Fußball-WM 2018

Umbau, Nachhaltigkeit, Fankultur Fußball? Interessiert in Sotschi niemanden

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Das Fischt-Stadion in Sotschi wurde für 54 Millionen Euro umgebaut.

(Foto: Hendrik Maaßen)

Vier Jahre nach den Olympischen Spielen kommt mit der Fußball-Weltmeisterschaft das nächste sportliche Großereignis nach Sotschi. Dabei entspricht das Fischt-Stadion an der Riviera anfangs gar nicht den strengen Fifa-Regularien.

Es ist schwer, sein eigenes Wort zu verstehen.  An eine Unterhaltung ist kaum zu denken. Das Knattern eines Rasenmähers macht einen ohrenbetäubenden Lärm. Einen Mann in Latzhose und rot-weiß gestreiftem T-Shirt stört das wenig. Gewissenhaft zieht er bei sommerlichen Temperaturen seine Bahnen durch das Fischt-Stadion an der russischen Riviera in Sotschi. Mit einer blauen Schirmmütze versucht er, sein Gesicht vor der Mittagssonne zu schützen.

Ein WM-Rasen braucht besondere Pflege: Alle drei Tage muss hier in Sotschi gemäht werden, bevor Portugal und Spanien das Stadion bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 einweihen. Anders als andere Stadien wurde das Fischt für die WW nicht komplett neu gebaut. Bereits für die Olympischen Winterspiele 2014 diente es als Austragungsort der Eröffnungsfeier und der Schlusszeremonie. Doch weil die Fifa an die Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft spezielle Anforderungen stellt, musste das russische Bauministerium das Fischt nach Angaben der Fifa für umgerechnet etwa 54 Millionen Euro umbauen – zusätzlich zu den rund 650 Millionen Euro Konstruktionskosten.

"Wir haben insgesamt 14.000 Tonnen Metall der Dachkonstruktion entfernt, da die Fifa eine Austragung unter freiem Himmel vorschreibt. Das entspricht ungefähr der Menge von zwei Eiffeltürmen", sagt der Sprecher des Sportministers der Region Krasnodar am Schwarzen Meer, Jewgeni Balyschkin. Auch die Tribüne wurde umgestaltet, damit sich die Stadionkapazität von 40.000 auf rund 48.000 Sitzplätze erhöht.

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Stadionmanager Oleg Truschkin

(Foto: Hendrik Maaßen)

Die neuen Nord- und Süd-Tribünen in schwindelerregender Höhe sind nur temporäre Lösungen, um den Fifa-Regularien gerecht zu werden - ihre Einhaltung überprüfen regelmäßig zwei Funktionäre. Ganz oben, in einer der letzten Reihen des Provisoriums, bietet sich den Zuschauern ein besonderes Panorama. Mit einem Blick über die Schulter lassen sich in etwa 30 Kilometer Luftlinie die schneebedeckte zentrale Kaukasuskette und der Berg Fišt, dem das Stadion seinen Namen zu verdanken hat, erahnen. In der regionalen Sprache bedeutet Fišt etwa so viel wie "weißer Kopf". Auf der anderen Seite des Stadions glitzert das Schwarze Meer.

Sotschi vs Krasnodar

Momentan spielen weder die Fußball-Vereine FK Schemtschuschina Sotschi noch der FC Sotschi in einer höheren russischen Liga. Keine 300 Kilometer nördlich der Schwarzmeerküste sieht das schon anders aus. Der dort beheimatete FK Krasnodar spielte in der Europa League und wurde sogar Vierter in der russischen Premier-Liga. Auch Krasnodar hatte sich als Austragungsort beworben, wurde aber schnell von der Liste gestrichen - und das, obwohl das Stadion erst Ende 2016 mit einem Wärmestrahler an der Dachkonstruktion und einer LED-Anzeigetafel umfangreich ausgebaut worden war.

"Die Fifa will Fußball auch in Städte und Regionen bringen, in denen der Sport nicht so stark vertreten ist. Anders als in Krasnodar ist Fußball in Sotschi noch nicht angekommen", erklärt Balyschkin die Entscheidung. Die Austragungsorte der WM 2006 in Deutschland haben eine andere Sprache gesprochen: Mit unter anderem Berlin, Dortmund, München und Stuttgart ist Fußball hier alles andere als unpopulär. Selbst wenn Deutschland mit seiner ausgeprägten Leidenschaft für Fußball vielleicht eine Sonderrolle einnimmt, auch die Austragungsorte in Südafrika und Brasilien untermauern Balyschkins Erklärung nicht unbedingt.

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Das Fischt-Stadion wurde von 40.000 auf rund 48.000 Sitzplätze aufgestockt.

(Foto: Hendrik Maaßen)

Die Fifa hat Krasnodar noch aus einem anderen Grund schnell von der Liste gestrichen: "Das Stadion bietet nur 30.000 Zuschauerplätze und ist damit für ein WM-Stadion zu klein", sagt der Stadionmanager von Sotschi, Oleg Truschkin. Temporäre Tribünen, wie in Sotschi, seien in Krasnodar keine Möglichkeit gewesen. "So ein Bau einer Konstruktion dauert zwei bis zweieinhalb Jahre. Der FK Krasnodar hatte für diesen Zeitraum kein Stadion als Ausweichmöglichkeit." Die Gefahr, der Verein könne absteigen, weil er nicht in seinem Heimatstadion trainieren und spielen kann, sei zu groß gewesen. Es sind schwammige Ausflüchte wie diese, die viele Fragen unbeantwortet lassen.

Suche nach einem Investor

Auch wenn es in Sotschi kein begeistertes Fußballpublikum wie in Krasnodar gibt, Truschkin macht sich um die Nutzung des Stadions nach der Weltmeisterschaft keine Sorgen. "Fast alle Clubs der ersten russischen Liga wollen in Sotschi trainieren kommen", sagt er. Momentan unterhält das Stadion noch das Ministerium der Region Krasnodar. Nach der Weltmeisterschaft soll das Fischt in private Hand übergehen. "In erster Linie besteht unsere Aufgabe jetzt darin, uns auf die bevorstehende WM vorzubereiten. Unser Stadion wird viel Aufmerksamkeit erregen. Es lässt sich nach der Fußball-Weltmeisterschaft sicherlich ein Investor finden, der hier in Sotschi einen Fußball-Klub aufbauen will", sagt Trushkin. Und er sollte recht behalten. Zumindest teilweise. Ab der kommenden Saison zieht der Zweitligist Dynamo St. Petersburg nach Sotschi an die Schwarzmeerküste und wird die Spielstätte nach der Fußball-Weltmeisterschaft weiter nutzen. Auch der Nationalmannschaft soll das Fischt in Zukunft bei Länderspielen oder Trainingslagern als Unterkunft dienen.

Schon die Olympischen Spiele haben gezeigt: Ein Großteil der investierten etwa 30 Milliarden Euro stammten aus öffentlicher Hand und machten die Winterspiele damit zu keinem Musterbeispiel für private Investoren. Oligarchen wie Oleg Deripaska und Wladimir Potanin haben nichtsdestotrotz verlustbringende Projekte finanziert und die Kosten für Sportstätten übernommen, bevor die Anlagen später in staatliches Eigentum des Sportministeriums übergegangen sind - weil die russische Regierung sie dazu aufgefordert hatte. Die Universität Zürich rechnete im Jahr 2013 aus: Jährlich kostet den russischen Staat der Unterhalt der Spielstätten bis zu 100 Millionen Euro. Frühere Pläne, einige Stadien wieder ab- beziehungsweise aufzubauen, hatte die Regierung schnell wieder verworfen.

"Nach den Olympischen Spielen ist es uns gelungen, dem Stadion ein zweites Leben zu schenken", sagt Trushkin. Das sei unerreicht. Es gebe wenig Stadien, in denen sowohl die Eröffnungs- als auch die Schlusszeremonie, die Paralympics, ein Confederations Cup und eine Fußball-WM stattgefunden hätten. Trushkin ist sich deswegen sicher: "Das Stadion wird auch nach der WM weiterhin ein langes Leben haben."

Dieser Text ist im Rahmen einer Recherchereise mit dem "journalists.network" in Russland entstanden und Teil der großen WM-Multimedia-Reportage von n-tv.de.

Quelle: ntv.de