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Tobias Stieler fordert den Videobeweis an - und zieht seine Entscheidung anschließend zurück.
Tobias Stieler fordert den Videobeweis an - und zieht seine Entscheidung anschließend zurück.(Foto: dpa)
Montag, 25. September 2017

Collinas Erben für Transparenz: Schiedsrichter, auf zum Monitor!

Von Alex Feuerherdt

Der Video-Assistent ist unsichtbar - offenbar ein Problem für Fußballer und Fans. Denn beim Spiel in Mainz bekommt der Unparteiische für seinen Gang in die Review Area Lob. Der Nachweis auf dem Bildschirm sorgt also für mehr Transparenz.

Nach der übermäßigen Aufregung an den vergangenen Wochen ist über den Videobeweis nun am sechsten Spieltag der Fußball-Bundesliga vergleichsweise wenig gesprochen und noch weniger gemeckert worden. Das liegt zum einen daran, dass es diesmal kaum kontroverse Situationen gab, in denen sich der Video-Assistent wahrnehmbar einschaltete. Zum anderen löste Schiedsrichter Tobias Stieler beim 1:0 des 1. FSV Mainz 05 gegen die Berliner Hertha BSC eine heikle Szene im Verbund mit seinem Helfer am Monitor in Köln so geschickt, dass es zur Abwechslung sogar einmal Lob für die zuletzt so oft gescholtene Neuerung gab.

Nach einem Zweikampf im Berliner Strafraum zwischen dem Herthaner Karim Rekik und Yoshinori Muto war der Mainzer zu Boden gegangen. Stieler hatte zunächst weiterspielen lassen, sehr zum Unmut der Gastgeber. In einer Spielunterbrechung kurz danach kontaktierte der Video-Assistent Benjamin Cortus über Funk den Unparteiischen und fragte ihn, ob er eigentlich Rekiks Stoßen gesehen habe. Stieler verneinte und verriet nach der Partie den Grund: Er habe bei diesem Duell "nur auf die Füße geschaut".

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dorthin nämlich, wo sich auch der Ball befand, ein Vergehen mithin am wahrscheinlichsten schien. In diesem Bereich war es tatsächlich zu keinem strafwürdigen Kontakt gekommen. Der Referee beschloss, an den Spielfeldrand zu laufen, um sich dort, in der Review Area, den Oberkörpereinsatz des Berliner Verteidigers selbst noch einmal anzusehen. Das dauerte nur wenige Sekunden, danach zeigte Stieler an: Die Entscheidung wird geändert, es gibt nun doch einen Strafstoß für Mainz. Rekik erhielt zudem für sein Foul die Gelbe Karte. Auch Muto wurde verwarnt, denn der Japaner hatte nach dem Zweikampf die Umrisse eines Fernsehers in die Luft gezeichnet und den Referee so zur Konsultation des Video-Assistenten aufgefordert. Das ist strikt untersagt.

Es war bereits das sechste Mal in dieser Saison, dass ein Elfmeter (erst) nach Inanspruchnahme des Videobeweises verhängt wurde. Aber es war das erste Mal, dass ein Schiedsrichter sich vor der Elfmeterentscheidung selbst am Monitor vergewisserte. Die Maßgabe der DFB-Schiedsrichterkommission lautete bislang, dass die Review Area nur im Ausnahmefall aufzusuchen ist. Denn die Unparteiischen sollen ihren Kollegen in der Kölner Zentrale vertrauen und deren Einschätzungen möglichst folgen, ohne die betreffende Szene noch einmal in Augenschein zu nehmen. Der Review-Prozess geht so schneller vonstatten, das Spiel ist kürzer unterbrochen.

Transparenz vor Schnelligkeit?

Doch zuletzt wurde die Kritik von Spielern, Vereinsverantwortlichen und Fans an Urteilen der Video-Assistenten immer lauter - sowohl bei Korrekturvorschlägen als auch bei Nichteinmischungen. Das hat allem Anschein nach nicht nur etwas mit der vermeintlich uneinheitlichen Regelauslegung zu tun: Vielen ist es offenkundig nicht geheuer, dass da jemand, den sie selbst nicht sehen oder hören können und der deshalb für sie nicht greifbar ist, fernab vom Ort des Geschehens an einem Monitor darüber befindet, was zu geschehen hat. Zwar dürfen die Video-Assistenten gar nicht selbst entscheiden, sie können den Schiedsrichtern nur Empfehlungen geben. Dennoch hat so mancher Fußballfreund anscheinend den Eindruck, dass sie die Unparteiischen auf dem Feld gewissermaßen fernsteuern.

Wenn ein Schiedsrichter sich dagegen noch einmal unter den Augen der Öffentlichkeit selbst überprüft wie Stieler in Mainz, kann er für seine Entscheidung ganz offensichtlich mit mehr Akzeptanz rechnen, als wenn er einem unsichtbaren Dritten unbesehen folgt. "Das ist noch ungerechter als vorher, wo der entscheidende Mann der Schiedsrichter auf dem Platz war und nicht irgendwer vor einem Bildschirm", hatte beispielsweise der Mainzer Stefan Bell unter der Woche noch über die Video-Assistenten geklagt. Nun aber sagte er: "Für die Glaubwürdigkeit des Videobeweises ist es auf jeden Fall besser, dass der Schiedsrichter da zum Bildschirm läuft, als dass er anderthalb Minuten mit dem Finger am Ohr auf dem Platz rumsteht."

Auch Tobias Stieler selbst hält die Option, sich als Unparteiischer eine Szene noch einmal selbst auf dem Bildschirm an der Seitenlinie anzusehen, für "einen guten Weg, um das Ganze ein bisschen transparenter zu machen". Deswegen werde die Review Area "in Zukunft wohl mehr eingebunden". Der 36-Jährige warnte gleichwohl davor, nun bei jeder potenziell strittigen Situation selbst zum Monitor zu eilen, um dort eine Überprüfung vorzunehmen: "Man sollte es nicht überstrapazieren." Zu seiner Elfmeterentscheidung sagte Stieler so knapp wie richtig: "Die Bilder sind klar, es war ein gegnerorientiertes Stoßen, deswegen habe ich Strafstoß gegeben." Pablo De Blasis verwandelte den Elfmeter zum alles entscheidenden 1:0.

Wann der Videobeweis nicht möglich ist

Mehr sehen Stadionbesucher vom Video-Assistenten nicht.
Mehr sehen Stadionbesucher vom Video-Assistenten nicht.(Foto: imago/Jan Huebner)

Bei Eintracht Frankfurt hätten sie es derweil im Spiel bei RB Leipzig ebenfalls gerne gesehen, wenn der Videobeweis eingesetzt worden wäre, nämlich in der 67. Minute. Da köpfte Luka Jovic den Ball nach einem Eckstoß Jonathan de Guzmans ins Tor der Gastgeber. Doch der Schiedsrichter-Assistent hatte die Fahne gehoben, weil er - anders als die Frankfurter - der Überzeugung war, dass der Ball bei der Hereingabe die Torlinie in der Luft vollständig überschritten hatte. Der Unparteiische Benjamin Brand hatte daraufhin gepfiffen. Erst danach landete die Kugel im Leipziger Gehäuse. Anders als vor Wochenfrist in der Partie zwischen dem BVB und dem 1. FC Köln - in der der Schiedsrichter einen annullierten Treffer der Hausherren auf Empfehlung des Video-Assistenten doch noch anerkannte, obwohl das Spiel im Moment der Torerzielung durch einen Pfiff bereits unterbrochen war - verhielten sich der Referee und der Video-Assistent in Leipzig regelgerecht.

Deshalb kam der Videobeweis auch nicht in Betracht. Sein Einsatz wäre nur möglich gewesen, wenn der Pfiff erst nach Jovics Tor erfolgt wäre. Dann hätte sich mithilfe der Bilder in Köln überprüfen lassen können, ob der Ball nach dem Eckstoß tatsächlich im Toraus war. So aber lag keine reviewfähige Spielsituation vor.

Gleiches gilt für das Tor zum 2:0, das die TSG Hoffenheim in der Nachspielzeit gegen Schalke 04 erzielte. Der Angriff, der zu diesem Treffer führte, hatte mit einem Einwurf der Hausherren begonnen, der eigentlich den Gästen zugestanden hätte. Doch die Richtigkeit einer Spielfortsetzung gehört nicht zu den Dingen, die ein Video-Assistent überprüfen darf. Weder führt ein womöglich zu Unrecht gegebener Freistoß, aus dem ein Tor fällt, zu einer Überprüfung, noch ist das bei zweifelhaften Abstößen, Eckstößen oder eben Einwürfen mit Torfolge der Fall. Einzig bei Strafstößen wird ein Check vorgenommen - vor der Ausführung, wohlgemerkt. Denn wenn das Spiel einmal mit Zustimmung des Schiedsrichters fortgesetzt ist, kann die Entscheidung, die zu der Spielfortsetzung führte, nicht mehr geändert werden. Und deshalb war auch der späte Hoffenheimer Treffer sakrosankt.

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Quelle: n-tv.de