Kösters Direktabnahme

Köster über Werksklub-Krisen Die Wolfsburger Krise heißt Klaus Allofs

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Klaus Allofs und der VfL Wolfsburg stecken tief in der Krise.

(Foto: imago/Nordphoto)

Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg sind in der sportlichen Krise. Doch während sich die Rheinländer schnell wieder berappeln werden, sind die Wolfsburger Perspektiven düster. Das liegt vor allem an Geschäftsführer Klaus Allofs.

Da hat Roger Schmidt nochmal Glück gehabt. Das reichlich glücklich zustande gekommene 2:1 beim VfL Wolfsburg sorgte dafür, dass Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler zu ihm in die Loge gestiefelt kam, um ihm freudig zu gratulieren, anstatt sich mit den Vereinsgremien zur Krisensitzung beim Fußball-Bundesligisten zu treffen. Dass das Spiel in Niedersachsen in den Medien zu einer Art Schicksalsspiel für den Bayer-Coach hochstilisiert worden war, ist eine der erstaunlichsten Volten der bisherigen Bundesliga-Saison. Sicher, Roger Schmidt hat sich das Leben in letzter Zeit nicht gerade einfach gemacht. Das maue Abschneiden in der Liga, die oft naiven Auftritte in der Champions League, die Pöbeleien am Spielfeldrand und zuletzt auch noch das peinliche Pokalaus in Lotte - es kam einiges zusammen.

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Und doch war erstaunlich, dass sich sogar Rudi Völler mit Kritik am Coach zu Wort meldete - der loyale Sportdirektor hatte öffentliche Kritik an seinen Angestellten bisher stets vermieden. Und bei Licht besehen, ist die Leverkusener Lage nicht so fürchterlich dramatisch. In der Bundesliga sind sechs Punkte auf Platz drei bei konstanten Leistungen nicht sonderlich schwer aufzuholen. Und in der Champions League muss die Mannschaft bei Tottenham Hotspur zumindest "nur" remis spielen, besser aber noch gewinnen, um sich die Chance aufs Weiterkommen zu erhalten. Die Aussichten könnten schlechter sein, zumal die Mannschaft in Wolfsburg bewies, dass sie willens und in der Lage ist, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen.

Zur Person: Philipp Köster

Philipp Köster, Jahrgang 1972, ist Chefredakteur und Herausgeber des Fußballmagazins "11 Freunde". In seiner Kolumne "Kösters Direktabnahme" greift er jeden Dienstag für n-tv.de ein aktuelles Thema aus der Welt des Fußballs auf. Zudem ist er seit der Saison 2016/17 Bundesligaexperte von n-tv.

Es sind zudem Perspektiven, von denen sie beim anderen Werksklub, dem VfL Wolfsburg nur träumen. Der VfL ist, Stand November 2016 , eine riesige Geldvernichtungsmaschine. Einer der kostspieligsten Kader der Liga taumelt orientierungslos den Abstiegsrängen entgegen und man kann den Eindruck gewinnen, dass gerade die Leistungsträger der Mannschaft lieber heute als morgen ihre Zelte in Wolfsburg abbrechen würden. Auch hier stellt sich natürlich rasch die Frage nach den Verantwortlichen.

Böser Orientierungsverlust

Und die Antwort führt ganz schnell zum starken Mann in der VfL-Führungsetage, zu Klaus Allofs. Der wurde vor ein paar Jahren geholt, um endlich Struktur und Nachhaltigkeit in die sportliche Planung zu bekommen, nachdem sich zuvor die VfL-Trainer die Klinke in die Hand gegeben hatten. Und zu Beginn leistete Allofs auch durchaus passable Arbeit. Er verpflichtete mit Dieter Hecking einen besonnenen und strukturiert arbeitenden Coach, er bewies wie im Falle Kevin de Bruyne ein Händchen für entwicklungsfähige Spieler (allerdings kannte er den Belgier schon aus gemeinsamen Bremer Zeiten) und reduzierte den Einfluss der VW-Chefs, die sich zuvor gerne mal für die besseren Trainer gehalten hatten.

Dann aber verlor Allofs irgendwann, spätestens nach dem DFB-Pokalsieg vor zwei Jahren, die Orientierung. Er unterschätzte sträflich die kreative Lücke, die der Weggang von de Bruyne ins Wolfsburger Spiel riss. Er überschätzte den als Ersatz verpflichteten Julian Draxler, der seit seinem Amtsantritt in Wolfsburg nur noch eine Karikatur des kreativen und ideenreichen Antreibers aus Schalker Zeiten ist. Und er holte Stürmer wie Mario Gomez, dessen Qualitäten unbestritten sind, der aber ungefähr so gut zum Wolfsburger Spiel passt wie ein bulliger Stoßstürmer ins Tiki Taka.

So steht Allofs vor einem Scherbenhaufen. Vor einem Kader, der falsch zusammengestellt ist, weil er allein nach Namen und nicht nach Strategie komponiert wurde. Vor einer Mannschaft, die aufpassen muss, dass ihr die Saison nicht jetzt schon entgleitet. Vor einem Klub, der angesichts der Turbulenzen im Mutterkonzern nichts mehr bräuchte als ein paar positive Schlagzeilen. Und es deutet wenig darauf hin, dass Klaus Allofs bereit ist, entscheidende Änderungen vorzunehmen. Etwa eine langfristige Strategie zu entwickeln. Und nicht immer nur große Namen verpflichten zu wollen. Wenn also ein Werksklub in der Krise ist, dann der VfL Wolfsburg und nicht Bayer Leverkusen.

Quelle: ntv.de