Wirtschaft

Wertvollstes Start-up der Welt Chinas Smartphone-Riese hat ein Problem

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Auf der Bühne: Xiaomi-Manager Hugo Barra.

(Foto: REUTERS)

Xiaomi verkauft in China mehr Smartphones als Apple und Samsung. Doch Geld verdienen will die Firma mit Telefonen nicht. Sie hat einen anderen Plan.

Applaus braust auf, Stimmen jauchzen, als Xiaomi-Manager Hugo Barra die Bühne betritt: schwarzes T-Shirt mit V-Ausschnitt, orange-braune Jeans, breites Grinsen. "Hallo, Neu Delhi", schreit Barra. Das Publikum kreischt zurück. Auf der Leinwand hinter ihm glitzert ein knallrotes Firmenlogo, bestehend aus den Buchstaben mi. Barra kommt gleich zum Punkt: "Xiaomi ist eine Softwarefirma, ich bin ein Softwaretyp, und wir sind heute hier, um über Software zu sprechen", sagt er.

Die Sätze überraschen viele. Xiaomi, Chinas IT-Senkrechtstarter will Softwarefirma sein? Medien in aller Welt berichten über den kometenhaften Aufstieg des Pekinger Start-ups. Sie sprechen vom "König der Smartphones". Niemand sonst verkauft in China mehr davon als Xiaomi. Samsung nicht, Apple nicht. In diesem Jahr könnten es 80 Millionen Stück werden. Weshalb spricht Barra von Software?

Der Manager geht auf der Bühne in der indischen Hauptstadt eine gute Stunde ins Detail. Es ist sein Auftrag, der Welt begreiflich zu machen, was Xiaomi wirklich will. Smartphones sind für die junge Firma nur Mittel zum Zweck, um den Kunden etwas ganz anderes zu bieten, erklärt der Manager. Es geht um Lifestyle und Dienstleistungen für junge Menschen mit schmaler Geldbörse, serviert mithilfe von Software, die Xiaomi entwickelt und dann über das firmeneigene Betriebssystem MIUI anbietet. Die Smartphones, die nur geringe Gewinnmargen abwerfen, verkaufen sich zwar massenhaft. Aber sie sind nur die Träger des eigentlichen Plans.

Barra stellt an diesem Tag die neueste Version des Betriebssystems vor. Er will die Wahrnehmung der Menschen von Xiaomi ändern. Der Brasilianer war vorher Manager bei Google. Jetzt spricht er für ein chinesisches Unternehmen, das den Verkauf von Smartphones revolutioniert hat. Verkauft wird in China nur online. Das spart Kosten für die Logistik. Beworben werden die Produkte über soziale Medien mit großer Reichweite ins Zielpublikum, aber wenig Aufwand. Das Resultat: eine beispiellose Erfolgsgeschichte.

Das US-Magazin Fast Company listete Xiaomi "für die Neuerfindung des Geschäftsmodells" an Nummer drei der innovativsten Firmen des Jahres 2014. Die US-Ausgabe des Technikmagazins Technology Review zählt Xiaomi zu den Top drei der geschicktesten Unternehmen 2015. Über seine günstigen Smartphones sucht Xiaomi Zugang in den Alltag der Kunden. Die Telefone ähneln denen von Apple, kosten aber je nach Version nur einen Bruchteil davon. Das Software-Geschäft entwickelt sich im Sog des Smartphone-Booms. 150 Millionen Menschen nutzen MIUI. Auf eine Milliarde Dollar könnten sich die Erlöse aus Applikationen und Service in diesem Jahr belaufen. Dreimal so viel 2014. Es soll nur der Anfang sein. Xiaomi baut auch Fernseher, Kopfhörer, Luftreiniger und Internetrouter. Alles zu günstigen Preisen, zusammengesetzt aus Bauteilen anderer Hersteller. Die Idee dahinter ist die totale Verknüpfung der Geräte über MIUI. Die Strategie hat aus Xiaomi das wertvollste Start-up der Welt gemacht. Die Firma, die vor fünf Jahren ihr erstes Smartphone verkaufte, wird heute auf 46 Milliarden US-Dollar taxiert, noch vor dem Fahrservice Uber.

"Apple würde sofort klagen"

Der Gipfelsturm ist Grund zum Feiern für die Macher aus Peking. Doch der Erfolg schafft auch neue Herausforderungen. "Die hohe Bewertung ist eine schwere Bürde für Xiaomi, weil jeder künftige Investor tief in die Tasche greifen muss, um einen kleinen Anteil am Unternehmen zu erhaschen. Es wird also nicht leicht, neues Kapital zu beschaffen", sagt der renommierte IT-Blogger Wei Wuhui. Neues Kapital ist aber die Basis zur Weiterentwicklung der Software und Smartphones und zur Erschließung neuer Märkte. Einen Börsengang in China hat Firmengründer Lei Jun ausgeschlossen, weil hier noch keine Technologiefirma mit einem solchen Volumen den Schritt auf das Parkett gewagt hat. Anderswo drohe aus patentrechtlichen Gründen juristischer Ärger, glaubt Marktkenner Wei. Apple würde sofort klagen, würden die Chinesen in Hongkong oder New York an die Börse wollen, sagt Wei. Außerdem würde ein Börsengang Xiaomi Transparanz über Geschäftszahlen abverlangen, auf die das Unternehmen zurzeit lieber verzichtet. Branchenkenner vermuten, dass die geringen Profite der Firma zu wenig Investoren anlocken würden.

Deshalb muss Xiaomi dringend auch international wachsen. Genau dafür ist Hugo Barra zuständig. "Seit Hugo dabei ist, sind wir in Brasilien, Indien und anderen wichtigen Märkten vertreten. Das ist ein großartiger Erfolg", sagt ein Unternehmenssprecher. Indien gilt als der heißeste Markt der Zukunft, weil sich China nach jahrelangen Rekordverkäufen dem Zustand der Sättigung nährt. Ein Selbstläufer ist das Geschäft auf dem anderen Milliarden-Kunden-Markt der Welt dennoch nicht. Die Rivalität zwischen Elefant und Drache wird auch in der digitalen Welt ausgetragen. Chinesische Unternehmen werden misstrauisch beäugt. Der kulturelle Unterschied ist so groß, dass Xiaomi eine neue Strategie entwickeln muss, um indische Kunden emotional so zu berühren, wie es in China gelingt.

Xiaomi hat deshalb in Indien begonnen, seine Komfortzone zu verlassen und setzt zunehmend auf Ladenverkäufe, um Nähe zu den Kunden aufzubauen. Fremdes Terrain für die Lieblinge der chinesischen Social-Media-Gemeinde. Blogger Wei erwartet deshalb einen Transformationsprozess: "Xiaomi wird sich verändern müssen. Auch wenn es dem Unternehmen nicht gefällt, ist es eine absolute Notwendigkeit."

Quelle: ntv.de