Collinas Erben

"Collinas Erben" wägen ab Besiegelt Hectors Achselhöhle den Abstieg?

IMG_ALT
imago1002585708h.jpg

Eindeutige Meinungsverschiedenheit.

(Foto: Foto: Steffie Wunderl / Beautifu)

Der abstiegsbedrohte 1. FC Köln hat Punkte bitter nötig. Im Bundesliga-Spiel gegen den SC Freiburg zählt ein Tor nicht, weil Jonas Hector den Ball zuvor mit dem Arm berührt. So sieht es der Schiedsrichter - und die TV-Bilder widerlegen ihn zumindest nicht. Doch ein Kritikpunkt bleibt.

Just als gerade die Nachspielzeit in der Partie des 1. FC Köln gegen den SC Freiburg (1:4) angebrochen war, hatte Jannes Horn eine Idee, wie die Gastgeber nach einem 0:2-Rückstand, dem Anschlusstreffer und einem vergebenen Strafstoß doch noch wenigstens einen wichtigen Punkt retten könnten. Er schlug den Ball aus der eigenen Hälfte in den Strafraum der Freiburger, wo ihn Jonas Hector etwa 14 Meter vor dem Gehäuse der Gäste mit dem Rücken zum Tor annahm und abtropfen ließ. Sein Mitspieler Jan Thielmann nahm die Kugel direkt und versenkte sie im Kasten der Breisgauer. Ein Traumtor zum 2:2 - doch der Jubel der Kölner wurde durch einen Pfiff von Schiedsrichter Marco Fritz jäh beendet.

Denn der Unparteiische hatte bei Hectors Ballannahme ein Handspiel wahrgenommen. Zwar keines, das man aufgrund der Armhaltung oder -bewegung zwingend als strafbar bewerten müsste, doch darauf kam es in diesem Fall auch gar nicht an: Wenn einer Torerzielung ein Handspiel unmittelbar vorausgeht - und sei es noch so unabsichtlich und unvermeidlich -, dann darf der Treffer nicht zählen. Doch hatte Hector den Ball wirklich mit dem Arm gespielt - oder eher mit der Schulter? Das überprüfte nun Video-Assistent Sören Storks, was er tun konnte, weil Fritz erst gepfiffen hatte, als der Ball bereits im Tor war.

Vor der Saison hatten die Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) festgelegt: Der Bereich, der sich bei angelegtem Arm oberhalb der Achselhöhle befindet - diese bildet also die Grenze -, wird regeltechnisch nicht mehr zum Arm gerechnet. Kommt es dort zu einem Kontakt mit dem Ball, dann liegt somit in keinem Fall ein Handspiel vor. Der landläufig oft verwendete Begriff "T-Shirt-Linie" ist kein offizieller Terminus, sondern dient lediglich zur Orientierung, wo die besagte Grenze gezogen wird. Die Linie ist nur eine gedachte, also keine, die etwas mit der tatsächlichen Ärmelgrenze eines Trikots zu tun hat und damit unterschiedlich verläuft.

Die Bilder widerlegen den Schiedsrichter nicht

Das klingt unkompliziert - und doch war die Szene in Köln verzwickt. Denn die Fernsehbilder zeigten, dass es im Grenzbereich zwischen der Schulter und dem Oberarm von Jonas Hector zum Ballkontakt kam. Der Kölner selbst sagte nach dem Spiel, er habe den Ball "oben an die Schulter" bekommen, die sportliche Leitung der Bundesliga-Schiedsrichter dagegen teilte via Twitter mit, es sei ersichtlich, dass Hector "den Ball am Oberarm, knapp unterhalb der Achselhöhle" und "somit im strafbaren Bereich" berührt habe. Deshalb habe der VAR "die Richtigkeit der Feldentscheidung bestätigt". Es blieb also dabei, dass das Tor nicht zählt. Danach traf Freiburg noch zweimal.

Wirklich eindeutig war das Bildmaterial aus keiner Kameraperspektive, doch für einen solchen Fall gibt es eine Regelung: Lässt sich eine Situation nicht zweifelsfrei auflösen, dann bleibt es bei der auf dem Platz getroffenen Entscheidung - denn dem Unparteiischen ist ja kein klarer und offensichtlicher Fehler nachzuweisen. Die getroffene Entscheidung lautete in diesem Fall: Handspiel. Das heißt: Video-Assistent Storks hätte nur dann eingegriffen, wenn er zu der Überzeugung gelangt wäre, dass Hector den Ball mit der Schulter gespielt hatte und nicht mit dem Oberarm. Doch die Bilder widerlegten die Wahrnehmung von Marco Fritz nicht.

Ein Review hätte die Akzeptanz erhöhen können

Dennoch fragten manche, ob ein On-Field-Review durch den Referee nicht sinnvoll gewesen wäre. Grundsätzlich ist keines vorgesehen, wenn eine Entscheidung aus Sicht des VAR nicht eindeutig falsch war - und erst recht nicht, wenn es sich um eine sogenannte faktische Entscheidung handelt. Also um eine, bei der es eigentlich kein Ermessen gibt und es nicht um Interpretation geht, sondern um etwas grundsätzlich Messbares: eine Abseitsstellung beispielsweise, die Position des Balles oder eben auch den Kontaktpunkt bei einem Handspiel, dessen Strafbarkeit außer Frage steht, wenn es denn zu einer Berührung des Balles mit der Hand oder dem Arm gekommen ist.

In diesen Fällen soll der VAR dem Schiedsrichter das Ergebnis seiner Prüfung mitteilen und der Unparteiische daraufhin entscheiden, ohne selbst noch einmal zum Monitor am Spielfeldrand zu gehen. Allerdings gewährt das Regelwerk die Möglichkeit, in potenziell spielentscheidenden Situationen besonders kurz vor Schluss aus taktischen Gründen ein On-Field-Review durchzuführen, um eine faktische Entscheidung besser zu "verkaufen". Diese Option hatte zuletzt Manuel Gräfe in Anspruch genommen, als in der Partie RB Leipzig - TSG 1899 Hoffenheim (0:0) der Leipziger Yussuf Poulsen in letzter Sekunde traf, sich den Ball dabei jedoch eindeutig an den Arm geköpft hatte.

Womöglich hätte ein solches Review auch in Köln dazu beitragen können, die Gemüter zu beruhigen. Immerhin ging es um eine Entscheidung am drittletzten Spieltag der Saison, die für den Abstiegskampf einige Bedeutung hat. Selbst wenn Marco Fritz die Bilder keine neuen Erkenntnisse gebracht hätten und es nach dem VAR-Protokoll korrekt war, sich auf die Einschätzung des Video-Assistenten zu verlassen, hätte sich die Akzeptanz für den Handspielpfiff erhöhen lassen. Manchmal fällt es leichter, eine Entscheidung hinzunehmen, wenn der Schiedsrichter sie selbst noch einmal überprüft hat.

Was sonst noch wichtig war:

In der Begegnung des alten und neuen Deutschen Meisters FC Bayern München gegen Borussia Mönchengladbach (6:0) schaltete sich der VAR derweil gleich zweimal ein: zunächst in der 65. Minute, als der Gladbacher Florian Neuhaus einen Kopfball von Leon Goretzka im eigenen Strafraum mit dem ausgestreckten und über Schulterhöhe erhobenen rechten Arm blockierte, das Spiel jedoch weiterlief. Es kam zum Review, anschließend entschied Schiedsrichter Tobias Stieler zu Recht auf Handelfmeter. Zehn Minuten später lief der Referee erneut an den Monitor, nachdem er ein Foulspiel des Münchners Tanguy Nianzou an Breel Embolo rund 25 Meter vor dem Bayern-Tor nicht geahndet hatte. Auch hier war die Intervention des VAR richtig, weil Nianzou die "Notbremse" gezogen, also eine offensichtliche Torchance vereitelt hatte. Embolo hätte andernfalls in zentraler Position freie Bahn zum Gehäuse von Manuel Neuer gehabt. Folgerichtig zeigte Stieler dem erst kurz zuvor eingewechselten Innenverteidiger die Rote Karte.

Auch im Spiel Borussia Dortmund gegen RB Leipzig (3:2) kam es zu einem Handspiel, das dem von Neuhaus in München nicht unähnlich war: Als der Dortmunder Lukas Piszczek den Ball im Leipziger Strafraum per Rückzieher aufs Tor brachte, fuhr neben ihm Kevin Kampl seinen linken Arm waagerecht aus und lenkte den Ball mit dem Ellenbogen ab. Wie bei Neuhaus sprach die Armhaltung dafür, dieses Handspiel zu ahnden, zumal es eine unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche darstellte. Der sonst sehr gut leitende Schiedsrichter Daniel Siebert pfiff jedoch nicht, und Video-Assistentin Bibiana Steinhaus-Webb griff nicht ein. Dabei wäre eine Intervention allemal angebracht gewesen, denn gute Argumente, Kampls Handspiel als nicht strafbar zu bewerten, gab es eigentlich nicht. Auch die kurze Entfernung, aus der der Ball kam, konnte keines sein, denn der Leipziger wurde vom Ball nicht überrascht.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.