Fußball-WM 2018

"Ein unbeschreiblicher Schmerz" Argentinien zerfällt, Sampaoli schützt Messi

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Gebeugt und gepeinigt: Lionel Messi und seine Argentinier blamieren sich gegen Kroatien.

REUTERS

Mehr als eine Halbzeit lang spielt Argentinien im WM-Duell mit Kroatien auf Augenhöhe. Dann patzt Torwart Caballero auf skurrile Weise. Trainer Sampaoli nimmt alle Schuld auf sich. Argentinische Medien urteilen scharf.

Beim ersten Gegentor sagt der Kommentator des argentinischen Fernsehsenders, es sei nun keine Zeit, zu lamentieren. Das ganze Land schaue zu, Argentinien müsse sich zusammenreißen. Nach dem zweiten kroatischen Treffer sagt er, er spüre einen Stich ins Herz. Beim dritten, kurz vor Abpfiff, da ist es nur noch Schmerz, "unbeschreiblicher". Vor der Leinwand, irgendwann dazwischen, da findet beim Public Viewing noch einmal die Sehnsucht nach Erfolg ihren Weg. "Maradona muss her", fleht ein Fan verzweifelt. Andere in der Freilichtbühne des Parque Centenario gucken wie versteinert. Manche gehen.

Argentinien - Kroatien 0:3 (0:0)

Argentinien: Willy Caballero - Mercado, Otamendi, Tagliafico - Salvio, Mascherano, Perez, Acuna - Messi, Meza - Aguero  

Kroatien: Subasic - Vrsaljko, Lovren, Vida, Strinic - Rakitic, Brozovic - Rebic, Modric, Perisic - Mandzukic      

Wechsel: Higuain für Aguero (54.), Pavon für Salvio (56.), Dybala für Perez (68.), Kramaric für Rebic (57.), Kovacic für Perisic (82.), Corluka für Mandzzukic (93.)

Tore: 0:1 Rebic (53.), 0:2 Modric (80.), 0:3 Rakitic (90.+1)

Gelbe Karten: Mercado, Otamendi, Acuna - Rebic, Mandzukic, Vrsaljko, Brozovic

Zuschauer: 43.319 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Ravshan Irmatov (Usbekistan)

Diego Maradona sitzt derweil im russischen Nischni Nowgorod und damit tatsächlich viel näher am Rasen und an der argentinischen Mannschaft. In die Partie eingreifen kann der legendäre Fußball-Weltmeister jedoch nur von der Stadiontribüne aus. Dort vollführt er ein Tänzchen und präsentiert stolz Lionel Messis Trikot. Aber Kroatien schießt die Tore. Maradona verzieht das Gesicht und kaut Fingernägel. Schließlich fließen Tränen. Argentinien verliert sein zweites WM-Gruppenspiel 0:3.

Pfiffe gegen den eigenen Torwart

Die erste Halbzeit hatte nicht nur für die akustisch dominierenden Argentinier in Russland, sondern auch für die daheimgebliebenen in Buenos Aires nicht schlecht ausgesehen: Zwar wackelten beide Mannschaften in der Defensive, aber die Albiceleste hatten mehr vom Spiel. Enzo Pérez erlaubte sich gar den Luxus, in der 30. Minute am leeren Tor vorbeizuschießen. Die Fans in Hellblau und Weiß schrien und sprangen auf, doch nur das Netz wackelte. Der Ball lag dahinter.

In der 53. Minute wich der Optimismus dem Unglauben. Kroatien war nach einem skurrilen Fehler in Führung gegangen: Torwart Wilfredo Caballero lupfte den Ball zum gegnerischen Ante Rebic, der ihn volley ins Netz drosch. Der 36-jährige Schlussmann vergrub in Russland sein Gesicht in seinen Handschuhen. Tausende Kilometer entfernt in Buenos Aires wurde er fortan bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen und beschimpft. Die Anwesenden hatten ihren Schuldigen gefunden.

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Wilfredo Caballero fliegt - aber vorbei.

(Foto: REUTERS)

Trainer Jorge Sampaoli sah die entscheidenden Fehler jedoch bei sich selbst und stellte sich vor die Mannschaft. "Ich bin für die Niederlage verantwortlich, ich werde Caballero keine Schuld geben." Caballero ist nicht Argentiniens Stammtorwart, bei seinem Verein FC Chelsea ist er ebenfalls nur Ersatz. Bei der WM steht er zwischen den Pfosten, weil sich Sergio Romero kurz vor Turnierbeginn verletzt hatte.

"Das Wunder ist ausgeblieben"

"Nach dem Missgeschick des ersten Tors war die Partie für uns emotional vorbei", sagte der sichtlich bedrückte Sampaoli. Caballeros Fehler erstickte aber nicht nur die Emotionen der Spieler auf dem Rasen - sondern in Argentinien auch den ohnehin geringen Glauben daran, dass aus dieser Mannschaft noch etwas werden könnte. Exemplarisch schrieb die argentinische Zeitung "Clarín": "Peinlicher Auftritt einer Nationalelf außer Kontrolle. Das Wunder, während des Turniers eine Mannschaft zu finden, ist ausgeblieben." Auch andere argentinische Medien urteilten vernichtend. Und das, obwohl sich die Kroaten meist darauf beschränkt hatte, die Argentinier in der eigenen Hälfte zu empfangen. Es reichte. Die Albiceleste war zwar körperlich leicht überlegen, ihnen fiel aber kaum etwas ein.

Argentiniens Schlüsselspieler sollte wie immer Messi sein. Hatte der jedoch den Ball und wollte in der Mitte durchbrechen, umgab ihn fast immer ein Schwarm von Gegenspielern. Zum Abschluss kam er so nie. Häufig ließ er sich fallen, zuweilen bis vor die eigenen Innenverteidiger, wo er für die Kroaten kaum eine Gefahr war. Sampaoli versuchte, seinen Schlüsselspieler zu entlasten: "Leo wird davon beeinträchtigt, dass wir nicht die Mannschaft finden, die besser zu ihm passt."

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Luka Modric und seine Kroaten dürfen feiern.

(Foto: dpa)

Das ist nicht so einfach vorstellbar bei einer Achse, die den Ausnahmeakteur seit einem Jahrzehnt in der Nationalmannschaft begleitet: Nicolás Otamendi und Javier Mascherano in der Defensive, Ángel di María, Gonzalo Higuaín und Agüero in der Offensive. Bis auf Higuaín hatten beim enttäuschenden ersten Gruppenspiel, dem 1:1 gegen Island, alle begonnen. Gegen Kroatien blieb di María die komplette Partie auf der Bank. Higuaín kam nach dem Rückstand in die Partie. Aber weder er noch zwei folgende Einwechselspieler der jüngeren Generation, Stürmer Cristian Pavón und Paulo Dybala, konnten helfen.

Bittere Wehrlosigkeit

Der am Ende chaotische Auftritt Argentiniens hat womöglich eine Zeitenwende im Team eingeleitet. Neben Messi standen gegen Kroatien sechs weitere Spieler in der Startelf, die mindestens 30 Jahre alt waren. Für viele ist das jetzige Turnier wohl die letzte WM. Wollen sie noch ins Achtelfinale kommen, müssen sie ihr abschließendes Gruppenspiel gegen Nigeria so hoch wie möglich gewinnen. Die Isländer dürfen zugleich nur maximal drei Punkte in ihren noch ausstehenden zwei Partien holen.

Nach der deutlichen Niederlage flüchteten sich die Argentinier in Durchhalteparolen. Als wenige Minuten zuvor Kroatiens Iván Rakitic in der Nachspielzeit den dritten Treffer erzielte, hatte Argentiniens Defensive bereits abgeschaltet. Javier Mascherano und seine Nebenleute versuchten nicht einmal, den Kroaten daran zu hindern, den Ball über die Linie zu schieben. Diese Wehrlosigkeit könnte die Argentinier aus dem Turnier befördern. Falls das Torverhältnis darüber entscheiden sollte, wer ins Achtelfinale einzieht.

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Quelle: n-tv.de

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