Fußball

Starspieler verlängert bis 2024 Wird Müller jetzt zum Problem für die Bayern?

282564229.jpg

Müllers Formkrise manifestierte sich im Verpassen dieser Chance gegen Villarreal.

(Foto: picture alliance / Pressefoto Rudel)

Thomas Müller verlängert seinen Vertrag beim FC Bayern München bis 2024. Eine folgerichtige Entscheidung oder doch der Beginn eines großen Problems für den Rekordmeister?

Es gibt Neuigkeiten, die fühlen sich nicht wie Neuigkeiten an. Diese ist so eine. Denn was hätte der Angreifer denn sonst tun sollen? Wenn sein neues Arbeitspapier 2024 ausläuft, wird er 24 Jahre beim FC Bayern gewesen sein - als Jugend- und Profispieler. Der Rekordmeister und sein Rekordspieler, der nach dem 3:1-Sieg seinen elften Meistertitel eingesackt hatte, gehören einfach zusammen. Aber ist das auch im Jahr 2022 immer noch so, oder wird Müller langsam zum Problem für die Münchner? Zweifel an ihm sind nicht neu. Erst jüngst wurden sie nach dem Ausscheiden in der Champions League gegen den FC Villarreal wieder etwas lauter.

"Die Niederlage heute zu akzeptieren, da weiß ich auch nicht, was ich sagen soll", sagte der 32-Jährige damals. Es kommt nicht oft vor, dass Müller auf sehr eindeutig formulierte Fragen keine Antwort hat. In diesem Fall: Warum sind die Bayern gegen diesen Gegner ausgeschieden?

Thomas Müller ist Teil des aktuellen Problems

Er zuckte einige Sekunden mit den Schultern, rang um Worte und gestikulierte zunächst hilflos vor sich hin, als würde er einfach nur darauf hoffen, dass die Frage noch zurückgezogen wird. Erst spät fand er dann zu Worten. Der sprachlose Müller wurde zum Sinnbild einer Bayern-Mannschaft, der anschließend vielerorts Kopf- und Führungslosigkeit vorgeworfen wurde. Ein Sinnbild war er damit auch deshalb, weil er mit seiner bereits über Wochen anhaltenden Formlosigkeit dazu beitrug, dass seiner Mannschaft kein besseres Ende vergönnt war.

Bei der deutlichen und verdienten 1:3-Niederlage in Mainz war Müller nicht dabei. Geändert hätte auch das eher nichts. Mit Ausnahme seines guten Auftritts gegen Borussia Dortmund war der Nationalspieler Teil des Problems und nicht die Lösung. Es weht aktuell ein Hauch von 2019 durch die Säbener Straße. Damals wurde Müller aus der Nationalmannschaft rausgeworfen. Joachim Löw wollte den Umbruch - und scheiterte damit gnadenlos.

Seit seinem Bundesliga-Debüt im August 2008 unter Jürgen Klinsmann war Müller schon häufig das Gesicht seiner Mannschaften. Meist in der positivsten aller Deutungen. Zwei Triple-Siege, kongenialer Partner von Arjen Robben, Franck Ribery und bis heute auch von Robert Lewandowski, Weltmeister 2014, der Raumdeuter, der den Gegner mit seinen oft unorthodox wirkenden Laufwegen schwindelig rennt - und seit geraumer Zeit aber auch einfach ein genialer Spielmacher, der mit feiner Technik gute Pässe in die Tiefe spielen kann.

Gehasst oder geliebt

Müller wurde oft zu Unrecht in eine Schublade gesteckt, fußballerisch gar unterschätzt. Der bayerische Lausbub mit flotten Sprüchen und trockenem Boomer-Humor, an dem sich die Fans in Deutschland entweder reiben oder ihn vergöttern. Geht denn mehr FC Bayern? Insofern erscheint auch die Entscheidung, mit dem 32-Jährigen um zwei Jahre zu verlängern, absolut folgerichtig zu sein. Zumal seit 2019 weitere drei Jahre ins Land gezogen sind und Müller zwischendurch als Schlüsselspieler unter Hansi Flick sein zweites Triple holte.

Flick hatte dafür gesorgt, dass der Rechtsfuß wieder zu alter Stärke und auch zurück in die Nationalmannschaft fand. Fast schon ironisch war es, dass Müller beim letzten Turnier unter Joachim Löw die Großchance gegen England vergab und die DFB-Auswahl somit ausschied - erneut ein sinnbildlicher Moment.

Auch unter Julian Nagelsmann schien der Oberbayer seine herausragende Form zu behalten. 36 Torbeteiligungen in bisher 43 Pflichtspielen sind absolute Weltklasse. In der Bundesliga jagt er seinen eigenen Assist-Rekord. Als letztmals an seiner Zukunft in München gezweifelt wurde, stellte er einen Bundesliga-Rekord auf: 21 Torvorlagen gelangen ihm in der vergangenen Saison. Aktuell steht er schon wieder bei 20 Assists.

Aber: In den vergangenen sieben Ligaspielen legte er nur einen Treffer auf. In der Champions League blieb er ebenfalls unter seinen Möglichkeiten. Der Rio-Weltmeister spielt wie viele seiner Teamkollegen glücklos. Seine Läufe verpuffen, seine Abschlüsse finden nicht den Weg ins Tor und seine sonst so guten Pässe in die Tiefe bleiben am Gegner hängen. Im Gegensatz zu 2019 ist Müller diesmal aber wirklich in einem Alter, wo sich die Frage stellt, ob mehr als eine Formschwäche dahinterstecken könnte.

Die Bayern haben diese zunächst ganz offenkundig mit "Nein" beantwortet. Der zweifache Champions-League-Sieger wird wohl weiterhin zu den Topverdienern zählen und auch in der kommenden Saison eine große Rolle unter Nagelsmann spielen.

Jamal Musiala macht Müller Konkurrenz

Aber was geschieht beispielsweise mit Jamal Musiala? Der 19-Jährige ist bereit für noch mehr Spielzeit. Während seine Teamkollegen zuletzt schwächelten, war er einer der wenigen Lichtblicke des Kaders. Die einmalige Ballbehandlung, seine Dynamik im Spiel nach vorn und die Torgefahr, die er mit einer extrem engen Ballführung und dem stetigen Drang zum Tor erzeugt, begeistern die Fans.

Musiala ist kein gebürtiger Oberbayer. Er stieß erst 2019 vom FC Chelsea zu den Bayern, rückte dort relativ schnell zur zweiten Mannschaft auf. Acht Jahre verbrachte der gebürtige Stuttgarter in London. Trotzdem identifizieren sich viele Bayern-Fans schon jetzt mit ihm, als hätte er nie woanders gespielt. 2019 war er natürlich noch nicht so präsent. Deshalb lief die Frage, ob Müller für Bayern zum Problem werden könnte, auch oft ins Leere. Jetzt aber ist er voll da. Jung, frisch, dynamisch - sicher aber noch mit Schwächen, was Konstanz oder die Arbeit gegen den Ball anbelangt.

Müller war oft Stolperstein für Bayern-Trainer

Allein deshalb ist es mehr als nachvollziehbar, dass Bayern weiter an Müller festhält. Doch wie sehr wird er bereit sein, Spielzeit abzugeben? Nach ntv-Informationen war der Vize-Kapitän für den FCB in den letzten Jahren nicht nur Urge-, sondern auch Stolperstein für den einen oder anderen Trainer. War er mit seiner Rolle im Team unzufrieden, ließ er das den Übungsleiter spüren. Gerade für Carlo Ancelotti und Niko Kovac war das jeweils das Ende vom Lied. War ein Trainer in München nicht erfolgreich, war die Einbindung Müllers stets eines der zentralen Themen.

Was würde passieren, wenn Nagelsmann zunehmend auf Musiala setzt? Der 34-Jährige probierte sich zuletzt an verschiedenen Varianten, in denen beide gemeinsam aufliefen. Mal brachte er Musiala auf dem Flügel, mal auf der Achterposition. Nirgends kam er aber so zur Geltung wie auf der Zehn. Ein Experiment mit beiden im offensiven Zentrum entpuppte sich ebenfalls als zu offensiv.

Zwangsläufig könnte es also darauf hinauslaufen, dass Nagelsmann sich entscheiden muss: Musiala oder Müller? In den letzten Spielen bekam die Bayern-Legende sehr klar den Vorrang. Musiala kam nicht mal zum Zug, als Müller in Mainz fehlte.

Nagelsmann in der Zwickmühle

Es könnte knifflig werden, wenn der 112-fache Nationalspieler nicht bereit ist, Spielzeit abzugeben. Bei den Verhandlungen für einen neuen Vertrag wird das ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Die Zukunft wird einerseits zeigen müssen, wie gut das Spiel des 32-Jährigen gealtert ist. Andererseits wird es spannend zu sehen, wie er damit umgeht, wenn Musiala doch mehr Spielzeit bekommt.

Nagelsmann steht zwischen den Stühlen. Er ist bekannt dafür, jungen Spielern den Weg nach oben zu ermöglichen und sie entsprechend zu fördern. Allerdings weiß er um das Schicksal einiger seiner Vorgänger, die es sich mit Müller verspaßt haben.

Mehr zum Thema

Zumindest für die kommende Saison wird er beide brauchen. Müllers Qualitäten im Pressing und seine Führungsqualitäten, wenn es darum geht, die Offensive zu strukturieren, sind wichtig für die Bayern. Noch einen Führungsspieler und Wortführer hätten die Münchner nicht abgeben können.

Musiala wiederum ist klar die Zukunft. Es wird darum gehen, noch mehr Spielminuten zu sammeln - auch und gerade in großen Spielen. Müller wird das akzeptieren müssen, wenn er dafür mal auf der Bank sitzt. Ob er das stillschweigend hinnehmen würde? Zumindest fraglich. Denn er ist auch deshalb so sinnbildlich für den FC Bayern, weil er einen einmaligen Ehrgeiz mit Hang zur Verbissenheit verkörpert.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen