Collinas Erben

"Collinas Erben" haben Verantwortung Dantes Komödie, Stögers klare Ansage

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Nicht einverstanden, der Herr Dante.

(Foto: imago/foto2press)

Wolfsburg und Köln fangen sich Tore und sind erbost, weil einer ihrer Spieler am Boden liegen bleibt, aber weder der Schiedsrichter noch der Gegner es für erforderlich hält, eine Spielunterbrechung herbeizuführen. Die Aufregung ist unberechtigt.

Folgt man dem offiziellen Regelwerk, dann ist die Sache eigentlich ganz einfach. "Der Schiedsrichter", so steht darin geschrieben, "hat die Partie zu unterbrechen, wenn er einen Spieler für ernsthaft verletzt hält", und sie "weiterlaufen zu lassen, bis der Ball aus dem Spiel ist, wenn er überzeugt ist, dass ein Spieler nur leicht verletzt ist". Das heißt: Es ist - allein - die Aufgabe des Unparteiischen, darüber zu befinden, ob das Spiel vorübergehend gestoppt werden muss, wenn jemand am Boden liegen bleibt, oder ob es zu verantworten ist, mit einer etwaigen Erstversorgung auf dem Platz bis zur nächsten Spielruhe zu warten. In der Praxis ist es manchmal allerdings kein leichter Job für die Referees, so etwas in Bruchteilen von Sekunden während der laufenden Begegnung zu entscheiden, zumal sie meistens keine Ärzte sind und Spieler außerdem oft eine gewisse Kunstfertigkeit entwickeln, wenn es darum geht, eine Verletzung zu simulieren – beispielsweise, weil der Gegner eine gute Torchance herauszuspielen droht oder weil Zeit geschunden werden soll.

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Der Schiedsrichter steht in solchen Situationen bisweilen vor einem Dilemma: Lässt er weiterspielen und entpuppt sich die Verletzung des Spielers anschließend als ernsthaft, zieht er sich den Vorwurf zu, die Gesundheit der Akteure nicht genügend zu schützen. Unterbricht er aber die Partie und der Spieler ist urplötzlich wieder quicklebendig, wirft man ihm vor, auf eine Schauspielerei hereingefallen zu sein. Wohl auch deshalb hat es sich im Laufe der Zeit eingebürgert, dass die Spieler im Sinne des Fair Play häufig selbst für eine Unterbrechung sorgen, indem sie den Ball über die Seitenlinie ins Aus befördern, ihrem Kollegen so eine kurze Behandlung ermöglichen und dem Unparteiischen einen Teil seiner Verantwortung abnehmen. Der Gegner wirft den Ball anschließend wieder zurück und erhält dafür Applaus.

"Sterbender Schwan" als taktisches Mittel

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"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Doch so einfach und harmonisch ist es nicht immer – und immer seltener –, denn "der 'sterbende Schwan' ist längst zum taktischen Mittel geworden", wie Frank Lußem in einem Kommentar für den "Kicker" schreibt. Es sei eine schlichte Strategie: "Um den Gegner moralisch zu zwingen, das Spiel zu unterbrechen, wird eine Verletzung vorgetäuscht. Der Angreifer kickt die Kugel ins Aus und Ruhe ist." Doch weh tue sich eher selten jemand, vielmehr gehe es oft, so Lußem, nur um "die kleine Gaunerei am Rande". So wie am Freitagabend in Leverkusen, als der Wolfsburger Dante im Mittelfeld einen Zweikampf gegen Chicharito verlor und sich anschließend theatralisch am Boden wand, als ob er einem schweren Foul zum Opfer gefallen wäre. Schiedsrichter Felix Brych durchschaute das Manöver und ließ die Partie zu Recht weiterlaufen, die Gastgeber wiederum sahen keinen Grund, den Ball über die Seitenlinie zu kicken. Am Ende des Spielzugs erzielte Chicharito das 2:0 – und die Gäste betrieben erheblich mehr Aufwand beim Protestieren als zuvor bei der Störung des Leverkusener Angriffs.

Eine vergleichbare Situation ereignete sich am Sonntagabend im Spiel zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und dem 1. FC Köln. Es lief bereits die Schlussminute, als der eingewechselte Kölner Lukas Klünter beim Stand von 1:0 für seine Farben den Ball in einem Zweikampf mit Eduardo Vargas verlor, anschließend zu Boden ging und sich den Oberschenkel hielt. Referee Deniz Aytekin ließ weiterspielen – was völlig vertretbar war –, und weder ihm noch den Hoffenheimern schien Klünters Verletzung so schwerwiegend, dass die Herbeiführung einer Spielunterbrechung vonnöten gewesen wäre. Wenige Augenblicke später erzielte Kevin Volland den Ausgleichstreffer und ähnlich wie die Wolfsburger waren auch die Kölner daraufhin kaum zu beruhigen. Ihr Geschäftsführer Jörg Schmadtke, der am Spielfeldrand erregt seinen Kaugummi auf den gegnerischen Trainer Julian Nagelsmann geworfen hatte, fand sogar, nach den Ereignissen in Leverkusen und Hoffenheim sei "in der Liga der Fair-Play-Gedanke beerdigt" worden.

Der Kölner Trainer Peter Stöger sagte nach dem Schlusspfiff: "Damit ist klar, dass ich das meinen Jungs und auch dem Gegner vor dem Spiel sagen werde: Wir werden die Bälle nicht mehr ins Aus spielen. Der Einzige, der das Spiel unterbricht, ist eben dann der Schiedsrichter." Ein Vorschlag, dem auch Frank Lußem vom "Kicker" etwas abgewinnen kann: "Lasst den Schiedsrichter entscheiden, wann unterbrochen wird. In den weitaus meisten Fällen sind die Unparteiischen in der Lage, das Geschehen zu beurteilen. Und in den weitaus wenigsten Fällen war einer der Spieler, der jammernd am Boden lag, tatsächlich verletzt. So wurden unzählige Konter unterbunden oder Kombinationen zerstört." Tatsächlich scheint es sinnvoll, die Praxis wieder stärker dem Regeltext anzunähern. Dann ist die Verantwortlichkeit zumindest klar geregelt, auch wenn man es bedauern mag, dass die Spieler nicht zu einer Selbstregulierung des Fair Play in der Lage sind.

Glänzende Vorteilsauslegung in Mainz und Dortmund

Nicht nur Felix Brych und Deniz Aytekin sorgten mit ihren konsequenten Entscheidungen dafür, dass dieser 28. Bundesliga-Spieltag für die Referees ein guter war. Auch andernorts wussten die Unparteiischen zu überzeugen, vor allem bei der Anwendung der Vorteilsbestimmung. "Der Schiedsrichter hat von einer Spielunterbrechung abzusehen, wenn dies von Vorteil für dasjenige Team ist, gegen das sich das Vergehen richtete", heißt es lapidar in der Regel 5 (Der Schiedsrichter). Das bedeutet: Wenn eine Mannschaft, deren Spieler gefoult wird, trotz dieses Vergehens den Ball behaupten kann und daraus eine Situation resultiert, die mehr Erfolg verspricht als ein Freistoß, soll der Referee die Partie laufen lassen. Dabei ist sogar eine Sicherung im Regelwerk eingebaut: Stellt sich dieser Vorteil nicht innerhalb weniger Sekunden nach dem Vergehen ein, kann – und soll – der Schiedsrichter doch noch pfeifen.

Am Samstag wurde die Vorteilsregelung in gleich drei Fällen derart vorbildlich angewandt, dass daraus jeweils ein Tor resultierte: Zum einen in Mainz, wo Schiedsrichter Patrick Ittrich nach neun Minuten sehr gut erkannte, dass sich den Gästen aus Augsburg trotz eines Fouls an Alfred Finnbogason kurz vor der Strafraumgrenze eine sehr gute Torchance bieten würde. Caiuby schloss den Angriff mit dem Führungstreffer für den FCA ab, der am Ende jedoch mit 2:4 verlor. Zum anderen in Dortmund, wo Tobias Welz gleich zweimal den richtigen Riecher hatte: Vor dem 1:0 für die Hausherren räumte der Bremer Alejandro Galvez rücksichtslos Marco Reus ab und vermochte den Dortmunder Konter, der schließlich in den Führungstreffer mündete, dennoch nicht zu verhindern. Und als Bremen das Spiel zwischenzeitlich drehte, verzichtete Welz trotz des Fahnenzeichens seines Assistenten auf einen Pfiff, weil er sah, dass sich Levin Öztunali ungeachtet des Fouls von Sven Bender durchsetzen und das 1:2 vorbereiten konnte.

Daniel Siebert, der am Samstag beim Spiel des FC Ingolstadt gegen Schalke 04 (3:0) eine gute Leistung zeigte, darf sich derweil auf eine ganz besondere internationale Herausforderung freuen: Der 31-jährige Berliner Schiedsrichter, der seit Januar 2015 auf der Fifa-Liste steht, wurde mit der Leitung des Endspiels in der UEFA Youth League beauftragt. Wer an diesem Finale teilnimmt, das am 18. April in Nyon stattfindet, steht allerdings noch nicht fest. Die Halbfinalspiele finden drei Tage zuvor statt, dabei trifft der FC Chelsea auf den RSC Anderlecht und Real Madrid auf Paris St. Germain. Doch ganz gleich, wer das Endspiel erreicht: Für den jungen deutschen Referee wird die Partie in jedem Fall ein weiterer Karrierehöhepunkt sein.

Quelle: n-tv.de

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