Was er übrigens nicht erwähnte, durchaus überraschend: Dem zweiten Gegentreffer ging ein Fehlpass von ihm voraus. Nun ja.

Der Bundestrainer legte die neuerlichen Patzer unterdessen in der Schublade (gescheiterte?) Experimente ab. "Wir haben ein paar Fehler gemacht, aber wir sind auch bewusst ein hohes Risiko eingegangen und haben Mann gegen Mann gespielt", erklärte Löw. "Wir wollten auch mal schauen, was wir für eine Kraft im Eins gegen Eins haben. Verteidigen können wir als Mannschaft insgesamt besser. Das müssen wir optimieren." Unbedingt und am besten auch sehr schnell. Denn das Vertrauen in Löw schwindet. In einer vor dem Spiel gegen die Schweiz durchgeführten Umfrage hielten ihn 76,5 Prozent der Befragten nicht mehr für den richtigen Bundestrainer. Nur 4,5 Prozent (!) waren gegensätzlicher Meinung. Und so formulierte ausgerechnet der Schweizer "Tagesanzeiger" nun einen Satz, der den emotionalen Zustand um das DFB-Team sehr passend beschreibt: "Die Deutschen kriegen kein bisschen Ruhe in die Diskussion, ob Bundestrainer Joachim Löw wirklich weiß, was er will."

Quelle: ntv.de