Wirtschaft

Es war einmal eine Pleitefirma Buffetts Riecher für Rauch und Qualm

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Buffetts große Show: Hauptversammlung von Berkshire Hathaway im vergangenen Jahr.

(Foto: REUTERS)

Sein allererstes Investment war ein Fehlkauf. Vor 50 Jahren ließ US-Starinvestor Buffett seine Fabrik Berkshire Hathaway abreißen. Heute ziehen ihn Milliardengewinne zum Tatort Industrie zurück.

Als Warren Buffett 1962 das Textilunternehmen Berkshire Hathaway übernahm, hat er teures Lehrgeld gezahlt. Gleichzeitig lernte er eine wertvolle Lektion fürs Leben: In der Textilbranche lässt sich nicht schnell Geld scheffeln. Der US-Starinvestor disponierte um. Er riss die Fabriken ab und konzentrierte sich auf andere Branchen - auf Versicherungen, Versorger, Logistiker, Einzelhändler und erst viel später zunehmend wieder auf das verarbeitende Gewerbe. Es war die richtige Entscheidung.

  Seine Beteiligungsfirma Berkshire Hathaway ist heute eines der wertvollsten Unternehmen der Welt. Die Aktionäre lieben das "Orakel aus Omaha". Es hat viele reich gemacht. Seit Beginn der 60er Jahre mehrt der mittlerweile 85-Jährige das Vermögen seiner Anteilseigner jedes Jahr um 20 Prozent. Buffett gehört zu den wenigen Unternehmenslenkern, die Kult-Status genießen. Zum einen, weil die Treue zu ihm Bares wert ist. Zum anderen, weil er trotz seiner Milliarden auf dem Teppich geblieben ist.

Es gibt viel zu feiern - jedes Jahr aufs Neue. Buffetts jährliche Hauptversammlungen in Nebraska sind legendär und ein Riesenspektakel für Aktionäre. Stundenlang sitzen Buffett und seine rechte Hand Charlie Munger auf der Bühne der Messehalle und beantworten Fragen. Danach mischt sich Buffett zum Bridge- und Tischtennisspielen unters Volk.

Diesen Sonntag ist wieder Berkshire-Day. Über 40.000 Investoren werden erwartet. Viele reisen schon am frühen Samstag an, um einen guten Platz im "Century Link Center" in Omaha zu ergattern. Wer nicht vor Ort sein kann, kann die Veranstaltung live im Internet verfolgen. "Aus der kleinen Hauptversammlung mit 3000 Teilnehmern 1995 ist ein Zirkus geworden", erzählt der Vermögensverwalter Hendrik Leber, der seit zehn Jahren regelmäßig dabei ist.

Zurück zur Industrie

Die Journalisten von Bloomberg haben den Zirkus zum Anlass genommen, Buffetts Strategie der letzten zehn Jahre unter die Lupe zu nehmen. Die Finanzprofis stießen dabei auf eine erstaunliche Wendung im Buffett-Business. Den größten Wechsel bei den Branchen gibt es bei seinen Investments in Industrieunternehmen. Es scheint, als habe Buffett sein Faible für Fabriken und rauchende Schornsteine neu entdeckt.

Trugen die Beteiligungen im verarbeitenden Gewerbe vor zehn Jahren lediglich zwei Milliarden Dollar zum Gewinn bei, ist es 2015 laut Bloomberg-Recherchen doppelt so viel gewesen. Tendenz steigend. Im Februar ließ Buffett seine Aktionäre wissen, die Profite würden in diesem Segment "substantiell wachsen". Vielleicht erfahren sie am Wochenende mehr.

Eine ähnliche Größenordnung von vier Milliarden Dollar erreichten 2015 die Beteiligungen in Infrastruktur, zum Beispiel Eisenbahnen - diese Unternehmen hatte Buffett auch schon 2006 auf dem Radar. Auf dem absteigenden Ast ist dagegen die Versicherungsbranche, die 2015 zwar ebenfalls vier Milliarden zum Gewinn beisteuerte. 2006 hatte sie aber noch sechs Milliarden beigetragen.

Beteiligungen in der Energie-Branche brachten Buffett 2006 eine Milliarde Profit, 2015 zwei Milliarden. Erstaunlich gleichbleibend angesichts der weltweiten Finanzturbulenzen war der Profit, den der Finanz-Guru mit seinen Investments im Finanzsektor in dieser Zeit machte: Damals wie heute trägt er eine Milliarde Dollar zum Konzerngewinn bei.

Die Lieblingsbranche des Altmeisters scheint momentan ohne Frage die Industrie. Alles, was raucht und qualmt und wo etwas hergestellt wird. Während Buffett früher in Fonds von Versicherern investierte, kauft er heute auch wieder vermehrt ganze Gesellschaften.

Berkshire Hathaway
Berkshire Hathaway 307.862,76

Auf den ersten Blick scheint es eine Reise in die Vergangenheit. Tatsächlich ist es aber etwas anderes. Buffett habe in den 60ern begriffen, dass die Textilindustrie Probleme hatte, zitiert Bloomberg Vermögensverwalter Bill Smead. Er habe das Geschäft deshalb neu aufgestellt. In das alte Berkshire würde Buffett heute nicht mehr investieren.

Perlen, die schnell wachsen

Übernahmen in der Industriebranche aus jüngerer Zeit zeigen, dass der Multi-Milliardär einem anderen Plan folgt: Viele seiner Firmen stammen aus wachsenden Industriezweigen. Sie expandieren schnell. Das US-Chemieunternehmen Lubrizol zum Beispiel, das Buffett 2011 kaufte, hat seitdem regelmäßig Firmen dazugekauft. Precision Castparts (PCC), das größte Gießereiunternehmen der USA, dessen Kauf erst im Januar abgeschlossen wurde, wird wahrscheinlich genauso auf Einkaufstour gehen. PCC produziert Bauteile wie Gasturbinen. Allein 70 Prozent des Umsatzes wird im Flugzeugbau gemacht. Das Unternehmen wird von der wachsenden Reisebranche profitieren, die den Flugzeugbau ankurbelt.

Mit einer Fabrik wie Berkshire es vor 50 Jahren war, wo simple Schuhe genäht wurden, wie sie viele Konkurrenten damals produzierten, hat das nichts zu tun. David Rolfe, Investmentexperte beim US-Vermögensverwalter Wedgewood Partners sieht hinter den Zukäufen in der Industrie weniger eine Strategie, als schlicht die Gunst der Stunde. Es seien gute Einkaufsgelegenheiten, die Buffett haben spontan zugreifen lassen.

Große Strategie, Perlenfischen oder Gunst der Stunde: Buffett scheint einiges richtig zu machen. Eines seiner Erfolgsrezepte ist der gesunde Menschenverstand. Je simpler die Strategie desto besser. Der Normalsparer kauft, was er kennt. So macht das Genie aus Omaha es auch. Dem Aktienkurs von Berkshire hat das bisher gut getan. Allein in diesem Jahr ist er um elf Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Der Standard&Poor's-500-Index weniger als zwei Prozent zu.

Quelle: ntv.de