Fußball-WM 2018

Fifa hilft, Hotels blocken ab Fußballverband lässt LGBT-Russen im Stich

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Organisator Alexander Agapov (in Grün) hat unter anderem Schiedsrichter Ryan Atkin (in Rot) zur LGBT-Konferenz geladen.

(Foto: Katrin Scheib)

Während der WM haben es LGBT-Aktivisten in Russland ein wenig leichter als sonst. Die Regenbogenfahne wird im Stadion toleriert. Doch damit sich dauerhaft etwas ändert, müsste Russlands Fußballverband mithelfen - und der sperrt sich.

Wer ein Hotel hat und Gründe sucht, jemandem darin keine Räume zu vermieten, sollte sich an Alexander Agapov wenden. Der Präsident des russischen LGBT-Sportverbandes hat sie alle gehört. Zuletzt zum Beispiel bei einem Moskauer Holiday Inn: Ein Angebot, dort Räume anzumieten, lag laut Agapov bereits auf dem Tisch, bis bei der Begehung das Gespräch auf das Thema der Konferenz kam: "Fußball - ein Sport ohne Homophobie". Daraufhin habe man viele Gründe für eine Absage zu hören bekommen: Ein Film- und Fotoverbot während der WM. Eine kaputte Klimaanlage. Kein Handwerker, der sie reparieren kann. Und überhaupt: ausverkauft. Nächster Versuch, bei einem Hotel der Radisson-Kette: Nach einer anfänglichen Zusage habe es, als der LGBT-Aspekt klar wurde, nur noch geheißen, ein anderer Mieter brauche plötzlich alle verfügbaren Räume.

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(Foto: Katrin Scheib)

"Niemand bezieht sich jemals offen auf Russlands Gesetze gegen Schwule und Lesben, aber natürlich steckt das dahinter, das liest man zwischen den Zeilen", sagt Agapov, während er hastig ein paar Bissen zu Mittag ist. Gleich beginnt der zweite Teil seiner Konferenz, die er irgendwie dann doch auf die Beine gestellt hat. "Das mit den Räumen ist ein Klassiker, der uns jedes Mal begegnet, wenn wir eine Veranstaltung planen. Politiker sagen oft: Ist uns doch egal, was ihr hinter geschlossenen Türen macht. Aber hinter dieser zur Schau gestellten Höflichkeit sieht die Situation eben anders aus."

Nun wird also im Goethe-Institut getagt. Das liegt nicht so zentral wie die ursprünglich angefragten Hotels, dafür hat das Engagement gegen Diskriminierung hier Tradition. Eine Sache, die im politischen Klima in Russland tunlichst nicht an die große Glocke gehängt wird - doch sonntags, wenn keine Kurse stattfinden, treffen sich in den Institutsräumen im Süden von Moskau LGBT-Aktivisten. "Werte zu vertreten ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, für uns war also völlig klar, dass wir das machen", sagt Anne Schönhagen, stellvertretende Regionalleiterin, zur Entscheidung, der Konferenz ein Zuhause zu geben. "Da können wir inhaltlich voll dahinter stehen."

Mit Regenbogenfahne ins Stadion?

Vom Holiday Inn hieß es auf Anfrage, das Haus sei offizieller Fifa-Medienpartner, daher habe man kurzfristig für eine Veranstaltung, auf der auch Videos gedreht werden sollten, keine Genehmigung bekommen. (Warum das auch für eine Veranstaltung gilt, die offiziell von der Fifa unterstützt wird, konnte eine Unternehmenssprecherin nicht erklären.) Eine Radisson-Sprecherin erklärte, ihr Hotel sei schlicht überbucht gewesen. Man wünsche aber "dieser wichtigen Veranstaltung alle nötige Unterstützung".

Wer über Räume für LGBT-Veranstaltungen spricht, muss auch über Fenster reden. Fenster im übertragenen Sinne: Während der Fußball-Weltmeisterschaft haben es schwule Fußballfans wie Alexander Agapov in Russland leichter als sonst. Seine Regenbogenfahne durfte er unbehelligt mit zum Eröffnungsspiel nehmen und dort hochhalten. Er ist sich aber sicher: Ist das Turnier erst mal vorbei, dann werden Menschen wie er wieder zurückgedrängt, erneut unsichtbar nach ein paar kurzen Wochen Sichtbarkeit. Weil diese Sichtbarkeit eben Gefahr bedeuten würde, wenn die Welt nicht mehr auf Russland blickt. "Oder glauben Sie, dass man demnächst hier noch mit der Regenbogenfahne ins Stadion darf?", fragt Agapov. Sein Blick lässt keinen Zweifel daran, dass es eine rhetorische Frage ist.

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Als lebende Regenbogenfahne in die Metro - diese Aktivisten erzeugen Aufmerksamkeit.

(Foto: REUTERS)

Dass der Kampf für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung nicht jederzeit dieselbe Unterstützung bekommt, weiß auch Ryan Atkin. Im vergangenen Jahr schrieb er Geschichte als erster offen schwuler Profi-Schiedsrichter im englischen Fußball, nun ist er als Redner zur Konferenz nach Moskau gekommen. Sein erster Eindruck von Russland: "Ich bin positiv überrascht, aber das wiederum ist ja keine Überraschung. Wir wissen doch, dass in dieser Zeit Putin und seine Regierung ein möglichst positives Bild ohne Makel präsentieren wollen", sagt er.

Dass seine russischen Mitstreiter in diesen Tagen mehr Zuspruch bekommen als sonst, kommt ihm bekannt vor: "Wir haben die "Rainbow laces"-Kampagne, bei denen Fußballvereine sich gegen Diskriminierung einsetzen, aber das ist nur eine Woche pro Jahr." Um Homophobie aus dem Fußball zu verdrängen, brauche es aber ganzjähriges Engagement. In der Debatte, ob man eine Weltmeisterschaft überhaupt in Länder wie Russland oder Katar vergeben sollte, hat er daher eine klare Position: "Ohne dieses Turnier würde sich niemand im Ausland dafür interessieren, wie es Menschen, die LGBT sind, im Gastgeberland geht", so Atkin. Nun habe man vielleicht eine erste Grundlage gelegt, ehe in zwei Jahren, zur Europameisterschaft 2020, wieder der Blick auf Russland liege.

Russlands Fußballverband bietet keine Unterstützung

Zwei Dinge sind bei der Konferenz rund um Fußball und Homophobie besonders sichtbar: Wer da ist, und wer nicht. Die Fifa hat Federico Addiechi geschickt, ihren "Head of sustainability and diversity", ein Hochkaräter. Er sitzt auf dem Podium, lobt das Engagement des russischen LGBT-Sportverbandes und sagt: "Wir können nur dann in Russland den bestmöglichen Fußball haben, wenn es auch ein vielfältiger Fußball ist, bei dem Menschen, die LGBT sind, nicht außen vor bleiben." Als Agapov ihn auf die Zeit nach der WM anspricht, hebt Addiechi an zu klaren Worten, entscheidet sich dann aber doch für die softere Variante: "Sie können sich darauf verlassen, dass wir Druck machen auf ... nein, kein Druck, dass wir Unterstützung bieten."

Wer der Adressat von Druck-oder-nicht-Druck ist, das ist allen Konferenzteilnehmern klar: Russlands Fußballverband RFS. Am Vortag, bei einer Pressekonferenz der Fifa, saß auf dem Platz neben Addiechi noch Alexei Smertin, beim RFS zuständig für den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung. Heute, zur Konferenz, hat der Verband niemanden geschickt - eine Situation, die für Organisator Agapov genau so vertraut ist wie aus allerlei Gründen abgesagte Räume: "Die Fifa hat versucht, uns bei der Suche nach einem neuen Veranstaltungsort zu unterstützen, ganz im Gegenteil zum RFS. Wir haben da so oft um Hilfe gebeten, als wir zum Beispiel im Juni ein Turnier geplant haben. Mir ist klar, dass Alexei Smertin einen vollen Kalender hat, aber es könnte an seiner Stelle ja auch ein Spieler der Nationalmannschaft kommen und ganz allgemein etwas über den Kampf gegen Diskriminierung sagen." Vertreter von Fifa, Uefa oder Vereinten Nationen sehe man regelmäßig bei entsprechenden Veranstaltungen in Russland, so Agapov. "Nur vom Russischen Fußballverband ist noch nie jemand zu einer LGBT-Veranstaltung gekommen."

Quelle: n-tv.de

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