Collinas Erben

"Collinas Erben" atmen auf Streich lobt den Schiri, Schmidt ohne Eklat

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Unglückliches Timing: Werders Theodor Gebre Selassie verursachte einen Elfmeter gegen Darmstadt 98.

(Foto: picture alliance / dpa)

In Darmstadt zeigt sich, dass ein Foulelfmeter auch berechtigt sein kann, wenn ihm gar keine Absicht zugrundeliegt. In Freiburg glänzt der Schiedsrichter mit der Vorteilsregel und leidet dennoch. In Leverkusen gibt's diesmal keinen Trainer-Eklat.

Als Schiedsrichter Jochen Drees in der 17. Minute des Spiels zwischen Darmstadt 98 und Werder Bremen (2:2) nach kurzem Zögern auf Strafstoß für die Hausherren entschied, verstanden die Gäste die Welt nicht mehr. Insbesondere Theodor Gebre Selassie, der den Elfmeterpfiff verursacht hatte, aber auch Werder-Kapitän Clemens Fritz beklagten sich wort- und gestenreich beim Unparteiischen. Es war unschwer zu erkennen, welches Argument sie für ihren Protest geltend machten: Der Bremer Verteidiger habe den in seinem Rücken befindlichen Gegenspieler Jérôme Gondorf ja nicht einmal richtig gesehen und sei mithin auch nicht für den Sturz des Darmstädters verantwortlich zu machen – so oder so ähnlich wird die Begründung für den Einspruch gelautet haben.

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Tatsächlich war die Situation, die zur Strafstoßentscheidung führte, einigermaßen kurios: Bei einem weiten und hohen Ball in den Bremer Strafraum verschätzte sich Gebre Selassie erheblich und verlor in der Rückwärtsbewegung außerdem das Gleichgewicht. Dabei traf er den hinter ihm laufenden, besser positionierten Darmstädter Gondorf am Fuß, woraufhin der Darmstädter ebenfalls zu Boden ging. Dass hier keine Absicht vorlag, war offensichtlich – zumal der tschechische Nationalspieler in Diensten der Norddeutschen allenfalls erahnen konnte, wo sich sein Gegenspieler befindet.

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Trotzdem lag Referee Drees mit seinem Pfiff völlig richtig. Denn die Frage der Absicht spielt bei der Beurteilung, ob ein Foul vorliegt, keine Rolle. Wesentlich ist vielmehr, ob der mutmaßliche Verstoß zu den in der Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen) genannten Vergehen gehört, die einen direkten Freistoß – und im Strafraum zwangsläufig einen Strafstoß – nach sich ziehen.

Dazu zählen: Rempeln, Anspringen, Treten, Stoßen, Schlagen, Beinstellen, das Tackling und der Angriff sowie Halten, Spucken, Sperren (mit Körperkontakt) und das absichtliche Handspiel. Bei den acht zuerst genannten Vergehen ist es zudem von Bedeutung, ob ihnen Fahrlässigkeit, Rücksichtslosigkeit oder gar Brutalität zugrundeliegt. Rücksichtslose Fouls führen zu einer Verwarnung, brutale zu einem Platzverweis.

Fahrlässig begangene Fouls dagegen ziehen keine Karte nach sich, führen aber dennoch je nach Tatort zu einem Frei- oder Strafstoß. Das Regelwerk definiert sie als Vergehen, die daraus resultieren, dass "ein Spieler unachtsam, unbesonnen oder unvorsichtig in einen Zweikampf geht". So wie Theodor Gebre Selassie am Samstag in Darmstadt: Sein Timing und sein Positionsspiel waren nicht gut, dadurch kam er beim Versuch, Jérôme Gondorf nicht enteilen zu lassen, ins Stolpern, was wiederum dazu führte, dass der Darmstädter zu Fall kam. Mit dem Begriff Unachtsamkeit ist das wohl ganz treffend charakterisiert. Und deshalb hatte Schiedsrichter Jochen Drees letztlich keine andere Wahl, als auf den Elfmeterpunkt zu zeigen.

Abraham kommt ungestraft davon

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Vieles richtig gemacht: Für Schiedsrichter Marco Fritz gab's nach Abpfiff Lob von Freiburgs Coach Christian Streich.

(Foto: picture alliance / dpa)

Sein Kollege Marco Fritz dagegen hatte in der vierten Minute der Partie zwischen dem SC Freiburg und Eintracht Frankfurt (1:0), als der Frankfurter Jesus Vallejo den Freiburger Stürmer Maximilian Philipp heftig foulte, durchaus eine Wahl – nämlich zwischen einem Freistoßpfiff für die Gastgeber oder der Anwendung der Vorteilsbestimmung. Der Unparteiische entschied sich für Letzteres und bewies damit ein exzellentes Auge. Denn aus dieser Situation resultierte wenige Sekunden später das frühe Führungstor für die Breisgauer. Anschließend bekam Vallejo für sein rüdes Einsteigen noch nachträglich die Gelbe Karte – zu Recht, schließlich wurde seine Rücksichtslosigkeit durch die Torerzielung ja nicht ungeschehen gemacht. Besser und taktisch klüger kann man in einer solchen Situation als Schiedsrichter nicht agieren.

Im weiteren Verlauf dieses allerdings auch sehr schweren Spiels hatte der Referee jedoch nicht immer einen solch glänzenden Durchblick. In der 67. Minute beispielsweise fehlte er ihm, als es in der immer hitziger werdenden Begegnung nach einer rabiaten Grätsche des Frankfurters Omar Mascarell gegen Amir Abrashi und dessen leichter Revanche zu einer wilden Rudelbildung kam, bei der gleich eine ganze Reihe von Spielern hüben wie drüben aneinandergeriet. Dabei patschte der Gästespieler David Abraham dem Freiburger Torschützen Vincenzo Grifo mit der Hand ins Gesicht, was Marco Fritz jedoch trotz guter Positionierung offenkundig entging – ansonsten wäre eine Rote Karte fällig gewesen. So aber blieb es bei den – korrekten – Verwarnungen gegen Mascarell und Abrashi.

Der Unparteiische hatte durch die harte Gangart der Spieler und die emotionale Reaktion des Freiburger Publikums auf viele seiner Entscheidungen eine ausgesprochen unangenehme Aufgabe zu lösen. Hinzu kam, dass mit Christian Streich und Niko Kovac zwei Trainer an der Seitenlinie standen, die nicht unbedingt zu den pflegeleichten Exemplaren ihrer Zunft gehören. Der Freiburger Coach nahm den Referee gleichwohl in Schutz. "Am Ende sind alle vom Platz gegangen, ohne Rote Karten", sagte er auf der Pressekonferenz. "Ich persönlich hätte auch keine gebraucht, weder für Frankfurt noch für Freiburg. Aber das war heute extrem schwierig. Entscheidende Fehler sind dem Schiedsrichter nicht passiert. Er hat vielleicht nicht alles richtig gemacht, aber er hat die Ruhe bewahrt. Hier sind nicht gleich die Leute vom Platz marschiert, nur weil es ein bisschen gefunkt hat. Und dafür muss ich ihm ein Lob aussprechen."

Diesmal kein Trainer-Eklat in Leverkusen

Ein Kompliment verdiente sich auch Manuel Gräfe für seine gewohnt unaufgeregte Leitung des Spitzenspiels Bayer 04 Leverkusen – Borussia Dortmund (2:0). Von der phasenweise beträchtlichen Hektik in der Partie ließ sich der Schiedsrichter aus Berlin nie anstecken, immer wieder versuchte er, seine Ruhe auf die Akteure zu übertragen. Darüber hinaus lag er in den entscheidenden Situationen richtig: Beim Führungstreffer der Gastgeber nach zehn Minuten hatte Julian Weigl das entscheidende Kopfballduell nicht etwa wegen eines Fouls des Torschützen Admir Mehmedi verloren, sondern weil er einfach ausgerutscht war.

Und als Ömer Toprak in der 40. Minute ganz leicht die Hand gegen den vor dem Leverkusener Tor hochspringenden Sokratis zu Hilfe nahm, lag keine Behinderung vor, die man zwingend mit einem Elfmeter hätte sühnen müssen. Dass Gräfe weiterspielen ließ, war jedenfalls vertretbar. Einzig bei Charles Aránguiz war der Referee womöglich ein bisschen zu großzügig: Der Chilene hätte schon nach fünf Minuten für ein Foul an Sebastian Rode die Gelbe Karte sehen können und durfte sich, inzwischen verwarnt, Mitte der zweiten Hälfte glücklich schätzen, nach einem weiteren rustikalen Einsatz nicht mit Gelb-Rot den Platz verlassen zu müssen.

Dass der Unparteiische Hakan Calhanoglu für dessen Grätsche gegen Lukasz Piszczek kurz vor Schluss nur Gelb statt Rot zeigte, war dagegen völlig korrekt. Insgesamt leitete Manuel Gräfe die Begegnung konsequent und souverän. Und anders als beim letzten Aufeinandertreffen dieser beiden Mannschaften war Roger Schmidt diesmal auch vergleichsweise brav gegenüber dem Schiedsrichter. Im Februar hatte er noch für einen Eklat gesorgt, als er sich zunächst weigerte, dem Tribünenverweis durch Gräfes Kollegen Felix Zwayer Folge zu leisten, und das Match deshalb kurz vor dem Abbruch stand. Derartige Zerwürfnisse blieben diesmal aus.

Quelle: n-tv.de

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