Fußball-WM 2018

Lutz Pfannenstiels WM-Bilanz "Deschamps' Frankreich siegt unterkühlt"

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ist Geschichte, Frankreich heißt der neue Champion. Was zeichnet das Team aus? Welche Taktik ist chic? Was kann Deutschland von den Kroaten lernen? Welches Team hat überrascht? Konnte der Videobeweis überzeugen? Der "Welttorhüter" Lutz Pfannenstiel verrät es im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Der neue Fußball-Weltmeister heißt Frankreich. Im Finale gegen Kroatien profitierten die Franzosen von zwei umstrittenen Szenen und erzielten darüber hinaus zwei wunderschöne Tore. Was hat am Ende den Ausschlag für den nun zweifachen Weltmeister gegeben?

Der Welttorhüter

Lutz Pfannenstiel ist der erste Fußballer, der in seiner aktiven Karrieren auf allen sechs Kontinenten gespielt hat: 25 Vereine in 13 Ländern - nachzulesen in "Unhaltbar - Meine Abenteuer als Welttorhüter". Seit seinem Karriereende ist Pfannenstiel als TV-Experte für verschiedene nationale und internationale Sender wie ZDF, SRF, BBC und DAZN tätig gewesen. Er war Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der Fifa. Für Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim verantwortete er mehrere Jahre den Bereich International Relations. Seit Dezember 2018 ist er Sportvorstand beim Traditionsverein und Fußball-Bundesligisten Fortuna Düsseldorf. Pfannenstiel ist Gründer von Global United FC. Er ist bei Twitter, Facebook und Instagram aktiv.

 

Lutz Pfannenstiel: Zunächst: Frankreich hat das Finale in meinen Augen verdient gewonnen. Den Ausschlag hat die körperliche und geistige Frische der Franzosen gegenüber den Kroaten gegeben, die drei Mal Verlängerung und zwei Elfmeterschießen mehr in den Knochen hatten und zudem einen Tag weniger Regeneration nach dem Halbfinale. Das war für die Kroaten der Todesstoß.

Aber die Kroaten sind wie eigentlich immer gelaufen, als wenn es kein Morgen gäbe.

Das stimmt. Dann fällt das frühe 1:0 für Frankreich. Kroatien kämpft sich zurück. Dann fällt noch vor der Pause das 2:1 für Frankreich. Aber Kroatien gibt direkt nach Wiederanpfiff den Ton an. Erst das 3:1 und 4:1 haben für mich dann den Sack zugemacht. Das 4:2 blieb am Ende nur Ergebniskorrektur.

Also ist Frankreich, das unter Coach Didier Deschamps oft unterkühlt wirkte und defensivstark, ein würdiger Weltmeister?

Verdient auf alle Fälle. Unterkühlt auch. Frankreich war die Mannschaft mit der reifsten, der intelligentesten Spielanlage. Die Franzosen haben ihren Stiefel einfach heruntergespielt, gut verteidigt. Aber wenn es darauf angekommen ist, gegen gute Gegner, war die Offensivpower da: vier Tore gegen Argentinien, vier Tore gegen Kroatien. Uruguay hatte keine Chance, Belgien im Endeffekt auch nicht. Über das gesamte Turnier gesehen war Frankreich die beste Mannschaft. Chapeau, France!

Wie beurteilen Sie die Leistung der kroatischen "Mentalitätsmonster"?

106574148.jpg

Luka Modric geht immer voran - und das ohne Starallüren: Der Real-Kicker ist der "Beste Spieler" dieser WM.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kroatien kann man nur den allerhöchsten Respekt zollen! In der Gruppenphase überragend gespielt, funktionierte das in den K.-o.-Runden nicht mehr ganz so reibungslos. Aber da half dann der unbändige Kampfgeist, das Sich-quälen können, nie ein Spiel abzuschenken, immer an sich und die eigenen Qualitäten zu glauben. Eine Mannschaft voller Stars, aber jeder ist für jeden bis zum letzten Tropfen im Tank gelaufen. Eine Supereinstellung, super Kampfgeist, super Mentalität - schon Wahnsinn! Da können sich andere Mannschaften eine Scheibe abschneiden.

Deutschland beispielsweise?

Auch Deutschland! Es hat vom Kollektiv her einfach nicht gestimmt: Es gab eine Gruppe von Weltmeistern und eine Gruppe junger, hungriger Spieler, die 2017 den Confed Cup gewonnen hat, aber bei dieser WM zum Großteil nicht stattfand. Allerdings ist es auch nicht ganz einfach, aus zwei erfolgreichen Mannschaften eine zu basteln. Zudem gab es diesmal auch unheimlich viele Einflüsse von außen - Stichwort Erdogan, Gündogan, Özil. So was ist natürlich auch kontraproduktiv, das kennt man sonst von einer deutschen Mannschaft nicht.

Teilweise wurden regelrechte Untergangsszenarien für den deutschen Fußball entworfen. Teilen Sie diese Auffassung so mancher Experten?

IMG_9390.JPG

Lutz Pfannenstiel: "Der deutsche Fußball ist nicht tot."

(Foto: Lutz Pfannenstiel)

Absolut nicht. Klar, diese WM war für Deutschland eine absolute Katastrophe. Aber die WM ist nun vorbei, der neue Weltmeister heißt Frankreich. Für Deutschland heißt es jetzt: Mund abputzen, wieder aufstehen und in zwei Jahren bei der EM dann wieder voll angreifen. Ich denke, wir haben dann wieder eine schlagkräftige Truppe am Start. Deutschlands Fußball ist nicht tot, er lebt!

Eine schlagkräftige Truppe mit einem neuen alten Bundestrainer Joachim Löw. Da scheiden sich hierzulande die Geister.

(lacht) Das stimmt. Meiner Meinung nach ist Joachim Löw der richtige Mann. Es muss kein vollständiger Neuaufbau her, sondern eher ein Umbau. Und Löw hat bewiesen, nach seiner Amtsübernahme und im Hinblick auf die EM 2008 sowie die WM 2010 damals, dass er das kann. Der Höhepunkt war der Weltmeistertitel 2014. Wenn Löw für sich selbst sagt, ich habe die Lust und die Kraft für diesen Umbau, dann sollte man ihm diese Chance auch einräumen.

Taktisch muss sich etwas ändern: Der klassische Ballbesitz-Fußball mit einer "falschen 9" ist bei dieser WM gestorben: Deutschland in der Vorrunde raus, Spanien im Achtelfinale. Was ist jetzt das Maß der Dinge?

Konterfußball, schnelles Umschalten, einstudierte Standardsituationen. Das hat diese WM bestimmt und entschieden. Mit dem Tiki-Taka-Fußball der vergangenen Jahre bist du bei dieser WM nicht weit gekommen, was auch daran liegt, dass die Mannschaften physisch und läuferisch sehr stark waren. Zudem: Ballbesitz an sich reicht nicht, du musst dann daraus auch was machen.

Deutschland, Spanien und Portugal sind früh ausgeschieden. Dennoch standen vier europäische Teams im WM-Halbfinale ...

104248913.jpg

Liverpools Mo Salah trifft zwei Mal, aber wie alle anderen afrikanischen Teams scheitert auch Ägypten in der Vorrunde.

(Foto: picture alliance / Nigel French/)

Ja, diese WM wurde von den Europäern bestimmt. Bereits nach der Vorrunde waren ja alle afrikanischen Mannschaften ausgeschieden, dazu mit Japan nur noch eine asiatische dabei. In den Viertelfinales haben dann auch die letzten Südamerikaner die Segel streichen müssen.

Was bedeutet das im Umkehrschluss?

Die Europäer haben den modernsten Fußball gespielt, den taktisch ausgereiftesten, perfektesten. Die Schere zwischen den Europäern und dem Rest der Welt ist nicht kleiner geworden, sondern eher größer. Bei Argentinien und Uruguay hat man das am besten sehen können: Taktik, Spielweise, Spielphilosophie waren da einfach zu altbacken, um bei dieser WM mehr reißen zu können.

Nicht nur Deutschland und Spanien sind früh ausgeschieden, auch Portugal und Argentinien. Damit sind mit Andres Iniesta, Cristiano Ronaldo und Lionel Messi drei Weltfußballer gescheitert, für die es wegen ihres Alters keine nächste WM geben wird. Wem weinen Sie eine Träne nach und warum?

106436231.jpg

Für Argentiniens Lionel Messi dürfte es die letzte WM seiner Karriere gewesen sein.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eigentlich allen dreien. Man wird sie bei der nächsten WM vermissen. Die drei sind mit das Feinste, was die Fußballwelt bisher überhaupt hervorgebracht hat. Aber: Zum einen steht beispielsweise mit Kylian Mbappe ein junger Spieler bereits in den Startlöchern. Er könnte einer der neuen Superstars werden. Dann gibt es noch Neymar, der sich allerdings auf sein fußballerisches Können besinnen sollte und nicht seine Fall- und Rollkünste auf dem Rasen. Zum anderen hat diese WM aber auch gezeigt, dass die klassischen Alleinunterhalter nicht mehr im Vordergrund stehen. Die Mannschaft ist wichtiger. Das Team muss funktionieren, muss arbeiten. Frankreich und Kroatien waren dafür die beiden besten Beispiele.

Kroatien im Endspiel war klar eine Überraschung. Welche Mannschaft hat Sie noch beeindruckt?

Natürlich der neue Weltmeister (lacht). Aber auch England. Obwohl das Team noch sehr jung ist, hat sich da bereits etwas entwickelt. Die Three Lions haben einen unaufgeregten, sehr sympathischen Trainer mit Gareth Southgate, der taktisch versiert ist und auch vor großen Namen keinen Respekt hat. Zudem hat England mit Jordan Pickford einen der besten Torhüter des Turniers und nicht zuletzt wurde das Elfmeter-Trauma endlich überwunden. Ganz ehrlich: Bei der EM 2020 und der WM 2022 rechne ich ganz fest mit England. Dann ist das Team reifer, abgeklärter.

Wer hat sonst noch überrascht?

Nicht überrascht, aber überzeugt: Belgien. Das war die perfekte Kontermaschine. Der Sieg im Spiel um Platz 3, quasi die Goldene Ananas, hat auch gezeigt, dass man mit der Mannschaft weiterhin rechnen muss, auch wenn viele Spieler bei dieser WM im besten Alter waren. Für die EM 2020 sollte man die Roten Teufel auf dem Zettel haben.

Was ist mit dem Gastgeber dieser WM, Russland?

Russland hat mich beeindruckt! Die Mannschaft wurde vor der WM belächelt, ja sogar im eigenen Land verspottet. Dann geht die Mannschaft ins Turnier, tritt als Team auf, kämpft, rackert - und schwimmt nach dem überzeugenden Auftaktsieg gegen Saudi-Arabien auf einer Welle der Euphorie. Mit etwas Glück hätte sie diese auch noch weiter als bis ins Viertelfinale tragen können. Beim Elfmeterschießen gegen Kroatien brauchst du halt dann auch mal das Quäntchen Glück. Nichtsdestotrotz: Die Sbornaja hat das Land und die Welt begeistert.

Und die WM als solche, wie fällt da Ihr Fazit aus?

Äußerst positiv, muss ich sagen: wunderschöne Stadien, begeisterte Zuschauer, sehr gute Stimmung, null Ausschreitungen. Vor der WM gab es Kritik, aber Russland hat sich auf das Sportliche, das Organisatorische konzentriert und so die Herzen der Fußballfans weltweit erobert. Es war alles in allem eine sehr gute WM.

Eine sehr gute WM: Inwieweit ist das auch den Einsätzen der VAR zuzuschreiben?

Im Großen und Ganzen fand ich den Einsatz der Videoschiedsrichter gut. Es gab einige Szenen, die so positiv aufgeklärt wurden. Aber es gab auch weiterhin strittige Szenen. Was noch verbesserungswürdig war: Es fehlte ein wenig die einheitliche Linie bei den Entscheidungen. Alles in allem überwiegt aber das Positive.

Mit Lutz Pfannenstiel sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema