Collinas Erben

"Collinas Erben" starten zufrieden Donner, Diskussionen, aber Daumen hoch

IMG_ALT
856d06c0e244b161aa68e67468e16822.jpg

Klare Anweisung der Stadionregie.

(Foto: dpa)

ALT Jetzt anhören

Nach einer durchwachsenen Saison haben sich die Bundesliga-Schiedsrichter viel vorgenommen. Der Start war vielversprechend, trotz großer Hitze. Eine echte Neuerung wird derweil erst einmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit getestet.

Die zweite Hälfte der Bundesligapartie zwischen dem 1. FC Köln und dem SV Darmstadt 98 war noch nicht einmal elf Minuten alt, da schickte Schiedsrichter Patrick Ittrich die 22 Spieler schon wieder in ihre Kabinen, die sie kurz zuvor erst verlassen hatten. Denn als die Gäste gerade am eigenen Strafraum einen Freistoß ausführen wollten, blitzte und donnerte es über dem Stadion in der Domstadt so gewaltig, dass der Unparteiische das einzig Richtige tat und das Spiel sofort unterbrach. Zwölfeinhalb Minuten dauerte diese außerplanmäßige Pause, dann pfiff Ittrich die Begegnung wieder an – wobei er sich zuvor in den Katakomben gewiss belastbare Informationen darüber eingeholt hatte, wann ein gefahrloses Weiterspielen möglich sein würde. Der Laune der Zuschauer tat die Auszeit übrigens keinen Abbruch – sie vertrieben sich die Zeit, wie in Köln ganzjährig üblich, mit dem gemeinsamen Singen von Karnevalsliedern.

Collinas-Erben.jpg

Nach dem Abzug des Gewitters und der Wiederaufnahme des Spiels dauerte es allerdings nicht lange, da gingen daumendicke Hagelkörner auf den Rasen hernieder. Eine weitere Gefahr für die Akteure und ein Grund für eine erneute mehrminütige Unterbrechung? Nein, meinte der unwettererprobte Referee aus Hamburg – im Hauptberuf Polizist –, nachdem er einige Hagelkörner in Augenschein genommen und sie auf ihre Konsistenz hin überprüft hatte. Ein Entschluss, der von allen Beteiligten klaglos akzeptiert wurde. Auf allgemeine Zustimmung stieß auch die Entscheidung, an diesem brütend heißen Wochenende in fast allen Stadien einmal pro Spielhälfte eine rund zweiminütige Trinkpause einzulegen. Die dadurch verloren gegangene Spielzeit wurde dann einfach am Ende der jeweiligen Halbzeit nachgespielt.

Während die Möglichkeit einer kurzen Spielunterbrechung zwecks Abkühlung bei großer Hitze schon seit einigen Jahren gegeben ist, mussten die Bundesliga-Schiedsrichter nicht weniger als 95 Regeländerungen verinnerlichen, die zu dieser Saison in Kraft traten. Die meisten davon sind allerdings moderat und dürften vergleichsweise einfach umzusetzen sein, viele werden zudem nur selten eine Rolle spielen – etwa die Neuerung, dass ein unerlaubtes Betreten des Feldes und ein anschließender Spieleingriff durch einen Mannschaftsoffiziellen nun einen direkten Freistoß, im Strafraum sogar einen Strafstoß nach sich zieht (und nicht mehr wie früher lediglich einen Schiedsrichter-Ball). Am ersten Spieltag der Saison 2016/17 geschah in regeltechnischer Hinsicht jedenfalls nicht viel Ungewohntes – und dass der Anstoß nun auch nach hinten ausgeführt werden darf, kannte man ja bereits von der Europameisterschaft in Frankreich.

Erste Testphase für den Videobeweis

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Eine echte Neuerung vollzieht sich derweil vorläufig unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Die erste Testphase beim Videobeweis hat begonnen. An jedem Spieltag kommen jetzt jeweils drei Bundesliga-Referees in einem Studio in Köln zusammen, begleitet von Hellmut Krug, dem Schiedsrichter-Manager der DFL. Jeder dieser drei Unparteiischen wird sich ein Bundesligaspiel anschauen, dabei die Rolle des Video-Assistenten einnehmen und auf der Grundlage des zur Verfügung gestellten Fernsehmaterials notieren, in welchen konkreten Situationen eine Kontaktaufnahme mit dem Schiedsrichter auf dem Feld sinnvoll oder gar erforderlich wäre. Wohlgemerkt: wäre – denn in der ersten Testphase wird es noch keine Kommunikation mit dem Referee geben. Vielmehr handelt es sich um eine Art Trockenübung, bei der es vor allem darum geht, in aller Ruhe und ungestört Ablaufszenarien zu entwerfen, Erfahrungen zu sammeln und die Schiedsrichter sowie die Video-Assistenten in Sachen Videobeweis zu schulen.

Liegen genügend Ergebnisse vor, wird entschieden, "ob man in die zweite Testphase gehen kann" – bei der es eine direkte Verbindung zwischen Referee und Video-Assistent geben wird – "oder ob weitere Tests durchgeführt werden müssen", wie Lutz Michael Fröhlich, der neue Vorsitzende der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite, im Interview mit dem "Kicker" sagte. Läuft alles nach Plan, dann wird diese zweite Testphase zum Bundesligastart in einem Jahr beginnen. "Wir versprechen uns durch den Video-Assistenten bei der Aufklärung von Wahrnehmungsdefiziten eine qualitative Verbesserung der Entscheidungen", hofft der frühere Fifa-Referee. Klar ist schon jetzt: Überprüfbar werden nur Torerzielungen, Strafstoßentscheidungen, Feldverweise und mögliche Spielerverwechslungen bei Gelben und Roten Karten sein. Das letzte Wort wird dabei in jedem Fall der Schiedsrichter haben.

Wenig Probleme zum Saisonstart

Den Unparteiischen gelang einstweilen auch ohne die Videotechnik der Start in die neue Bundesligasaison. Christian Dingert etwa hatte mit dem einseitigen Auftaktspiel am Freitagabend zwischen dem FC Bayern und Werder Bremen keinerlei Mühe, leitete die Partie so unauffällig wie souverän und traf fast immer die richtige Entscheidung – auch beim Strafstoß für den Rekordmeister, der verhängt wurde, als Maximilian Eggestein ohne jede Not im eigenen Strafraum den Münchner Rafinha an der Schulter festhielt. Tobias Stieler brachte die intensive Partie zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und Aufsteiger RB Leipzig ebenfalls sehr sicher über die Runden und lag – auch wenn die Gäste das anders sahen – völlig richtig damit, die Nachspielzeit nicht für die Ausführung eines Eckstoßes zu verlängern (zumal sich die Leipziger unmittelbar davor bei einem Einwurf sehr viel Zeit gelassen hatten).

Beim Spiel der Frankfurter Eintracht gegen den FC Schalke 04 sah Schiedsrichter Wolfgang Stark unterdessen nach einer Viertelstunde etwas unglücklich aus, als er sich mit seinem Assistenten erst sehr spät darauf verständigte, dass der Ball vor dem vermeintlichen 2:0 für die Gastgeber durch Mijat Gacinovic die Seitenlinie überschritten hatte. Warum diese eigentlich recht eindeutige Entscheidung mit solcher Verzögerung getroffen wurde, blieb unergründlich. Ansonsten jedoch überzeugte der langjährige Fifa-Referee in seiner letzten Saison mit einem konzentrierten Auftritt und lag auch in wichtigen Situationen wie beim Abseitstor des Schalker Stürmers Klaas-Jan Huntelaar in der 30. Minute und beim Platzverweis gegen den Frankfurter Verteidiger Michael Hector wegen einer "Notbremse" nach 79 Minuten goldrichtig.

Die Entscheidung von EM-Schiedsrichter Felix Brych, die Ausführung des Freistoßes unmittelbar vor dem Mönchengladbacher 1:0 gegen Bayer 04 Leverkusen unbeanstandet zu lassen, sorgte derweil für Diskussionen. Nicht auf dem Platz, wohlgemerkt, wo niemand ein Problem damit hatte, dafür aber in den Medien. Der Ball habe noch nicht geruht, als Christoph Kramer den Freistoß trat, argumentierte etwa das "Sportstudio" des ZDF. Beim Bezahlsender "Sky" hingegen sagte der frühere Bundesliga-Referee Peter Gagelmann, das Spielgerät sei Sekundenbruchteile vor der Spielfortsetzung zum Stillstand gekommen. Eindeutig auflösen ließ sich die Szene nicht, doch selbst aufseiten der Leverkusener, die das Spiel verloren, hielt sich nach dem Schlusspfiff kein Mensch mit ihr auf. Die hauchzarte, mit menschlichem Auge kaum zu erkennende Abseitsstellung des Gladbacher Siegtorschützen Lars Stindl in der 85. Minute mochte ebenfalls niemand zum Thema machen.

Und so konnten die Unparteiischen mit ihrem Auftakt durchaus zufrieden sein. Folgt man ihrem neuen Chef – der in den Interviews einen entschlossenen und motivierten Eindruck machte -, dann besteht eines ihrer Ziele darin, die "Fehler im Bereich der klaren Situationen", die "unglücklicherweise oft auch noch relevant für den Ausgang des Spiels sind", zu verringern. In der vergangenen Saison sei die Zahl der falschen Entscheidungen insgesamt zwar nicht größer gewesen als zuvor, so Lutz Michael Fröhlich, "aber bei den vermeintlichen 'unforced errors' war die Quote höher". Das wolle man nun ändern, unter anderem durch ein stärker auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnittenes Coaching, einen intensiveren Austausch und eine professionellere Betreuung. Nimmt man den Start in die Saison zum Maßstab, dann könnte dieses Vorhaben tatsächlich gelingen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema