Fußball-WM 2018

WM-Bilanz von "Collinas Erben" Starke Schiedsrichter, ärgerliche Mätzchen

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Mit dem Einsatz des Videobeweises bei der WM können die Schiedsrichter zufrieden sein.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Die Unparteiischen können zufrieden mit ihren WM-Auftritten sein, vieles läuft besser als vor vier Jahren in Brasilien. Dazu tragen auch die Video-Assistenten bei. Es gibt jedoch auch Dinge, die sich die Bundesliga tunlichst nicht abschauen sollte.

Am Ende mischten sich doch noch ein paar kritische Töne unter das Lob. Viel Anerkennung war den Schiedsrichtern bei der Fußball-Weltmeisterschaft zuteil geworden, und das zu Recht, denn anders als vor vier Jahren beim Turnier in Brasilien hatten sie ihre Spiele meist sicher, souverän und mit nur wenigen Fehlern über die Bühne gebracht. Doch ausgerechnet im Finale gab es einige Entscheidungen des zuvor so starken Néstor Pitana, die nicht nur die unterlegenen Kroaten unzufrieden zurückließen. So hatte der argentinische Referee vor dem ersten Tor für Frankreich ein Foul von Marcelo Brozović an Antoine Griezmann gesehen, obwohl der französische Stürmer sich - was allerdings schwer zu erkennen war - höchst freiwillig hatte fallen lassen. Der Freistoß mündete in einem Eigentor von Mario Mandžukić. Der zweite Treffer des neuen Weltmeisters resultierte aus einem umstrittenen Handelfmeter.

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Vor allem der Strafstoß erhitzte die Gemüter, zumal er erst durch den Videobeweis zustande gekommen war. Der Unparteiische hatte ursprünglich gar nicht bemerkt, dass Ivan Perišić den Ball mit der Hand ins Toraus befördert hatte, sondern auf Abstoß entschieden - offenbar in der Annahme, dass der unmittelbar vor dem Kroaten stehende Blaise Matuidi die Kugel zuletzt berührt hatte. Weil die Video-Assistenten nicht nur bei klaren und offensichtlichen Fehlern des Schiedsrichtern in überprüfbaren Situationen eingreifen sollen, sondern auch bei übersehenen Vergehen, kam es zum On-Field-Review durch Pitana. Der entschloss sich nach reiflicher Überlegung, Perišićs Handspiel als strafbar zu werten und einen Elfmeter für die Franzosen zu geben.

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Es war Gernot Rohr, der in der Halbzeitpause des Endspiels im ZDF den Grund für diese Entscheidung erklärte: Die Fifa habe den Mannschaften vor dem Turnier mitgeteilt, dass die Unparteiischen prinzipiell auf Strafstoß erkennen sollen, wenn der Ball mit dem vom Oberkörper abstehenden Arm oder der Hand gespielt wird, sagte der nigerianische Nationaltrainer. Tatsächlich erklären sich so einige weitere Elfmeterpfiffe bei der WM, die es ohne diese strikte Anweisung wohl nicht gegeben hätte: den ersten Strafstoß für Saudi-Arabien im Vorrundenspiel gegen Ägypten etwa oder den späten Handelfmeter für den Iran in der Partie gegen Portugal.

Nach wie vor gilt zwar, dass die Absicht das alleinige Kriterium für die Strafbarkeit eines Handspiels ist. Aber in der Praxis sind nicht immer alle Anhaltspunkte für die Bestimmung, was unter Absicht im regeltechnischen Sinne zu verstehen ist, mit dem Alltagsverständnis von diesem Begriff in Einklang zu bringen. Den Schiedsrichtern erleichtert eine Direktive wie jene der Fifa allerdings die Arbeit, weil sie im Falle eines Handspiels nicht mehr abwägen müssen, ob ein ausgestreckter Arm nun aus einer normalen Lauf- oder Sprungbewegung resultiert, ob er dem Halten des Gleichgewichts dient oder ob damit das regelwidrige Ziel verfolgt wird, den Ball aufzuhalten. Für die Spieler wird die diesbezügliche Regelauslegung berechenbarer. Allerdings bringt sie unbestreitbar auch Härten mit sich, wie nicht zuletzt das Finale gezeigt hat.

Warum der Videobeweis gut akzeptiert wurde

Alex Feuerherdt ...

... ist freier Publizist und Lektor und lebt in Köln. Er betreibt den Blog "Lizas Welt" und ist am Podcast "Collinas Erben" beteiligt, schreibt eine Schiedsrichterkolumne für n-tv.de und zudem für Zeitungen und Zeitschriften, vorwiegend zu den Themen Antisemitismus, Nahost und Fußball.

Der gute Gesamteindruck, den die Referees in Russland hinterließen, hat auch etwas mit dem zuvor vielgeschmähten Videobeweis zu tun. Denn dank der Video-Assistenten konnte so mancher gravierende Fehler vermieden werden - gleich sechsmal übrigens in der Nachspielzeit am Ende des Spiels. In vier Fällen hatte das unmittelbare Folgen für den Spielausgang. Insgesamt wurden 18 Entscheidungen mithilfe der Video-Assistenten geändert, nur zwei davon nach der Vorrunde. Wie schon in der Bundesliga betrafen die weitaus meisten Korrekturen die Elfmeterentscheidungen: Neun Strafstöße wurden nachträglich verhängt, vier zurückgenommen. Für die Rücknahmen gab es unterschiedliche Gründe: Zweimal stellte der Schiedsrichter auf der Grundlage der Videobilder fest, dass kein Foul vorlag, einmal war vor der Strafstoßentscheidung ein strafbares Abseits übersehen worden, einmal zeigten die Wiederholungen, dass das Foul außerhalb des Strafraums begangen wurde.

Der Tenor in der Öffentlichkeit lautete: Das mit dem Videobeweis läuft bei der WM besser als in der Bundesliga. Die Eingriffsschwelle sei höher und werde einheitlicher gehandhabt, Änderungen kämen seltener vor. Letzteres ist allerdings ein Mythos: Bei der WM erfolgte alle 3,56 Spiele eine Entscheidungskorrektur, die auf den Video-Assistenten zurückging, in der Bundesliga über die gesamte Saison gesehen alle 4,03 Spiele, in der Rückrunde sogar nur alle 5,46 Spiele. Die Eingriffsschwelle war im deutschen Fußball-Oberhaus nach der Winterpause deutlich erhöht worden, nachdem Lutz Michael Fröhlich, der Leiter der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite, die Video-Assistenten angehalten hatte, sich nicht länger als "Detektive" zu betätigen, sondern wirklich nur bei Fehlentscheidungen zu intervenieren, die für jeden sofort offensichtlich sind.

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Der Kontrollraum während der WM.

(Foto: imago/Golovanov + Kivrin)

Dass der Videobeweis in Deutschland während der Weltmeisterschaft dennoch positiver wahrgenommen wurde als in der vergangenen Bundesligasaison, dürfte zu einem guten Teil daran liegen, dass die emotionale Distanz bei den meisten WM-Spielen größer und der Blick auf die Tätigkeit der Video-Assistenten deshalb nüchterner war. Auch in Russland gab es Eingriffe von Video-Assistenten, die kaum zu rechtfertigen waren, und Nichteinmischungen in Situationen, bei denen vieles für eine Intervention gesprochen hätte. Die Abgrenzung, wann ein klarer und offensichtlicher Fehler vorliegt und wann nicht, lässt sich nun einmal nicht objektiv bestimmen. Das liegt in der Natur der Sache, besser gesagt, an den vielen Spielräumen bei der Auslegung der Fußballregeln.

Nur sorgt ein unterbliebener Eingriff nach einem möglichen Strafraumfoul in der Partie Argentinien gegen Island für weniger Aufregung, als wenn sich die gleiche Situation etwa im Spiel zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 zugetragen hätte. Wenn im August die Bundesliga wieder losgeht, werden die bekannten Klagelieder über den Videobeweis erneut zu hören sein, ergänzt um die Strophe: Bei der WM war alles besser. Bloß stimmt das allenfalls begrenzt.

Was die Bundesliga nicht übernehmen sollte

Unzweifelhaft besser als in der deutschen Elitespielklasse war bei der WM die Transparenz beim Videobeweis. In den Arenen der Bundesliga klagten die Fans immer wieder darüber, bei Eingriffen der Video-Assistenten im Unklaren gelassen zu werden, warum eine Entscheidung überprüft und geändert wird. Dieses Problem gab es beim Turnier in Russland nicht: Dort wurden in den Stadien nach dem Abschluss der On-Field-Reviews diejenigen Bilder, die für eine Entscheidung des Schiedsrichters maßgeblich waren, im Regelfall auf der Videowand abgespielt. Die Fernsehzuschauer bekamen während einer Review sogar zumeist genau die Videosequenzen zu sehen, die auch dem Schiedsrichter gezeigt wurden, ergänzt um eine schriftliche Einblendung, was gerade geprüft wird. All das sollte künftig auch hierzulande möglich sein.

Was sich die Schiedsrichter und ihre Verantwortlichen beim DFB dagegen in keinem Fall von der WM abschauen sollten - und mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht abschauen werden -, ist die übermäßig große Nachsicht bei unsportlichem Verhalten. Das Bestürmen des Unparteiischen nach einem Pfiff, das Zeichnen der Umrisse eines Monitors mit den Fingern, um einen Videobeweis zu fordern, das Wälzen auf dem Platz nach harmlosen Fouls - all diese nervtötenden Unsitten ließen die Unparteiischen viel zu oft durchgehen. So begrüßenswert ihre lange Leine bei der Zweikampfbeurteilung war, die allgemein gelobt wurde, so ärgerlich war die Zurückhaltung bei solchen Mätzchen, die auf eine entsprechende Instruktion von Pierluigi Collina zurückging. Der Schiedsrichter-Chef der Fifa wollte Gelbe Karten nur in besonders gravierenden Fällen sehen, was dazu führte, dass sich die Spieler im Laufe des Turniers immer mehr herausnahmen. Das darf sich die Bundesliga keinesfalls zum Vorbild nehmen. Schon mit Blick auf die Nachahmungseffekte bei Millionen von Amateurfußballern.

Quelle: n-tv.de

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