Fußball

Buli-Vorschau: Die Zitternden Werden Werders Sorgen wieder zu Angst?

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In Bremen geben sie sich optimistisch, die Vorbereitung lief auch gut. Ob man einer entspannteren Saison entgegensieht, als es die letzte war? Fraglich.

(Foto: picture alliance/dpa)

Angst ist ein schlechter Berater und so gibt man sich bei den Kellerkindern der vergangenen Saison der Fußball-Bundesliga recht hoffnungsfroh. Ob zurecht, wird sich schnell herausstellen. Zwei müssen mindestens runter, am Ende will es wieder keiner gewesen sein. Ein Blick an den Abgrund.

Werder Bremen

Werder lehnt sich weit aus dem Fenster. Beziehungsweise ehemalige Bremen-Profis, die dem Portal "Deichstube" steile Thesen zur Saison vorlegen. Nils Petersen vom SC Freiburg meint zum Beispiel, sein Ex-Klub werde einen Super-Start mit keiner Niederlage an den ersten drei Spieltage hinlegen, die eklatante Standard-Schwäche beheben und Stürmer Josh Sargent zweistellig treffen. Christian Schulz meint dagegen, Niclas Füllkrug werde mindestens 15 Tore schießen. Ivan Klasnic glaubt, dass die Verletztenmisere, die in Bremen wenigstens teilweise für die vergangene Seuchen-Saison verantwortlich war, nun Geschichte ist und dass das Weserstadion - selbst mit wenigen Fans - wieder zu einer Festung wird, nachdem Werder zuletzt nur zwei von 17 Heimspielen gewinnen konnte.

Wird also alles besser in der Hansestadt? Wohl eher nicht. Denn die Relegationsrettung um Haaresbreite war bereits teuer auf Pump erkauft, der entscheidend (halbwegs) stabilisierende Faktor: Leihspieler Kevin Vogt. Der ist nun wieder weg und eine Rückholaktion nicht finanzierbar. Geblieben sind die einst geliehenen Leonardo Bittencourt und Ömer Toprak, bislang kaum nachhaltig beeindruckend, nun aber per Klausel fest verpflichtet - mit Millionen, die Werder eigentlich nicht hat. Geld, für das Werder wohl noch seinen Besten verkaufen muss: Milot Rashica. Auch, weil für das bislang am wenigsten hilfreiche Leihgeschäft noch die teuerste Rechnung offen ist: Hält Bremen erneut die Klasse, kostet Stürmer Davie Selke zwölf Millionen Euro.

Und so kann der SVW viel von seiner Hoffnung wieder nur in ein Leihgeschäft setzen: Tahith Chong, der bislang vielversprechendste Zugang (Petersens These: Er schlägt ein und verlängert noch mal um ein Jahr), kommt auf Zeit von Manchester United. Er soll die seit Max Kruses Abgang fehlende Unberechenbarkeit ins Spiel zurückbringen und dank seiner Stärke im Eins-gegen-Eins das welke letzte Drittel der Bremer Offensive beflügeln. Für die bitternötige Kreativität in der offensiven Zentrale sorgt der erst 20-Jährige aber auch nicht. Genauso wenig wie Sturmjuwel Josh Sargent, der in dieser Saison wirklich endlich zünden soll. Am ehesten könnte das noch Romano Schmid schaffen, der viel Hoffnung von seiner erfolgreichen Österreich-Leihe fürs offensive Mittelfeld mitbringt. Ex-Profi Schulz' These lautet zumindest: Schmid schafft bei Werder endgültig den Durchbruch.

Das ewig klaffende Loch im defensiven Mittelfeld flicken und für Lufthoheit gegen die eklatante Standardschwäche sorgen soll 1,96-Hüne Patrick Erras, der aus Nürnberg kam. Aber reicht das? Angeblich sucht Werder noch einen Sechser. Und ob allein Toprak nach seinem katastrophalen ersten Bremen-Jahr mit vielen Verletzungen die Abwehrreihe stabilisieren kann, darf bezweifelt werden - besonders, da er für den Saisonstart erneut ausfällt: Eine Wadenverletzung zwingt ihn zur Pause. Sieben Siege aus sieben Vorbereitungsspielen gegen nur mittelmäßig aussagekräftige Gegner waren wenig aufschlussreich. Jeder Tabellenplatz besser als der 15. wäre dieses Jahr ein Bonus für Bremen. Nutzt Werder seine Bewährungschance nicht, bleibt vom Pakt mit dem Leih-Teufel nichts übrig - bis auf eine teuer erkaufte Gnadenfrist von 34 Spielen im Oberhaus.

Mainz 05

"Und jetzt zeigen wir den ganzen Leuten, dass wir wirklich aus der letzten Saison was gelernt haben und uns dementsprechend präsentieren." Mainz-05-Sportvorstand Rouven Schröder eröffnete pünktlich zum Saisonstart das Mainzer Phrasen-Ping-Pong, an das sich die Fans des inzwischen Dauerbundesligisten in den letzten zwei Jahren widerwillig gewöhnt haben. Der qualitativ eigentlich gut bestückte Kader ist wankelmütig und so müssen die Verantwortlichen zu regelmäßig abwechselnd Lernprozesse und große Überzeugung verkünden, um dann anschließend wieder zu versprechen, "eine Reaktion zeigen" zu wollen. So wird spannend zu sehen, ob es wirklich von Vorteil ist, dass der Kader nahezu komplett beisammen blieb. Der Kader, der sich mit einem kleinen Lauf mit verdienten Siegen in Dortmund und gegen Werder Bremen aus dem Schlamassel befreite, in den er sich mit indiskutablen, völlig harmlosen Auftritten (0:8 in Leipzig, 2:3 zuhause gegen Union Berlin) selbst hineingestoßen hatte.

Die Vorbereitung lieferte wenig Ansätze für große "Wir haben verstanden!"-Euphorie: Der designierte Torjäger Jean-Philippe Mateta störte mit diversen Undiszipliniertheiten den Betriebsfrieden, dazu gab es mehrere corona-bedingte Trainingspausen. Drei der letzten vier Testspiele gingen verloren, der letzte Härtetest gegen Eintracht Frankfurt musste wegen zweier Mainzer Corona-Fälle abgesagt werden. Als Viertligist TSV Havelse dann im Pokal bis eine halbe Stunde vor Schluss 1:0 gegen den Bundesligisten führte, dürfte manchem Anhänger schon wieder Schlimmes geschwant haben. Eine Kernschwierigkeit aus der Vorsaison rettet sich überaus widerstandsfähig durch die Pandemie: Offensiv fehlt es gerade bei viel Ballbesitz an Ideen, Konsequenz, Tempo - eben an Durchschlagskraft. Mitte der abgelaufennen Rückrunde hatte es in Mainz intern ordentlich geraucht, Kapitän Daniel Brosinski hatte von Trainer Achim Beierlorzer einen klareren Plan für die Offensive eingefordert. Konstruktiv, aber offen. Der Plan, er scheint noch nicht ausgereift zu sein.

Gegen erlahmende Viertligakicker konnte das beim torreichen Endspurt noch überspielt werden, ab Samstag wird das wieder zum Problem. Dann geht es nach Leipzig. Letzte Saison gab es da ein 0:8. Die Verantwortlichen dürften sich arg freuen, wenn sie sich danach nicht gleich wieder entschuldigen müssten. Die Qualität ist ja eigentlich da, offensiv hat man mit Robin Quaison und Jean-Philippe Mateta treffsichere Leute. "Ich sage immer: Mentalität schlägt Qualität", sagte Verteidiger Alexander Hack vor dem letztlich erfolgreichen Saisonendspurt. Bringt Mainz wie versprochen ausdauernd Konzentration und Mentalität auf den Platz, geht es 2021 sehr entspannt in die 13. Bundesligasaison in Serie. Geht jedoch das große "Reaktion zeigen"-Bingo wieder los, wird es zäh.

FC Augsburg

"Unser wichtigstes Ziel im zehnten Bundesligajahr in Folge ist, die Basis zu legen, um ein elftes folgen zu lassen." Bei der Formulierung des Saisonziels hat Augsburg-Trainer Heiko Herrlich die Marketingabteilung offenbar außen vor gelassen. Denn so elektrisiert man natürlich niemanden. Dabei gebe es gute Gründe, optimistisch an die ganze Sache heranzugehen: Mit Rafal Gikiewicz hat man einen guten Torhüter verpflichtet, der die Dauerbaustelle zwischen den Pfosten beseitigen wird. Dazu kamen mit Daniel Caligiuri (FC Schalke) und Tobias Strobel (Borussia Mönchengladbach) zwei weitere Neue, die vor allem defensiv das Niveau im Mittelfeld der Schwaben anheben werden.

Ebenfalls als Neuzugang darf Michael Gregoritsch gehandelt werden, der sich erst mit allerhand Tamtam aus Augsburg weggearbeitet hatte, um nun nach einer völlig enttäuschenden Zeit beim FC Schalke geschlagen, aber sehr hungrig wieder beim FCA zu landen - und in der Vorbereitung zu überzeugen. Mit Marco Richter dürfte eine weitere spannende Offensivkraft mit viel Tempo in der kommenden Runde den Durchbruch packen. Gemeinsam mit Torjäger Florian Niederlechner steckt da viel drin in der Augsburger Abteilung Attacke.

Caligiuri dürfte auf der rechten Außenbahn schnell Rückendeckung vom polnischen Neuzugang Robert Gumny erhalten. Der 22-Jährige wird sich wohl auf dem rechten Platz in der Viererkette festspielen. Caligiuri wird einer der absoluten Schlüsselspieler beim FCA werden: "Spieler mit enormer sportlicher Qualität" habe man gewinnen können, schwärmte FCA-Sportchef Stefan Reuter, es seinen "starke Charaktere, die in ihren Klubs wichtige Positionen und Führungsrollen übernommen haben." Das soll der erfahrene Deutsch-Italiener alsbald auch in Augsburg schaffen - und gleichzeitig den Abschied von Standard-König Philipp Max kompensieren, der zur PSV Eindhoven wechselte. Es geht für den FC Augsburg um den Klassenerhalt. Das wissen sie. Und sie haben das Personal, die Dinge frühzeitig zu regeln.

VfB Stuttgart

Das mit Lionel Messi hat dann doch nicht ganz geklappt. Als der argentinische Weltstar Ende August seinen FC Barcelona verlassen wollte, sahen ihn viele Stuttgart-Fans schon im Brustring auflaufen - und sammelten fleißig Geld. Nesthocker Messi blieb aber schließlich doch bei Barça und so darf der VfB immerhin ganz schwäbisch den Geldbeidl schonen. Unglücklich ist jedoch, dass auch Messis Landsmann Nicolás González sich schonen muss. Der 22-jährige (wechselwillige) Torjäger, der vergangene Spielzeit maßgeblich am direkten Wiederaufstieg beteiligt gewesen ist, fällt wochenlang verletzt aus. Ohnehin haben sie beim fünfmaligen Deutschen Meister längst eingesehen, dass eine harte Saison bevorsteht. "Wir sind nicht mehr der große Verein, der gesetzt ist", sagte Klubboss Thomas Hitzlsperger jüngst dem SWR. In der Saison eins nach Mario Gomez gibt man sich in Stuttgart bescheiden.

Grund zur Überheblichkeit besteht trotz der Bundesliga-Rückkehr auch nicht. Der Aufstieg gelang mühsamer als erwartet, die Coronakrise strapaziert die Finanzen und der Saisonauftakt im Pokalspiel gegen den drittklassigen FC Hansa Rostock verlief holprig. Und zum Ligastart wartet gleich ein Derby gegen den SC Freiburg. Schwäbische Zielfindung gegen badische Konstanz. Das Duell in der einst als Neckarstadion bekannten Arena in Bad Cannstatt ist ein guter Gradmesser für den neuen erstklassigen VfB, der zuvorderst die Liga halten will.

Und wie soll der Klassenerhalt gelingen? Der Fan-nahe Klubpräsident Claus Vogt wiederholt auf Twitter mantraartig das Credo "Vom Ich zum Wir". Sie wissen schon, der Star ist der gesamte Verein. Das sportliche Motto lautet derweil: mehr Jugend wagen. Was das bedeutet, durfte unlängst Holger Badstuber erfahren. Trainer Pellegrino Matarazzo degradierte den 31-jährigen Innenverteidiger zum Regionalliga-Kicker. Damit gibt es nur noch drei Spieler im VfB-Kader, die 30 oder älter sind - darunter der 33-jährige Neu-Kapitän Kapitän Gonzalo Castro. Mit einem Durchschnittsalter von nur 24 Jahren stellt Stuttgart somit das zweitjüngste Team der Liga. Fast schon rechtfertigend betont die Sportführung stets das enorme Potenzial der jungen Wilden, die dem Klub im 127. Jahr nach seiner Gründung die Klasse sichern sollen. Vieles spricht dafür, dass der studierte Mathematiker Matarazzo seine Strategie wohlberechnet hat.

Arminia Bielefeld

Immerhin ist man ehrlich dieser Tage auf der Alm: "Wir alle wissen, dass wir heute kacke waren", sagte Fabian Klos, Kapitän von Arminia Bielefeld nach dem Pokal-Aus gegen den Viertligisten Rot-Weiß Essen. "Ich schäme mich für die Nicht-Leistung in der ersten Halbzeit", fügte Trainer Uwe Neuhaus hinzu. Eigentlich wollte der Aufsteiger mit Schwung ins Oberhaus starten. Der ist jetzt erstmal dahin.

Umgewöhnen müssen die Arminen sich ohnehin: Der Dominanz-Fußball aus der Liga zwei (65 Tore, nur zwei Niederlagen) wird in der Bundesliga nicht funktionieren. Alles oberhalb von Platz 16 wird in Bielefeld als Erfolg gerechnet. Aber kleinlaut wird es dabei indes nicht zugehen dieses Jahr. Das liegt vor allem am Ruhrpott-Coach Neuhaus. Als Spieler feierte er sein Bundesligadebüt mit 30 Jahren und nun hat er mit 60 seinen ersten Auftritt als Cheftrainer im Oberhaus. Was kommt da, wenn er 90 Jahre alt sein wird? "Champions League", antwortete Neuhaus trocken. Deutscher Meister wurde er ja schließlich bereits - 2002 als Co-Trainer von Matthias Sammer beim BVB.

Quelle: ntv.de