Collinas Erben

"Collinas Erben" schützen Kramer Wieso der DFB erlaubt, was die Uefa verbietet

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Erst Hand, dann Tor und trotzdem regulär: Christoph Kramers Treffer hätte international vermutlich nicht gezählt.

imago/Team 2

Darf ein Tor zählen, wenn der Torschütze den Ball vorher mit der Hand berührt hat? Nein, meinen viele Experten. Das Regelwerk dagegen sagt: Ja, sofern das Handspiel unabsichtlich geschehen ist. International ist die Auslegung aber anders.

Christoph Kramer ist das, was man eine ehrliche Haut nennen könnte. Der 27-jährige Nationalspieler versteckt sich in Interviews meist nicht hinter den branchenüblichen Phrasen, sondern äußert sich sympathisch offen und direkt. Deshalb durfte man ihm auch glauben, als er am Freitagabend nach dem Spiel seiner Borussia aus Mönchengladbach bei der Borussia aus Dortmund (1:2), angesprochen auf sein umstrittenes Tor zum zwischenzeitlichen Ausgleich kurz vor der Halbzeitpause, zu Protokoll gab: "Ich habe den Ball irgendwie an die Hand bekommen. Das habe ich Herrn Zwayer auch gesagt. Er hört und sieht es ja sowieso, da kann ich es ihm auch sagen." Felix Zwayer war der Schiedsrichter der Partie und gab den Treffer, was nach Kramers Einschätzung die richtige Entscheidung war: "Das war nicht Absicht und nicht unnatürlich."

Deshalb habe er gegenüber dem Unparteiischen auch argumentiert: "Das können Sie wirklich nicht abpfeifen, weil mehr Unglück oder Pech, dass einem der Ball an die Hand gesprungen ist, geht wirklich nicht." Beim BVB sah man die Dinge etwas anders. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke etwa meinte: "Das Tor von Gladbach - dann müssen wir Hand einfach abschaffen. Dann lassen wir das alles weiterlaufen. Ein klareres Handspiel habe ich noch nie gesehen. Du köpfst dir selbst an die Hand und verschaffst dir so einen krassen Vorteil, das hat mich ein bisschen aufgeregt." Matthias Sammer, als Experte für den Fernsehsender Eurosport tätig und gleichzeitig Berater von Borussia Dortmund, sah es genauso: "Wenn das keine Hand ist, ist das Wahnsinn. Damit verschafft er sich einen klaren Vorteil. Ich glaube, dass es grundsätzlich unabsichtlich war. Aber wenn du so köpfst, ist das unnatürlich. Die Regel macht so keinen Sinn."

Auch der ZDF-Experte und frühere Nationaltorwart Oliver Kahn führte als Hauptargument für seine Ansicht, dass das Tor nicht hätte zählen dürfen, ins Feld, dass Kramer sich "einen Vorteil verschafft" habe. Das allerdings spielt laut den Fußballregeln keine Rolle. Der Schiedsrichter hat ausschließlich zu beurteilen, ob ein Handspiel im regeltechnischen Sinne absichtlich erfolgt ist. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein Spieler eine Hand oder einen Arm zum Ball führt, wenn seine Armhaltung im Moment des Ballkontakts unnatürlich, also nicht fußballtypisch ist oder wenn er den Ball mit einem Arm aufhält, der vom Körper weggestreckt ist. Stuft der Unparteiische ein Handspiel dagegen als nach den Regeln unabsichtlich ein, dann soll er es nicht ahnden - auch dann nicht, wenn der betreffende Spieler davon einen Vorteil hat, wie es etwa bei einer Torerzielung der Fall ist.

Das Ifab befindet im März über eine Regeländerung

Weil das immer mal wieder für Kritik sorgt und viele unzufrieden zurücklässt, erwägen die obersten Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) eine Regeländerung. Auf ihrem jährlichen "Business Meeting" haben sie Ende November in Glasgow die Idee besprochen, die Handspielregelung zu reformieren. Überlegt wird, den Begriff der Absicht aus dem Regeltext zu tilgen, um ihn durch "eine präzisere und detailliertere Beschreibung der verschiedenen Arten von Handspielvergehen" zu ersetzen, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Explizit erwähnt wird in diesem Zusammenhang der Vorschlag, auch unabsichtliche Handspiele zu ahnden, sofern aus ihnen ein Tor oder eine offensichtliche Torchance resultiert. Spruchreif ist dieser Plan allerdings noch nicht, das Ifab wird erst am 2. März 2019 auf seiner Jahresversammlung bekanntgeben, ob es zu einer Änderung kommt, die dann zur Saison 2019/20 in Kraft treten würde.

Sollte das der Fall sein, müsste ein Tor wie das von Christoph Kramer künftig annulliert werden. Bis dahin lässt sich leidenschaftlich darüber streiten, ob es regulär war oder nicht. Der Mönchengladbacher hatte sich den Ball wenige Meter vor dem Tor des BVB nach einer Hereingabe seines Mitspielers Denis Zakaria selbst an die Arme geköpft. Von dort gelangte die Kugel an den Unterarm des Dortmunders Axel Witsel, bevor sie zu Kramer zurückkam, der sie zum 1:1 im Gehäuse der Westfalen versenkte. Referee Zwayer gab den Treffer. Ein kurzes Gespräch mit seinem Video-Assistenten Daniel Siebert in Köln führte zu keiner anderen Entscheidung, zu einem On-Field-Review kam es nicht. Das bedeutet: Der Schiedsrichter hatte den Ablauf der Szene vollständig wahrgenommen und das Handspiel als nicht strafbar bewertet, der Video-Assistent darin keinen klaren und offensichtlichen Fehler erkannt.

International ist die Auslegung anders

Das war vertretbar. Denn die Arme zum Schwungholen nach vorne zu strecken, ist weder ungewöhnlich noch unnatürlich. Dass Kramer sich gezielt selbst anköpfen wollte, um so den Ball zu stoppen und ihn unter Kontrolle zu bringen, kann man ausschließen - sein Ziel war es erkennbar, die Kugel direkt auf den Kasten der Dortmunder zu befördern. Der Kopfball war lediglich schlecht ausgeführt, weil Kramers Haltung nicht den Lehrbüchern entsprach, das ist aber nicht strafbar. Gerade beim Betrachten der Szene in Realgeschwindigkeit wird deutlich, dass das Handspiel unbeabsichtigt war. Die Zeitlupe ist in solchen Situationen nur bedingt zu gebrauchen, weil sie Aktionen durch die extreme Verlangsamung generell bewusster aussehen lässt, als sie es eigentlich waren. Hinzu kommt: Wer sich den Ball mit Schwung selbst gegen den Arm köpft, tut das im Normalfall nicht, um ihn besser kontrollieren zu können, schon weil sich dieses Ergebnis kaum gezielt herbeiführen lässt.

Dennoch ist es auf internationaler Ebene schon seit einer Weile gang und gäbe, Tore grundsätzlich zu annullieren, wenn zuvor die Hand im Spiel war, und sei es noch so unabsichtlich. Deshalb wurde beispielsweise im Juni 2015 einem Treffer von Neymar im Finale der Champions League zwischen dem FC Barcelona und Juventus Turin (3:1) vom Unparteiischen die Anerkennung versagt, nachdem sich der Brasilianer den Ball erkennbar ungewollt selbst an den Arm geköpft hatte, von wo er schließlich ins Tor sprang. Diese Regelauslegung, die den zu erwartenden Beschluss des Ifab gewissermaßen vorwegnimmt, ist in der Bundesliga nicht üblich. Dort beurteilen die Schiedsrichter in jedem Einzelfall, ob ein Handspiel im Zuge einer Torerzielung die regeltechnischen Kriterien der Absicht erfüllt oder nicht. Hans-Joachim Watzke, Matthias Sammer, Oliver Kahn und all die anderen, die glauben oder gar überzeugt sind, dass ein Handspiel immer dann zu ahnden ist, wenn ein Spieler daraus einen Vorteil zieht, müssen sich also noch ein wenig gedulden.

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Quelle: n-tv.de

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