Olympia

Olympische Perspektivlosigkeit Historische Spiele in Südkorea - nur wieso?

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Wenn es kritisch wird, verstecken sich IOC-Boss Thomas Bach und Co. gern hinter olympischer Symbolik. Das war in Pyeongchang nicht anders.

REUTERS

Nach 102 Medaillen-Entscheidungen, Kälte-Wind-Wahnsinn, vier Dopingfällen, sportlichen Dramen und magischen Momenten sind die 23. Olympischen Winterspiele vorbei. Sie sind historisch - und ein Fanal der Perspektivlosigkeit.

Thomas Bach und seine Getreuen hatten es sich richtig gemütlich gemacht. In den Bergen von Pyeongchang wohnte die IOC-Familie im noblen Hotel Intercontinental. Ein romantisches Idyll. Auf der Homepage wirbt das schlossartige Gasthaus mit "Luxus auf höchstem Niveau". Und so griff Bach dieses "höchste Niveau" für Gastgeber an diesem Sonntag auch gerne auf, als er um 21.40 Uhr Ortszeit die 23. Olympischen Winterspiele für beendet erklärte. Entgegen der routiniert gepflegten Tradition, dem Ausrichter die besten Spiele aller Zeiten zu attestieren, sprach der IOC-Präsident "von neuen Horizonten", die diese Spiele möglich gemacht hätten. Ein Satz, der tatsächlich viel Wahrheit enthält, auch wenn sich olympische Wahrheiten in puncto Wertigkeit und Nachhaltigkeit zu oft nicht mit der Realität in Einklang bringen lassen.

Und ein Satz, der sich jetzt, nach Abschluss der Spiele, wieder leicht sagen lässt. Denn so verheerend die Kritik am IOC-Gigantismus, an seinem kompromisslosen Durchsetzungswahn beim Wettkampfstättenbau, an der IOC-Missachtung der eigenen Charta, an der Entscheidungszauderei in der russischen Dopingfrage und dem beschämenden Umgang mit IOC-internen Kritikern wie Richard Pound und Adam Pengilly vor und während der Spiele war, so egal war dem großen Teil der zuschauenden Welt das spezialdemokratische Gebaren der transparenzscheuen Spitzenfunktionäre während dieser 17 olympischen Tage. Da überlagerten die schönen Bilder, die spektakulären Duelle auf Schnee und Eis, das Leiden und das Jubeln, ja sogar eine bizarre Cheerleader-Armee alle sport- und gesellschaftspolitischen Debatten. Selbst die vom IOC als große Entschiedenheit verkaufte Entscheidung, den "Olympischen Athleten aus Russland" (OAR) Flagge und Hymne zur Abschlussfeier (noch) nicht zurückzugeben und sie damit symbolisch in die Familie zurückzuholen, verkam zur olympischen Randnotiz.

Die Olympia-Reflexe funktionieren

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Es ist ein Reflex, auf den sich das IOC auch in Pyeongchang verlassen konnte: Das bezaubernde deutsch-ukrainisch-französische Eislaufmärchen von Aljona Savchenko und Bruno Massot beschäftigt die Menschen mehr als die bizarren 6000 Asthma-Fläschchen der norwegischen Sportgiganten, die im Medaillenspiegel mit - gemessen an der Edelmetall-Ausbeute - großem Vorsprung vor Deutschland von Rang eins grüßen. Die Einordnung der Eisschnelllauf-Klatsche der 46-jährigen Claudia Pechstein polarisiert stärker als der russische Bronze-Curler Alexander Kruschelnizki, bei dem die Dopingkontrolleure die verbotene Substanz Meldonium nachweisen konnten und der für die 140. aberkannte Medaille bei olympischen Spielen sorgte. Oder der Umstand, dass Russland nach seinem Staatsdopingskandal nun für zwei der vier Dopingfälle in Pyeongchang verantwortlich war und trotzdem schon zur Abschlussfeier seine Fahne zurückhaben wollte. Zwei Dopingfälle und ein IOC-Lobesschwall - das konnten aber nicht einmal Putin-Freund Bach und sein Desinformations-Beauftrager Mark Adams hinbiegen.

Apropos Reflexe: Nach der sensationellen deutschen Eishockey-Silbermedaille mit Goldrand fragt auch niemand mehr, was der Großraum um Pyeongchang mit seinen nur knapp 300.000 Einwohnern eigentlich mit zwei überdimensionierten Eissportarenen soll. Oder mit den fünf weiteren zwar hochmodernen, nach den paralympischen Spielen in drei Wochen aber nutzlosen Wettkampfstätten inklusiver exklusiver Hotels, wie sie beispielsweise am vereinsamten "heiligen Berg" in Jeongseon thronen. Das dortige Alpin-Zentrum war mit 160 Millionen Euro eine der teuersten Sportanlagen dieser Spiele. Einen Nachnutzungsplan gibt es nicht.

Handschläge und Nobelpreisträume

Das IOC interessieren diese "weißen Elefanten" nicht, obwohl seine Spiele stets Herden von ihnen produzieren. Pyeongchang wurde vom IOC zwar mehrfach zur Sparsamkeit ermahnt, durchgesetzt wurde die von den Herren der Ringe aber nicht. Mehr als zehn Milliarden Euro pumpte Südkorea letztlich in das Prestigeprojekt Olympia. Nun bleibt es mit dem Erbe des alten, olympischen Gigantismus allein. Das IOC zieht weiter. In zwei Jahren nach Tokio und in vier Jahren zu den, kein Scherz, Winterspielen nach Peking.

Aus Pyeongchang zog das IOC aber nicht weiter, ohne sich zu bedanken und sich dabei indirekt selbst noch einmal zu loben. Wofür? Für den historischen Wert dieser Spiele. Denn der Sport habe - selbstredend auch dank des IOC - seine ganze Kraft der Integration bewiesen: Beim Vereinigungsteam der koreanischen Eishockey-Damen und beim bedeutsamen Handschlag zwischen Südkoreas Präsident Moon Jae In und Kim Yo Jong, der Schwester von Nordkoreas Diktator Kim Jong Un, bei der Eröffnungsfeier. Und so historisch die Spiele angefangen hatten, so historisch soll es auch weitergehen, behauptete Präsident Bach: "Das IOC wird diesen olympischen Dialog fortsetzen, auch nachdem wir die olympische Flamme gelöscht haben." Selbstlos ist das nicht, am Ende seiner sportpolitischen Bemühungen hätte der olympische Milliardenkonzern IOC nämlich ganz gern den Friedensnobelpreis. Kein Witz.

Zwischendrin waren es aber tatsächlich Olympische Spiele des Sports. Nicht überlagert von Terrorängsten und einem Sicherheitswahnsinn wie noch in London 2012 oder in Sotschi 2014. Und auch nicht begleitet von Baustellenatmosphäre, Hygienedesaster, Logistikchaos und Angst vor Überfällen wie vor zwei Jahren in Rio de Janeiro. Pyeongchang hat sich für Athleten, Betreuer, Fans und Journalisten als perfekter, als stets freundlicher Gastgeber präsentiert, der sich redlich mühte, auch mit diesem verflixten Englisch.

Warum eigentlich ... Pyeongchang?

Nur: Warum eigentlich Olympia in Pyeongchang? Die Wahl des Ortes blieb das einzige große Missverständnis dieser Spiele. Und sie erklärt, warum das olympische Flair in diesen Tagen eher Mythos als erlebbarer Geist war, warum oft keine Stimmung aufkam. Wer sich nicht für Wintersport begeistert, kann dies auch nur für Winterspiele bedingt. Vor allem dann nicht, wenn wie an den ersten Tagen der olympische Kältekrampf zuschlägt und die Wettbewerbszeiten an den europäischen und nordamerikanischen Fernsehmarkt angepasst sind.

Pyeongchang ist ein kleiner Ort mit nicht mal 10.000 Einwohnern. Für die Olympischen Spiele war er nur wichtig als Name. Außer den beiden großen Feiern zur Eröffnung und zum Abschied, für die eigens ein 80-Millionen-Euro teures Olympiastadion ohne Nachnutzungsperspektive gebaut wurde, und den spärlichst besuchten Medaillenzeremonien fand hier nichts statt. Kein einziger Wettkampf. Anders als beispielsweise in Gangneung, einer großen Stadt am Meer, eine Stunde Fahrzeit von Pyeongchang entfernt. Hier und freilich im Sliding Center in Alpensia schlug das eigentliche olympische Herz - und das koreanische. Hier waren die meisten Athleten, Betreuer, Fans und Journalisten untergebracht. Hier gab's Shorttrack, Curling, Eishockey, Eisschnell- und Eiskunstlauf. Sonst aber nichts. Keine olympischen Partys, keine Begegnungen, nur Wettkämpfe und dann wieder die Abreise. Hier, im Olympic Park, wäre das Flair zu packen gewesen. Wäre.

Nun ist das Feuer erloschen, sind die ersten Winterspiele in Südkorea vorbei. Sie haben keine neuen Superstars produziert, aber sie waren sportlich herausragend, nicht nur für Deutschland. Sie haben den Gastgeber stolz gemacht, was trotz Milliardeninvestitionen längst nicht immer klappt, und sie haben auch die olympische Seele getätschelt. Auf eines haben sie keine Antwort gegeben: auf die Perspektivlosigkeit, die der olympischen Gigantismuswahn neben all dem schönen Schein immer noch produziert.

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Quelle: n-tv.de

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