Wirtschaft
Alt, aber funktionstüchtig: Die Milan-Rakete ist ein effektives Panzerabwehrsystem.
Alt, aber funktionstüchtig: Die Milan-Rakete ist ein effektives Panzerabwehrsystem.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 28. August 2014

Waffenlieferungen in den Irak: Altes Eisen für die Kurden

Von Dominik Schneider

Europa will die kurdische Peschmerga-Miliz im Kampf gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat mit Waffen aufrüsten. Doch das Kriegsgerät, das zur Diskussion steht, ist nicht gerade auf dem neuesten Stand der Technik: Deutschland profitiert davon.

Im Norden des Irak und in Syrien wehen ihre schwarzen Flaggen auf immer mehr Gebäuden, ihr Vormarsch scheint kaum aufzuhalten. Der Islamische Staat (IS) ist besser ausgerüstet, organisiert und geht viel offener und brutaler vor als die bisher bekannten Terrorgruppen. Statt Autobomben zu legen, überrollt er Siedlungen mit Panzern. Die lokalen Milizen haben den Islamisten nur wenig entgegenzusetzen.

Um das rasante Vorrücken des IS zu stoppen, wollen nun mehrere europäische Staaten Waffen und Ausrüstung an dessen Gegner schicken, vor allem die kurdische Peschmerga-Miliz. Doch das Gerät, das sie zu erwarten haben, ist für ihre Aufgaben kaum geeignet.

Kämpfen gegen den islamistischen Terror: die kurdische Peschmerga-Miliz.
Kämpfen gegen den islamistischen Terror: die kurdische Peschmerga-Miliz.(Foto: picture alliance / dpa)

Waffentechnisch ist die Peschmerga dem IS weit unterlegen. Vor allem den Humvees, gepanzerten Geländefahrzeugen, und den US-Kampfpanzern vom Typ M1 Abrams haben die Kurden nur wenig entgegenzusetzen. Diese Maschinen hat der IS von der fliehenden irakischen Armee erbeutet. Die Peschmerga selber besitzt hauptsächlich umgebaute Pickups und Geländewagen. Ihre Ausrüstung ist kaum in der Lage, die Kriegsmaschinerie des IS zu beschädigen.

Waffen von der Resterampe

In den nächsten Tagen will die Bundesregierung bekannt geben, welche Waffen sie liefern wird. Das Verteidigungsministerium will dazu keine Stellung nehmen und verweist auf den endgültigen Beschluss. Wahrscheinlich werden es sogenannte Milan-Raketen sein. Die Milan ist eine panzerbrechende Boden-Boden-Rakete aus den 1970er-Jahren. Deutschland besitzt noch größere Vorräte dieser Waffen.

Allerdings hat die Bundeswehr inzwischen begonnen, auf ein anderes Modell von Panzerabwehrraketen umzurüsten. Neben dem Nachfolger, Milan 2, kommen auch die israelischen Spike-Raketen zum Einsatz. Die ursprünglichen Milan wurden vor allem im ostdeutschen Raum gelagert, um im Kalten Krieg einen sowjetischen Panzerangriff abwehren zu können. Zu den aktuellen Aufgaben der Bundeswehr zählt der Kampf gegen gepanzerte Fahrzeuge nur noch sehr begrenzt.

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Mit den neuen Modellen für diese Aufgabe, Milan 2 und Spike, scheinen die Vorräte an alten Milans nicht mehr für den Einsatz gebraucht zu werden. Dem Hersteller, dem Rüstungskonzern MBDA, sind zur Zeit keine Pläne des deutschen Militärs bekannt, aufgrund der aktuellen Lage Milan-Systeme nachzubestellen. Die alten Panzerknacker der Bundeswehr sind also ein Auslaufmodell.

Oder anders formuliert: Die Bundeswehr schickt ihre Restposten in den Irak. Die Waffen zu lagern oder zu entsorgen, wäre teuer. Die geplante Lieferung ist also nicht nur eine Hilfeleistung für die kurdischen Kämpfer. Natürlich leisten sie einen Beitrag im Kampf gegen den IS. Angenehmer Nebeneffekt ist jedoch: Mit der Lieferung kann Deutschland die Waffen entsorgen und hat davon noch einen politischen Nutzen. Noch dazu einen, der nichts kostet - schließlich sind die alten Raketen längst bezahlt.

Es ist allerdings fraglich, wie weit die Milan den Peschmerga wirklich helfen können. Der US-amerikanische Abrams-Panzer, eine der schwersten Waffen des IS, verfügt zum Beispiel über ein System zur Abwehr von Raketen wie der Milan. Mit diesem System wird die automatische Peilung der Raketen gestört. Ein geübter Richtschütze kann das zwar ausgleichen, ein solcher ist aber wohl kaum in den Reihen der kurdischen Miliz finden.

Neben den Milan soll auch Ausrüstung, etwa Nachtsichtgeräte und schusssichere Westen, an die Kurden geschickt werden. Auch diese Westen sind laut einem "Spiegel"-Bericht, der sich auf Quellen in der Bundeswehr beruft, teilweise veraltet. Deutschland scheint also genau das, was die Bundeswehr nicht mehr gebrauchen kann, in den Irak zu schicken.

Kalaschnikow und Hitlersäge

Das machen auch andere Länder so. Bulgarien etwa schickt die wohl berühmteste Schusswaffe der Welt, die als Kalaschnikow bekannte AK 47, in die Krisenregion. Das aus den 1940ern stammende Sturmgewehr mit der klassischen Holz-Optik gilt zwar als effektiv, allerdings haben die Kurden bereits genau diese Waffe zur Genüge. Zur Abwehr von schwerer Artillerie und Panzern ist diese Waffe, die außerdem bereits mehrere Nachfolgemodelle hat, nicht geeignet.

Die "Hitlersäge", Maschinengewehr der Wehrmacht, soll im Nordirak eingesetzt werden.
Die "Hitlersäge", Maschinengewehr der Wehrmacht, soll im Nordirak eingesetzt werden.(Foto: Youtube)

Besonders kurios: Das italienische Militär will die Kurden mit einer Lieferung von MG 42 unterstützen. Diese Waffen, auch "Hitlersägen" genannt, wurden von der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg eingesetzt, in den 1960ern nach Italien verkauft, dort vom Militär benutzt, bis sie jetzt in den Irak geschickt werden. Die Waffen, die die Peschmerga damit bekommen, sind also über 70 Jahre alt. Die Kurden werden mit Gewehren unterstützt, die doppelt so alt sind wie die Kämpfer selbst. Geld zu sparen ist aber nicht der einzige Grund.

Frieden schaffen mit alten Waffen

Die alten Waffen sind eine Art Absicherung für den Westen. Denn sollte der IS auch die kurdischen Gebiete überrennen, würden ihnen die Waffen zwangsläufig in die Hände fallen. Das fürchtet auch Jan van Aken, außenpolitischer Sprecher der Linken: "Jetzt Waffen zu liefern, die wir womöglich in ein paar Wochen schon in den Händen von IS sehen, ist brandgefährlicher Aktionismus". Die alten Waffen würden dann wenigstens das Arsenal der Dschihadisten qualitativ kaum verstärken.

Auch Befürchtungen des Nato-Partners Türkei soll die alte Waffentechnik zertreuen: Die Peschmerga-Miliz unterhält Beziehungen zur radikalen Untergrundorganisation PKK, die - unter anderem auf türkischem und irakischem Staatsgebiet - einen Kurdenstaat errichten will. Nach Ansicht von Bente Scheller, Leiterin des Nahost-Büros der Heinrich-Bölll-Stiftung, wäre die Ausrufung eines Kurdenstaates gefährlich für die Region: "Alle Player hätten Bedenken, wenn Grenzen neu gezogen werden, denn das bedeutet immer auch Unsicherheit für die eigenen Grenzen", sagt sie. Mit den gelieferten Waffen wären die Kurden, die mit Gewalt für ihren Staat zu kämpfen bereit sind, wohl nicht in der Lage, ihre Forderungen militärisch durchzusetzen. Den IS werden sie mit Maschinengewehren von 1942 aber wohl auch kaum aufhalten können.

Quelle: n-tv.de