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Nürnberg schürt Identitätsstreit Zeuge soll Beweise im Fall Jatta liefern

Bakery Jatta (Hamburger SV) sitzt auf dem DFB-Gelände. Foto: Andreas Arnold/Archivbild

Proteste, Beschimpfungen und zwei Ermittlungen: Bakery Jatta muss momentan einiges aushalten.

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

Bakery Jatta oder Bakary Daffeh? Ein Zeuge aus dem Senegal soll Beweise haben, dass der HSV-Profi unter falscher Identität in der 2. Fußball-Bundesliga spielt. Unterdessen wächst die öffentliche Kritik an den Einsprüchen. Selbst Rivalen springen dem HSV zur Seite.

Wüste Beschimpfungen, schon drei Proteste - und nun ein angeblicher Zeuge: Der Fall um die angebliche Identitätsfälschung von Bakery Jatta spitzt sich immer weiter zu. Während der Profi des Hamburger SV seine Stellungnahme beim zuständigen Bezirksamt abgegeben hat, schürt der 1. FC Nürnberg den Wirbel um die Identität des Angreifers aus Gambia. Nach einem Bericht der "Sport Bild" hat der Klub einen Zeugen benannt, der in dem Verfahren vor dem Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aussagen soll. Seydou Sane, Präsident des senegalesischen Erstligisten Casa Sports, könne angeblich Beweise liefern, dass es sich bei Jatta um seinen ehemaligen Spieler Bakary Daffeh handele. Daffeh spielte bis 2015 bei Casa Sports, dann soll er spurlos verschwunden sein.

Sportlich macht Jatta bisher eine gute Figur, wie hier im Spiel gegen den Karlsruher SC.

Auf dem Feld machte Jatta bislang immer eine gute Figur, wie hier im Spiel gegen den Karlsruher SC.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Nürnbergs Verantwortliche wollten den Bericht mit Verweis auf das "laufende Verfahren" nicht kommentieren. "Wir möchten der Verhandlung beim DFB-Sportgericht nicht vorgreifen", lassen die Franken über einen Sprecher mitteilen. Nürnberg hat als erster von inzwischen drei Zweitligisten, die offiziell Protest eingelegt haben, noch bis Freitag Zeit, seinen Einspruch gegen die Wertung der 0:4-Niederlage zu begründen. "Das sehe ich gelassen", sagt Jattas Rechtsanwalt Thomas Bliwier zu den neuesten Entwicklungen.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) sieht aktuell keinen Handlungsbedarf. "Da es nach Kenntnis der DFL keinen Beweis für eine falsche Identität des Spielers gibt, behält die Spielberechtigung für Bakery Jatta, geboren am 6. Juni 1998, aktuell ihre Gültigkeit", teilt die DFL mit: "Die Klärung des Sachverhaltes liegt bei den staatlichen Behörden, der für die internationale Freigabe eines Spielers zuständigen FIFA und dem satzungsgemäß für die Entscheidung über Einsprüche gegen die Spielwertung zuständigen DFB-Sportgericht."

"Vergiftete Atmosphäre"

Jatta, der nach seiner Flucht 2015 in Deutschland ankam, leidet unter der Situation. Beim Ligaspiel am vergangenen Wochenende beim Karlsruher SC war der Geflüchtete üblen Beleidigungen einiger Zuschauer ausgesetzt. "Die Stimmung gegen Baka wird natürlich auch geschürt", sagt HSV-Trainer Dieter Hecking, der Jatta trotz der ungeklärten Vorwürfe konsequent einsetzt, und spricht von einer "vergifteten" Atmosphäre. "Pfiffe und gewisse Rufe sollten in einer zivilisierten Gesellschaft, wie sie in Deutschland vorherrscht, nicht vorkommen."

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Unterdessen wächst auch die öffentliche Kritik am Vorgehen des 1. FC Nürnberg, Karlsruher SC und Vfl Bochum. So sagt der Trainer des Ligakonkurrenten Vfl Osnabrück, Daniel Thioune: "Hier geht es für mich um ethische Werte. Wer es nicht schafft, gegen den HSV zu punkten, sollte nicht auf dem Rücken eines Flüchtlings, der niemandem etwas getan hat, versuchen, einen Vorteil herauszuholen, sondern besser auf die eigenen sportlichen Fehler schauen." Selbst der Stadtrivale St. Pauli stellt sich in Person von Ewald Lienen hinter Jatta: "Ich habe kein Verständnis dafür. Das ist jemand, der integriert ist, sein Geld hier verdient und Steuern zahlt." Er finde es daher "ein bisschen peinlich, nach einer verdienten Niederlage, bei der die ganze HSV-Mannschaft gut gespielt hat, deswegen Einspruch einzulegen."

Seit die "Sport Bild" vor drei Wochen die Zweifel an der Identität Jattas öffentlich gemacht hatte, ermitteln die zuständigen Behörden und auch der DFB. Kaum ein Tag vergeht, an dem es keine neuen Meldungen in der Causa Jatta gibt. "Baka steckt alles sensationell weg", sagt Hecking: "Wie es in dem Jungen aussieht, weiß aber keiner so genau, das muss immer neu beobachtet werden." Jatta-Anwalt Bliwier gibt einen kleinen Einblick: "Dass es eine Belastung für ihn ist, kann man sich vorstellen."

Zwei mögliche Szenarien

Jatta schweigt in der Öffentlichkeit weiter zu dem Thema, er gab am vergangenen Dienstag über seinen Anwalt die angeforderte Stellungnahme beim zuständigen Welcome-Center des Bezirks Hamburg-Mitte ab. "Wir haben die Vorwürfe zurückgewiesen", sagt Anwalt Bliwier. Er sei "natürlich zuversichtlich", dass das Verfahren eingestellt werde. Nun ist das Bezirksamt am Zug.

Der HSV stützt seinen Spieler - wie hier bei der Anhörung vor dem DFB-Sportgericht.

Der HSV steht nach wie vor hinter Jatte und stärkt ihm bei der Anhörung vor dem DFB-Sportgericht den Rücken.

(Foto: dpa)

Die Aussage Jattas sei "ein kleiner Baustein von vielen", so eine Behördensprecherin. Zur Dauer des Prüfverfahrens will sie sich nicht näher äußern. "Es wird auf weitere Informationsquellen zurückgegriffen. Es ist völlig offen, was dabei herauskommt." Zwei Szenarien sind möglich: Entweder wird das Verfahren eingestellt oder es kommt zur Einleitung eines Rücknahmeverfahrens. Im letzteren Fall droht dem Fußballer der Verlust seines Flüchtlingsstatus. Eine Entscheidung darüber wird aller Voraussicht nach im September fallen.

Quelle: n-tv.de, Christoph Stukenbrock und Kristopf Stühm, sid

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