Wirtschaft

Votum über Gewerkschaft Bändigen US-Arbeiter den Riesen Amazon?

236082601.jpg

Eine Solidaritätskundgebung in Philadephia für die Kollegen in Alabama. Immer wieder wird der Online-Händler wegen seiner Arbeitsbedingungen kritisiert. In den USA gibt es bis heute keine gewerkschaftliche Vertretung.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Ein kleines Werk im US-Bundesstaat Alabama könnte den großen Weltkonzern zwingen, neue Wege zu gehen: Gut 3000 Mitarbeiter entscheiden darüber, ob es künftig eine Arbeitnehmervertretung geben wird. Eine Einrichtung, die der zweitgrößte Arbeitgeber der USA 27 Jahre lang nicht hatte.

Es wird spannend für Amazon: Bei der Abstimmung über die Bildung einer Arbeitnehmervertretung haben mehr als die Hälfte der 5800 Beschäftigten am Standort im US-Bundesstaat Alabama ihre Stimme abgegeben. Die Wahlbeteiligung liege bei 55 Prozent, teilte die Gewerkschaft für Dienstleister im Groß- und Einzelhandel RWDSU mit. Die Auszählung der Stimmen werde voraussichtlich am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) beginnen.

Amazon
Amazon 2.834,00

In den USA muss sich mehr als die Hälfte einer Belegschaft für eine Gewerkschaftszugehörigkeit aussprechen. Geklappt hat das bislang an keinem US-Standort des Konzerns, der in den USA rund eine Million Menschen beschäftigt. Sollten sich die Lagerarbeiter des Werks in Bessemer also für eine Arbeitnehmervertretung aussprechen, wäre es die erste US-Gewerkschaft bei dem weltgrößten Onlinehändler in der rund 27-jährigen Konzerngeschichte. Laut der Gewerkschaft RWDSU hat Amazon bereits die Richtigkeit von Hunderten von Wahlzetteln bei der Wahl in Alambama angezweifelt.

Sollten sich die Arbeiter für eine Arbeitnehmervertretung entscheiden, wäre vor allem bemerkenswert, dass der Impuls ausgerechnet aus einem Staat käme, in dem die Quote an Gewerkschaftsmitgliedern deutlich unter dem Landesdurchschnitt liegt. Das Votum könnte wegweisend sein: Amazon ist nach Wal-Mart der zweitgrößte Arbeitgeber in den USA. Mitbestimmung ist in Amerika über die vergangenen Jahrzehnte zunehmend zum Auslaufmodell geworden. Nach offiziellen Angaben waren im vergangenen Jahr noch rund zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Gewerkschaften organisiert. 1983, als diese Zahlen zum ersten Mal erhoben wurden, lag der Anteil noch fast doppelt so hoch.

Stimmen die Mitarbeiter in Alabama für eine gewerkschaftliche Vertretung, sehen Beobachter eine Chance für eine Trendwende. Würden sich alle 5800 Mitarbeiter von Bessemer geschlossen organisieren, würde die Gewerkschaft RWDSU 32 Prozent mehr Mitglieder zählen. 2020 hatte sie 18.000 Mitglieder.

Alabama kann "Strahlkraft entfalten"

Die Gründe für den Aderlass bei den Gewerkschaften in den USA sind vielfältig: Organisierte Arbeitnehmer sind gewissermaßen die Feinde der Republikaner. Zudem haben immer mehr US-Bundesstaaten "Right to Work"-Gesetze erlassen, die sich gegen Zwangsmitgliedschaft und Zwangsbeiträge von Beschäftigten für Gewerkschaften richten. Ein weiterer Grund ist die Haltung vieler Arbeitnehmer selbst. Im Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt kümmern sich viele lieber um den eigenen Aufstieg als um den sozialen Frieden. Selbst die Massenentlassungen während der Finanzkrise seit 2008 konnten den Glauben an die Tellerwäscher-zum-Milliardär-Geschichte nicht erschüttern und den Trend umkehren.

Amazon sorgt seit Jahren immer wieder für Negativschlagzeilen wegen schlechter Arbeitsbedingungen, strenger Produktionsvorgaben und niedriger Löhne. Der Bezos-Konzern brüstet sich dagegen mit einem der im Branchenschnitt höchsten Löhne, umfassenden Nebenleistungen ab dem ersten Tag im Job sowie Karrieremöglichkeiten und einem sicheren und modernen Arbeitsumfeld. Tatsächlich hat Amazon seine Bezahlung in den USA deutlich angehoben, doch gerade in den Logistikzentren klagen Beschäftigte immer wieder über das hohe und strapaziöse Arbeitspensum sowie über angebliche Überwachung.

Mehr zum Thema

Im Herbst vergangenen Jahres sorgte eine Studie für Aufmerksamkeit, die weitreichende Überwachungsmaßnahmen zur Steigerung der Produktivität der Angestellten belegt haben will. Die Bildung von Gewerkschaftsgruppen würde mithilfe der Erkenntnisse aus Überwachungskameras, Scannern oder Wärmebildkameras verhindert, hieß es in der Untersuchung des Open Markets Institute (OPI). Die Bilder würden ausgewertet, festgestellt, in welcher Filiale ein erhöhtes Risiko der Bildung einer Arbeitnehmer-Interessensvertretung bestehe, und dann würden die entsprechenden Angestellten versetzt. Hinter OPI verbirgt sich eine Gruppe von Journalisten, Forschern und Rechtsanwälten, die gegen Kartelle und monopolartige Strukturen vorgehen.

Bei Verdi in Deutschland blickt man hoffnungsvoll auf den Konflikt in Bessemer. Die Gewerkschaft erklärte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland RND ausdrücklich ihre Solidarität. "Es geht immerhin um Arbeitskämpfe im Heimatland von Amazon, deren Ausgang kann weltweit Strahlkraft entfalten", sagte der Leiter des Fachbereichs Handel, Orhan Akman.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.