Wirtschaft

"Größte Krise seit Jahrzehnten" Brexit gefährdet britischen Weihnachtsbraten

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Viele Farmer kommen der großen Nachfrage nicht hinterher - ihnen fehlen Arbeitskräfte.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Briten lieben ihren Truthahn zu Weihnachten, doch bei vielen Familien könnte die wichtigste Zutat zum Festessen dieses Jahr fehlen. Nach dem Brexit kommen kaum noch die für die Wirtschaft so wichtigen EU-Saisonarbeiter auf die Insel. Auch andere Weihnachtsprodukte könnten knapp und teuer werden.

Landwirt Patrick Deeley steht in einer dunklen Holzscheune, eingekreist von 600 weißen hungrigen Truthähnen. Der Besitzer der Flower Farm nahe Godstone im südenglischen Surrey konnte bislang immer auf ein Dutzend Saisonarbeitskräfte für das Weihnachtsgeschäft setzen, seit 15 Jahren rekrutiert er sie aus Europa. Dieses Jahr kommt kein einziger. Das dürfte sich auf das Weihnachtsfest niederschlagen. "Ich bin nicht davon überzeugt, noch ausreichend Personal für die Arbeit vor Weihnachten zu finden", sagt Deeley.

Er braucht Hilfe beim Vorbereiten, Verpacken und Ausliefern der geschlachteten Vögel und rechnet nun mit viel Stress zum Jahresende. Die Schuld daran gibt er dem Brexit. "Der Brexit trägt, soweit ich das sehen kann, als großer Faktor dazu bei", sagt Deeley inmitten seiner 61 Hektar großen familiengeführten Farm. "Er hat zu einem massiven Mangel an Arbeitskräften geführt."

Nicht nur Deeley steht in diesem Jahr allein da. Der EU-Austritt des Königreichs hat die Arbeitnehmerfreizügigkeit beendet, strengere Einwanderungsregeln erschweren das Problem. Geflügellandwirte im ganzen Land werben eifriger denn je um Arbeitskräfte und Saisonarbeiter vom europäischen Festland - mit mäßigem Erfolg. Hinzu kommt: "Es ist nicht die schönste Arbeit der Welt", sagt Mark Gorton, der im ostenglischen Norfolk Truthähne züchtet. Harte Arbeit sei das, "sieben Tage die Woche". Bis zu 400 Saisonarbeitskräfte konnte Gorton im Dezember in den vergangenen Jahren beschäftigten, in diesem Jahr: niemand in Sicht. "Wir stehen sechs Wochen vor dem Start der Weihnachtssaison", klagt er. "Und im Moment haben wir keine Leute."

Kampf um den letzten Truthan beginnt schon im Oktober

Folglich senken viele Landwirte die Produktion, die Supermärkte - gebeutelt von Lieferschwierigkeiten durch fehlende Lastfahrer - drosseln gleichzeitig die Bestellungen. Um die wenigen Truthähne zum Fest streiten sich dann die Verbraucherinnen und Verbraucher - damit dürften die Preise deutlich steigen. Viele Familien gehen dazu über, jetzt schon ihre Bestellungen auf den Höfen zu machen. Die in der Traditional Farm-fresh Turkey Association organisierten 40 Höfe berichten teils jetzt schon von fünf Mal mehr Direktbestellungen im Vergleich zum Vorjahr.

Nun ist der Geflügelsektor zwar eine hart getroffene Branche, aber längst nicht die einzige: In Großbritannien warnen Verkäufer von Tannenbäumen vor hohen Preisen wegen gestiegener Import- und Transportkosten, Spielwaren könnten aus denselben Gründen teurer werden. Und sind sie einmal in den Häfen angekommen, fehlen Lkw-Fahrer und Lagerpersonal, die die Ware verteilen.

Die Schweinezüchter im Land finden nicht genügend Schlachter und Fleischer. Diese nicht ganz angenehme Arbeit wurde in der Vergangenheit ebenfalls häufig von ausländischen Fachkräften erledigt. Der Nationale Schweinezüchterverband spricht von der "größten Krise seit Jahrzehnten" und berichtet von Landwirten, die ihre Tiere schlachten, ohne sie überhaupt in die Nahrungsmittelkette zu geben, da die Kosten zu hoch sind. Damit ist ein weiteres beliebtes Weihnachtsgericht in Gefahr: Würstchen im Schlafrock.

Regierung Johnson macht Corona verantwortlich

Die britische Regierung kennt das Problem, auch wenn sie eher die Corona-Krise als den Brexit dafür verantwortlich macht. Viele ausländische Arbeitskräfte kehrten mit der Krise in ihre Heimatländer zurück und kamen bislang nicht wieder. London genehmigte 5500 Visa für Saisonarbeitskräfte bis zum Jahresende.

Doch Truthahn-Züchter Deeley glaubt nicht an eine Wirkung - er beobachtet, dass sich ausländische Arbeiter in Großbritannien mittlerweile unwohl fühlen. "Würde ich mein Haus, mein Land, meine Arbeit, meine Sicherheit verlassen, um einem Land zu helfen, das mich nicht will?" Es ist eine rhetorische Frage. Deeley stellt sich lieber auf harte Wochen rund um das Weihnachtsgeschäft ein. Die Menschen, die für ihn arbeiten, muss er davon überzeugen, täglich bis zu 19 Stunden zu schuften - "statt wie bisher 16".

Quelle: ntv.de, Julie Ezvan, AFP

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